tatort

Form und Zweck

Wir suchen erneut ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post oder E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir dieses Mal das Buch „Typisch Posener“ aus dem Jovis Verlag. Einsendeschluss ist der 17. Juli 2020.

Der „tatort“ hat eine für seine Zwecke ungewöhnlich lange Baugeschichte. Vom Entwurf bis zur Fertigstellung vergingen 14 Jahre. Zwischendurch standen die Arbeiten an dem fast 150 Meter langen und 40 Meter breiten Bau vier Jahre lang still. Der Grund dafür waren zu hohe Kosten, sodass sogar über den Abriss des unvollendeten Bauwerks diskutiert wurde. Mindestens so ungewöhnlich wie Bauzeit und -kosten ist das Gebäude selbst: Die Großform des Baus besteht aus einem länglichen Pyramidenstumpf, der vollständig mit vorgefertigten Sichtbetonplatten verkleidet ist. In mehreren Reihen ragen blau lackierte Lüftungsrohre weit aus der Fassade, alle Fensteröffnungen sind als tetraederförmige Vorsprünge entwickelt. Die kanonenrohrgleichen Lüftungen und die schräg ansteigenden, plattierten Fassaden mit ihren lukenähnlichen Öffnungen geben dem Bau ein martialisches, an Linienschiffe des Ersten Weltkriegs erinnerndes Aussehen. Der Entwurf der „sprechenden“ Architektur stammt von einem Ehepaar, die Ausführung übernahm der männliche Part des Büros mit einem weiteren Architekten. Zunächst hatten die Entwerfer an eine tonnenartig gewölbte Gebäudeform gedacht, die ein günstiges Verhältnis von Gebäude­oberfläche zum umbauten Raum versprach. Im Laufe der Vertiefung des Entwurfs gelangte der Architekt zur konstruktiv einfacheren eckigen Form mit abgeschrägten Kanten. Um die Konstruktionsweise des komplexen Gebäudes zu testen, errichtete man in der Nachbarschaft einen Versuchsbau, der inzwischen abgerissen wurde.

  Foto: Kay Fingerle

Das befremdliche Erscheinungsbild, das insbesondere aus der Unterbringung von groß dimensionierten Lüftungsanlagen auf zwei Technikgeschossen resultiert, gab zusammen mit der Funktion des Gebäudes, die für einen sprechenden Spitznamen sorgte, schon frühzeitig Anlass für Proteste. In den beiden anderen, im Versuchsbereich in Edelstahl verkleideten und gefliesten Zellen aufgeteilten Geschossen sind nämlich neben einem Verwaltungsbereich Labor-, Eingriffs- und Tierhaltungsräume untergebracht: Das Gebäude diente unter anderem der Entwicklung sogenannter transgener Technologien, bei denen genetisch veränderte Maus- und Rattenmodelle durch gerichtete und ungerichtete Mutagenese und Stammzellenmutation hergestellt werden. Seit Anfang der 2000er Jahre werden in dem Gebäude überwiegend Mäuse und Ratten für den Forschungsbedarf einer großen medizinischen Einrichtung gezüchtet, zu dem der „tatort“ mittlerweile gehört, nachdem der experimentelle wissenschaftliche Betrieb dort vor zehn Jahren eingestellt wurde. In der Zwischenzeit hat man an anderem Ort einen Ersatzbau für den „tatort“ errichtet, für den „auf Grund des technischen Betriebsalters und der eingeschränkten Sanierbarkeit des Gebäudes“ angeblich nur ein Abriss in Frage kommt. Gegen diesen Verlust eines der markantesten Gebäude des sogenannten Brutalismus in der Bundesrepublik haben sich inzwischen über 5000 Unterzeichner in einer offenen Petition und eine Vielzahl von Pressestimmen im In- und Ausland ausgesprochen. Um welches Gebäude handelt es sich, wo steht es und wer hat es entworfen?

Der „tatort“ der letzten Ausgabe war das Restaurant „Tantris“ in München, das der gerade verstorbene Justus Dahinden (siehe S. 92-93) 1970/71 entworfen hat. Der gesuchte „sinnenfrohe Bauherr“ war der Bauunternehmer Fritz Eichbauer und sein „österreichischer Sachwalter“, der mit zwei Guide-Michelin-Sternen ausgezeichnete Koch Eckart Witzigmann. Der derzeitige, ebenfalls mit zwei Sternen versehene Küchenchef Hans Haas will sich zum Ende dieses Jahres zurückziehen. Gewinnerin des Buchpreises ist Barbara Koglbauer aus Bruck an der Mur in Österreich.

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