neu im club

Eismeer und Betonruine

Tanja Lincke, Architektin BDA, Tanja Lincke Architekten, Berlin

Wer Tanja Lincke in ihrem Büro im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick besucht, begibt sich zunächst in ein etwas abgeschieden anmutendes Gebiet am südlichen Zipfel des Plänterwalds. Vom pulsierenden Leben Ber­lins ist hier wenig zu spüren, stattdessen liegt der Geruch von Waldboden und der nahgelegenen Spree in der Luft. Hinter einem großen Stahltor eröffnet sich das großzügige, direkt am Fluss gelegene Areal, auf dem Tanja Lincke mehrere Um- und Neubauten verwirklicht hat, darunter ihr eigenes Büro, ihr Wohnhaus, ein Atelierbau sowie ein Depotgebäude, lose arrangiert um einen zentralen Ruinengarten.

Tanja Lincke Architekten, Garage, Foto: Marcus Ebener

Tanja Lincke Architekten, Garage, Foto: Marcus Ebener

So befindet man sich mitten in einer Werkschau der Architektin, die aus einem Werftgelände der ehemaligen Wasserschutzpolizei der DDR einen Ort der architektonischen und künstlerischen Neuaneignung sowie der unaufdringlichen Erinnerung geschaffen hat. Linckes Mann, der Künstler Anselm Reyle, hatte das brachliegende Grundstück vor einigen Jahren erstanden und daraufhin seine Frau mit dem Umbau der teils verfallenen DDR-Funktionsbauten beauftragt.

Tanja Lincke Architekten, Magazin, Foto: Noshe

Tanja Lincke Architekten, Magazin, Foto: Noshe

Dass Tanja Lincke diesen Auftrag sofort annahm, war nicht unbedingt selbstverständlich. Denn nach ihrem Architekturstudium in Aachen und Krakau hatte sie zunächst eine Karriere in der Bundesarchitektenkammer eingeschlagen, einige Jahre in Brüssel, später als Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Berlin. „Irgendwie hatte ich das Gefühl, jetzt ist die richtige Zeit“, sagt sie heute zur Entscheidung, aus der Berufspolitik in die Praxis zu wechseln, „seltsamerweise hatte ich gar keine Zweifel, obwohl so viel Zeit seit dem Studienabschluss vergangen war.“

Tanja Lincke Architekten, Atelier Anselm Reyle, Foto: Marcus Ebener

Tanja Lincke Architekten, Atelier Anselm Reyle, Foto: Marcus Ebener

So wurde als erste Maßnahme der bestehende Garagentrakt sowie ein Motorenprüfstandsgebäude zu Büroräumen und Maler­atelier umfunktioniert. Oberlichter und breite Glastüren wurden zur Belichtung eingesetzt, die Fassade mit großformatigen Trapezblechen verkleidet – eine Anlehnung an die Spundwände, mit denen der Fluss an einigen Stellen eingefasst wird. Im Inneren wurde der Schmutz der Mauern mit weißer Schlemme etwas abgemildert, aber nicht gänzlich übertüncht, an einer Wand prangt noch der Schriftzug „Rauchen polizeilich verboten“.

An Sommertagen sind alle Türen des Bürobaus zum Ruinengarten hin geöffnet, den Lincke zusammen mit ihrem Mann konzipiert hat. Ursprünglich stand hier ein gewaltiges Werftgebäude mit morscher Tragstruktur, das eigentlich dem Abriss geweiht war. Doch anstatt Tabula rasa zu machen, entschied man sich, ausgewählte Teile des Baus zu bewahren. „Wir beide waren schon immer fasziniert von verlassenen Industriearealen, die sich die Natur langsam zurückholt.“ Daher kam auch der Wunsch auf, nicht jegliche Spur des Vergangenen an diesem Ort auszulöschen: „Wir wollten an das verlassene Areal erinnern und diesen Zustand noch überspitzen, indem wir wirkliche Ruinen schaffen. Die Form der Ruinen hatten wir uns vorher an Modellen überlegt und vor Beginn der Abrissarbeiten eins zu eins auf die Wände übertragen.“

Tanja Lincke Architekten mit Anselm Reyle, Ruinengarten, Fotos: Noshe

Tanja Lincke Architekten mit Anselm Reyle, Ruinengarten, Fotos: Noshe

Für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kuratiertheit und Verfall war sehr viel Feingefühl für die landschaftsgärtnerische Gestaltung notwendig. Wohlkomponierte Staudenbeete und in exakt geometrischer Form angelegter englischer Rasen bilden das nötige Gegengewicht zur morbiden Atmosphäre der mächtigen Ruinen. Ein gewaltiger Mauerrest mit Toröffnung inszeniert den Blick auf die Spree und dient zugleich als schattenspendender Terrassenbereich. Auf sehr selbstverständlich erscheinende Weise wurde somit die Nutzbarmachung mit einer atmosphärischen Aufladung verbunden.

Tanja Lincke Architekten mit Anselm Reyle, Ruinengarten, Fotos: Noshe

Tanja Lincke Architekten mit Anselm Reyle, Ruinengarten, Fotos: Noshe

Bemerkenswert ist dabei auch der Umgang mit den typischen DDR-Beton-Bodenplatten auf dem Gelände, die an den Flächen der Zuwegung belassen und an anderen Stellen herausgerissen wurden. Die dabei angefallenen großen Betonfragmente sind als landschaftsgestalterische Elemente an einigen Orten zu skulpturalen Anhäufungen arrangiert. „Das Vorbild waren die steil übereinander geschobenen Eisschollen in Caspar David Friedrichs Gemälde ‚Eismeer’“, erzählt die Architektin.

Die Verschränkung von Kunst und Architektur empfindet Tanja Lincke als enorm fruchtbar: „Wir unterhalten uns beinahe jeden Abend lange über das, was uns tagsüber beschäftigt hat. Weil wir aus verwandten Gebieten kommen, haben wir ein tiefes Verständnis für das, was der andere tut, aber auch den nötigen Abstand.“ So ist die Zusammenarbeit sehr eng: während im Ateliergebäude mit Farben, Texturen und Materialien experimentiert wird, sitzen die Architektin und ihre drei Mitarbeiterinnen nebenan an ihren Bauprojekten. Zum gemeinsamen Essen kommt man jeden Mittag zum Austausch zusammen.

Tanja Lincke Architekten, Haus an der Spree, Berlin 2014 – 2017, Fotos: Noshe

Tanja Lincke Architekten, Haus an der Spree, Berlin 2014 – 2017, Fotos: Noshe

Das Wohnhaus ist das letzte Gebäude, das Tanja Lincke auf dem Gelände vollendet hat. Die Aufständerung des in Sichtbeton ausgeführten Baus auf kannelierte Rundpfeiler hat dabei nichts mit Hochwasserschutz zu tun: „Es war wichtig, dass der Raum unten durch fließt und das Wohnhaus den Raum zum Fluss nicht komplett versperrt.“ Inspiration war dabei auch die Ästhetik von Bauruinen in südlichen Ländern, sagt sie: „Der Bau sollte aussehen wie ein Rohbau, in den man zur Nutzbarmachung eine Glasfassade eingestellt hat. Damit sollte sich das Gebäude wie selbstverständlich in das Areal einfügen sowie zeitlich und funktional nicht zuzuordnen sein.“

Bei ihren Erläuterungen hebt die Architektin immer wieder die Materialität hervor: „Ich habe den Betonbauern gesagt: Macht das so, wie ihr es selbstverständlich betonieren würdet – so wird es automatisch gut, da es nicht gestellt und gezwungen ist.“ Die „super perfekten, durchdesignten Oberflächen“ finde sie dagegen „schwierig“. „Es ist unheimlich wichtig, Materialien auszuwählen, die gut altern“, so Lincke.

Tanja Lincke Architekten, Haus an der Spree, Berlin 2014 – 2017, Fotos: Noshe

Tanja Lincke Architekten, Haus an der Spree, Berlin 2014 – 2017, Fotos: Noshe

Auch im Inneren wurde auf Materialien der näheren Umgebung zurückgegriffen. Der Erschließungskern des Gebäudes, in dem auch die Bäder und die Küche untergebracht sind, wird seinerseits durch Glasbausteinwände unterteilt, das Treppengeländer aus Holzbohlen wurde aus dem Baum gewonnen, der für den Bau gefällt werden musste. Auf der Wohnetage finden sich Kunstobjekte und selbstgestaltete Möbel, die wie Kunstobjekte anmuten; an der Decke eine Lampe aus dem abgerissenen Palast der Republik. „Es war wichtig, den Mut zu haben, auch ein paar merkwürdigere Objekte zuzulassen“, sagt Lincke. Die Präsentation von Kunst habe auch beim Entwurf eine Rolle gespielt, was sich unter anderem in einem raumtrennenden Regal aus Zebranoholzfurnier zeigt, das als „überdimensionierter Setzkasten“ fungiert. Werke bekannter Künstler stehen hier neben Flohmarktstücken und anderen objets trouvés.

Tanja Lincke Architekten, Haus an der Spree, Berlin 2014 – 2017, Fotos: Noshe

Tanja Lincke Architekten, Haus an der Spree, Berlin 2014 – 2017, Fotos: Noshe

„Als die Leute von der Wasserschutzpolizei, die unsere Nachbarn sind, die Lampe gesehen haben, wurde sofort gefragt, ob auch die Fenster aus dem Palast der Republik stammen“, erzählt Tanja Lincke lachend. Die Reminiszenz an DDR-Architektur sei aber nicht beabsichtigt gewesen, wenngleich sie viele der Bauten sehr schätzt. Dass sie derzeit selbst an einem Umbau eines Bauwerks in Berlin Oberschöneweide von 1964 arbeiten kann, freut die in Thüringen aufgewachsene Architektin daher sehr. Der modulare Bau, in dem der DDR-Jugendrundfunk untergebracht war, stand jahrelang leer und wurde insbesondere von Sprayern genutzt. Nun soll hier Raum für Büros und Ateliers geschaffen werden. Für individuelle Nutzungsgrößen sieht der Entwurf in regelmäßigen Abständen flexible Raumelemente vor, in die ein Sanitärbereich sowie eine Küche integriert ist. Je nach Bedarf können die Module aus Aluminium und Polycarbonatplatten aber auch als Regale verwendet werden. Der Charakter des Baus mit seinen rohen Betonwänden und den Spuren der Geschichte soll dabei erhalten bleiben.

Tanja Lincke Architekten, Festhalle Rheinstahlgelände, Berlin, seit 2019, Visualisierung: TLA

Tanja Lincke Architekten, Festhalle Rheinstahlgelände, Berlin, seit 2019, Visualisierung: TLA

So auch bei einem weiteren Umbau, den Tanja Lincke derzeit plant. Dabei handelt es sich um eine Stahllagerhalle, die 1923 in Neukölln von Emil Fahrenkamp für Rheinstahl errichtet wurde. Für die Umnutzung in eine Veranstaltungshalle wird der Bau im Inneren nicht zergliedert, sondern vor- und rückseitig ergänzt. Goldene Sheddächer auf den Neubauelementen erinnern dabei an die industrielle Nutzung und setzen zugleich ein starkes visuelles Zeichen der Neunutzung. „Es ist entscheidend, die Balance zu wahren. Man verneigt sich vor dem Bestand, zeigt aber auch: Wir sind in der Gegenwart und es ist eine neue Nutzung.“ Damit verfolgt das Büro sicherlich einen zeitgemäßen Ansatz für die Nutzung unseres baulichen Erbes: die Aufwertung durch sorgsames Substrahieren und Inszenieren des Bestands sowie das Hinzufügen von gestalterisch starken und alterungsfähigen Elementen.
Elina Potratz

www.tanja-lincke-architekten.com

neu im club im DAZ
Talk mit Tanja Lincke: 30. September 2020, 19.00 Uhr

www.daz.de
www.neuimclub.de

Medienpartner: www.marlowes.de

neu im club wird unterstützt von Erfurt und Heinze sowie den BDA-Partnern.

Dieser Text ist erschienen in der architekt 4/20 „material der stadt. material gewordenes zeichen – zeichen gewordenes material“.

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