tatort

Zwiespältige Karrieren

Auch in dieser Ausgabe suchen wir ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post oder E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Exemplar des Buchs „Los Angeles Modernism Revisited“ von David Schreyer und Andreas Nierhaus. Einsendeschluss ist der 18. September 2020.

Die Vorgeschichte des „tatorts“ ist kein Ruhmesblatt der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Vielmehr steht der Versandhandel, dem das gesuchte Gebäude als Zentrale diente, für eine kaum zu glaubende Personalkontinuität vom nationalsozialistischen „Dritten Reich“ zur Bundesrepublik. Der Gründer des Unternehmens war schon 1932 der NSDAP beigetreten und übernahm in der Folge eine Reihe von Markenrechten („Tempo“, „Camelia“) und Firmen von jüdischen Besitzern – teilweise unter Wert. 1945 erhielt der Unternehmer zunächst ein Berufsverbot durch die Alliierten. Sein Eigentum wurde beschlagnahmt, er selbst zu Haft und Zwangsarbeit verurteilt. 1948 wurde er entlassen und in einem Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft. Die Anklage hatte zuvor festgestellt, dass sieben Millionen seines 9,3 Millionen Mark großen Vermögens aus jüdischem Besitz stammten. Zudem hatte der Unternehmer in den letzten Kriegsjahren seiner Frau und der gemeinsamen Tochter weitere Grundstücke und Firmen überschrieben, die vorher Juden gehört hatten. 1949 wurde der Mann offenbar auch aus wirtschaftlichen Überlegungen freigesprochen und erhielt die Vollmacht über das Unternehmen zurück, das 1952 bereits über eine Million Kunden hatte, die 100 Millionen Mark umsetzten. 1953 erhielt der Unternehmer das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1959 wurde er Ehrenbürger seiner Heimatstadt, 1961 bekam er den Verdienstorden seines Bundeslandes.

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Wenige Jahre zuvor hatte ein bekannter Architekt der Nachkriegszeit einen Neubau für das Versandunternehmen begonnen, das er innerhalb von zehn Jahren in mehreren Bauabschnitten errichtete und noch ein weiteres Jahrzehnt den sich ändernden Bedürfnissen anpasste. Der Bau umfasste schließlich 250.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Der Architekt hatte als Büroleiter eines noch berühmteren Kollegen den Bau einer bedeutenden Hochschule der 1920er Jahre und deren Meisterhäuser betreut. Während des Nationalsozialismus hatte ihn Albert Speer wegen einschlägiger Publikationen, darunter ein folgenreiches Buch, das noch heute seinen Namen trägt, zum „Reichsbeauftragten für Normungsfragen“ ernannt. Insofern war der Gesuchte, der ab 1946 eine Professur an der TH Darmstadt innehatte, prädestiniert für eine logistische Bauaufgabe des Zuschnitts, den der blühende Versandhandel erforderte: Sein Bau entsprach fast ideal den fordistischen Vorstellungen eines perfekt organisierten Arbeits- und Betriebsablaufs. Auch äußerlich brachte das Bauwerk den betrieblichen Rationalismus im Innern in der Architektursprache der entwickelten Moderne schlüssig zum Ausdruck. Das half dem Versand jedoch nur eine Zeitlang weiter: Nach dem Tod des Eigentümers übernahm zunächst seine Witwe die Geschäfte, später die Ehemänner ihrer Töchter. 2009 meldete das Unternehmen Konkurs an, die Namensrechte wurden von einem Konkurrenten erworben. Im gleichen Jahr endete auch die Verkaufs- und Vertriebstätigkeit des damals bereits unter Denkmalschutz stehenden Mutterhauses. Heute ist es im Besitz eines Düsseldorfer Immobilienentwicklers, der das gewaltige Bauwerk ab 2020 für Wohn- und Gewerbezwecke umbauen will. Lediglich die Kraftzentrale mit dem Wahrzeichen des Unternehmens, einem 90 Meter hohen Schornstein, soll weiterhin wie bisher einem dort arbeitenden Künstlerkollektiv dienen. Welches Gebäude suchen wir, und wer hat es wann für wen gebaut?

Der „tatort“ der Ausgabe 3/20, das „Mäusebunker“ genannte Gebäude der Zentralen Tierversuchslaboratorien in Berlin, das Gerd und Magdalena Hänska zwischen 1969 und 1972 entwarfen (Fertigstellung: 1981), war bis jetzt vom Abriss bedroht. Der Eigentümer, die Berliner Charité, will nach einer international unterstützten Petition zum Erhalt des Bauwerks nun einen internationalen Ideenwettbewerb zu dessen Zukunft ausloben. Gewinnerin des Buchpreises ist Michelle Weis aus Petershagen.

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