tatort

Scheune am Scheideweg

Wieder einmal ist es soweit: Wir suchen ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post oder E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 16. September 2019.

Foto: Andreas Denk

Der „tatort“ verdankt seine Existenz einer verkehrstechnischen Fehlplanung. Eigentlich sollte an diesem Standort eine Umgehungsstraße gebaut werden. Auf Drängen engagierter Bürger, die sich für die Errichtung des gesuchten Bauwerks zusammengeschlossen hatten, erteilte die Kommune, die die Planung eingeleitet hatte, eine vorübergehende Baugenehmigung unter dem Vorbehalt, dass das Gebäude zum Baubeginn der Straße wieder abgebaut werden müsse. Da man mit einer Höchststanddauer von zehn bis fünfzehn Jahren rechnete, kam einer der Initiatoren, der ein Werk leitete, in dem Edelstahl hergestellt wurde, auf die Idee, den Neubau als demontierbare Stahlkonstruktion entwerfen zu lassen. Der mehr oder minder einheimische Architekt, der mit der Entwurfsaufgabe beauftragt wurde, entwickelte für schmale 150.000 Mark Baukosten eine Zeltkonstruktion auf sechs V-förmigen-Stahlträgern, die weiß lackiert wurden. Die Dachhaut stellte man aus gewelltem Faserzement her, das im Innern sichtbar gelassen wurde. Der offene Dachraum ist eine dämmrige Zone, die vom diffusen Licht des umlaufenden Fensterbandes in der Erdgeschosszone erhellt wird, das ein einheimischer Glaskünstler entwarf. Das graublaue Licht, das die farbige Bleiverglasung im Innern erzeugt, hüllt Stahlträger und Eternitdachstuhl in eine stille und dennoch intensiv wahrnehmbare Atmosphäre. Diesem atmosphärischen Eindruck ordnen sich auch die wenigen schlichten Ausstattungsstücke des Raums ein, die sich in diesem „Zelt Gottes unter den Menschen“ befinden, das mit bemerkenswertem Understatement wie eine rustikale Scheune am Ortseingang der ländlichen Gemeinde steht. Die Straßenplanung an dieser Stelle hat die mittelgroße Stadt, zu der der Ort gehört, schon lange aufgegeben, das Bauwerk steht inzwischen unter Denkmalschutz. Die Idee seiner Serienfertigung hat sich allerdings nicht durchgesetzt. Um welches Gebäude handelt es sich, wer hat es wann entworfen und wo steht es?

Gesucht wurde in unserer letzten Ausgabe das Panorama-Hotel in Oberhof, das zum 20. Jahrestag der DDR 1969 eröffnet und von Interhotel DDR betrieben wurde. Auch der FDGB hat das Hotel bis 1989/90 genutzt. Der Architekt war vermutlich Krešimir Martinković. Er entwarf das Gebäude für das Belgrader Kombinat „Komgrap“, das den Bau als Geschenk Jugoslawiens an die DDR plante und ausführte. Gewinner des Buchpreises ist Rolf Wanka aus Erlangen

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