Andreas Hild

Umbau

Strateginnen und Strategen, Strategien und Methoden

Bruno Reichlin entwirft in seinem großartigen Artikel „Überlegungen zur Erhaltung des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts“(1) die These von einer Umkehrung der gängigen Planungsweise beim Umbau: Beim Neubau bestimme die Setzung des Programms den Bau, beim Umbau sei der Bestandsbau gesetzt, dieser Prämisse habe alles weitere zu folgen. Nicht zuletzt deshalb gleiche ein Umbau der Inszenierung eines Theaterstücks: Das bestehende Gebäude sei das Stück, der Architekt der Regisseur. Nun ist vielleicht nicht jeder Regiestil für jede Form von Theater geeignet. Unabhängig davon gibt es unzählige Arten, ein bestimmtes Drama zu inszenieren. Das hängt mit Zeitströmungen, aber auch mit der persönlichen Haltung einzelner Künstlerinnen und Künstler und mit ihrer Positionierung innerhalb bestimmter Theatertraditionen zusammen. Eine postmodern geprägte Regisseurin interpretiert Goethes Faust sicherlich anders als dies ein Anhänger der werktreuen Klassikerpflege tut. Gilt Ähnliches vielleicht auch für Architekten und ihre jeweilige Aufführungspraxis beim Umbau? Und lassen sich in ihren unterschiedlichen Strategien möglicherweise Spuren bestimmter Traditionen festmachen?

Diese Ausgabe will überprüfen, inwieweit sich in der heutigen Umbaupraxis unterschiedliche Vorgehensweisen identifizieren und ordnen lassen, die im Zusammenhang mit innerhalb der Berufsgeschichte überlieferten Tätigkeitsfeldern in der Architektur stehen. Möglicherweise kann ein zweiter Blick bereits neue Fachkulturen und Vorgehensweisen am Horizont ausmachen. Auch ließe sich untersuchen, ob einzelne Architektinnen und Architekten stets bei einer Strategie bleiben oder diese je nach Aufgabe wechseln. Und nicht zuletzt wäre der These nachzugehen, ob nicht die unterschiedlichen Fachtraditionen, in denen die einzelnen Architekturschaffenden verwurzelt sind, erklären können, warum sich diese mitunter so fremd gegenüberstehen. In jedem Falle kann die hier unternommene Betrachtung helfen zu verstehen, dass Umbau mehr ist als nur ein Sonderfall von Neubau.

Foto: Lisa Risager (via flickr.com / CC BY-SA 2.0)

Prof. Dipl.-Ing. Andreas Hild (*1961) studierte Architektur an der ETH Zürich und der TU München. 1992 gründete er zusammen mit Tillmann Kaltwasser das Büro Hild und Kaltwasser Architekten. Seit 1999 in Partnerschaft mit Dionys Ottl, seit 2011 mit Matthias Haber: Hild und K Architekten. Nach verschiedenen Lehraufträgen und Gastprofessuren wurde Hild 2013 auf die Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege an der TU München berufen. Andreas Hild ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, er lebt und arbeitet in München.

Anmerkung
1 Reichlin, Bruno: Überlegungen zur Erhaltung des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts. In: Bestand der Moderne, hrsgg. v. Elise Feiersinger, Andreas Vass und Susanne Veit, Zürich 2012, S. 30-39

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