Buch der Woche: Evi Lembergers Between Then and Now

Vom Verschwinden

Unter all den Phänomenen, mit denen wir es beständig zu tun haben, ist die Gleichzeitigkeit von schrumpfenden ländlichen Regionen – die von wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher Neuerung abgehängt scheinen – und der dauerhaften Nivellierung der Unterschiede unserer Städte eines des bemerkenswerteren. Viele Gegenden im ländlichen Raum, nicht nur, aber auch in Deutschland, veröden zusehends. Die globalisierten Wirtschaftsströme machen hier nicht mehr halt, die jungen Menschen ziehen weg. Was bleibt, sind nicht nur die älteren und alten Menschen, sondern auch die Strukturen, die von einem früheren, einem anderen Leben zeugen. Einem Leben, das oft von einem sehr spezifischen lokalen Kolorit geprägt war. Betrachtet man das Streben vieler junger und hipper Großstädter nach genau solch lokal gefärbten Dingen, denen das Selbstgemachte, Heimelige anhaftet, dann erscheint es umso paradoxer, dass sich die Städte, in die es die Landflüchtigen getrieben hat, immer gleicher – ja fast austauschbar – werden.

Evi Lemberger stammt aus einer solchen schrumpfenden und irgendwie sterbenden Region. In berührenden Bildern hat die 1983 im Bayrischen Wald geborene Fotografin ihrer Heimat eine Serie mit dem Titel „Between Then and Now“ gewidmet, die nun erstmals im Kehrer Verlag als Buch erscheint. Entstanden in den Jahren 2007 und 2008, illustrieren die Fotografien das Schicksal des Ortes Lam. Die Zeit scheint auf den Bildern still zu stehen. Man kann ihn förmlich riechen, den Muff, der manchen dieser Aufnahmen innezuwohnen scheint. Mittelalte und alte Menschen in Häusern, die seit Jahren keine Renovierung erfahren haben, Verfallenes, Gasthäuser und Wirtsstuben, Zimmer, in denen neben den roten Vorhängen nur noch der Zwölfender an der Wand hängt, freundlich bis verzagt blickende Menschen in Wald, Stall, Garten und Haus, alte Heizkessel oder Vasen. Ergänzt wird das fein gesetzte, angenehm unaufgeregte 104 Seiten starke Büchlein um Texte von Alisa Beck, Anna Wheill, Herbert Poehnl und Mads Holm.

Lemberger gelingt mit „Between Then and Now“ eine erstaunliche Dopplung. Zum einen erzählen die Bilder eindeutig vom Leben im Bayrischen Wald, zum anderen wird sofort klar, dass sich ähnliche Bilder auch in Teilen der Pfalz, in Mecklenburg oder dem Emsland machen ließen. Ästhetisch und gleichsam verstörend sind die Bilder der Fotografin und durch ihre spezifische Ortsgebundenheit bei gleichzeitiger Allgemeingültigkeit ein sprechendes Zeugnis unserer Zeit. Noch bis zum 26. März sind die Arbeiten von Evi Lemberger in der Münchner Step Across Gallery zu sehen, wo am 5. März auch das Book Release von „Between Then and Now“ stattfindet.

David Kasparek

Evi Lemberger: Between Then and Now, mit Texten von Alisa Beck, Anna Wheill, Herbert Poehnl, Mads Holm, 104 S., 36 Farbabb., Deutsch/Englisch, 29,90 Euro, Kehrer Verlag, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-86828-684-7

Fotos: Evi Lemberger

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*