Thomas H. Schmitz

Wirkkräfte des Raums

Für eine architekturspezifische Farben-Theorie

Farbe scheint in der Architektur ursprünglich kein fundamentales, eigenes Problem gewesen zu sein, denn Farbe war immer schon – als Eigenschaft der Materialien – ein substantieller Bestandteil des physischen Bauens. Erst mit den zunehmenden Einflussmöglichkeiten des Menschen auf Baumaterialien wurde auch deren Eigenfarbigkeit (beispielsweise durch das Brennen von Lehm) gestaltbar und konnte zur Gliederung und zum Schmuck von Bauten eingesetzt werden. Nachträglich aufgetragene Farben wurden als Malerei, also als nicht-tektonische Gestaltungsmittel von Bauteilen angesehen, die aus programmatischen Gründen ‚nackt’ zu sein hatten. Aus der Sicht vieler Architekten wirkten sie sprichwörtlich an der Oberfläche des Gebauten und tangierten den Bereich des „dekorativen Schleims“ (Giedion, 1), während Semper die Oberflächen der Räume als Bekleidungsflächen auffasste und als die „wahren und legitimen Repräsentanten der räumlichen Idee“ verstand.(2) Wenn sich also die allfällige Debatte über den Stellenwert von Wandoberflächen wie ein roter Faden durch die Architekturgeschichte zumindest der letzten beiden Jahrhunderte zieht, so ist es kein Wunder, dass auch dem Phänomen Farbe immer mit einer gewissen Ambivalenz begegnet wurde.

Es ist eine Domäne der Malerei geblieben. So waren es in der Regel Maler, die den Diskurs über Farben bestimmten. Und diese nutzten unter anderem Farben mit größtem Raffinement, um das Problem des Raumes in einer an sich flächigen Kunstform zur Darstellung bringen zu können. Aber spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich Methoden und Konzepte der verschiedenen Künste so aufeinander hin entwickelt, dass sich deren Schnittmengen erheblich vergrößert haben. Wenn der Maler Francis Bacon betont, dass Farbe unmittelbar ins Nervensystem dringt, dann trifft er damit einen Punkt, der auch die Architektur angeht: Denn Farbe ist ein Aspekt von Räumen, der in basaler Weise zu deren Stimmung beiträgt. Die längst überfällige Thematisierung von Gebäuden als Atmosphären in ihrem Bezug auf die Befindlichkeit von Menschen ist ein Teil der gegenwärtigen Architekturdebatte. Sie rückt damit Materialität und Farben in den Fokus der Betrachtung. Diese sind wirkende Kräfte im Raum, denn sie schaffen Bedingungen, die mit den Betrachtern in eine Interaktion treten und deren Befindlichkeit in einer spezifischen Form prägen. Gernot Böhme bezeichnet derartige Formen des Aus-sich-Heraustretens als „Ekstasen“, also als Äußerungsformen von Dingen, im Unterschied zu den eher passiv verstandenen, metrisch fassbaren Eigenschaften.(3) Und nie waren die Möglichkeiten zur Erzeugung von Farbigkeit, neuen Materialien und Materialverbünden besser als heute.

Repros: Thomas Schmitz

Erinnern und Auswählen von Farbtönen und -klängen: Seminararbeit zum Thema „Farbwahrnehmung“ am Lehrstuhl für bildnerische Gestaltung BIG, RWTH Aachen, Repros: Thomas Schmitz

Erziehung zur Farbe
Was allerdings die theoretische und methodische Fundierung des Umgangs mit Farben angeht, so behilft man sich in der Regel mit den Lehren, die von Malern (Johannes Itten in der Tradition von Adolf Hölzel, Paul Klee und Josef Albers) am Bauhaus und an den ihnen nachfolgenden Instituten für Maler entwickelt wurden. Man muss aus heutiger Sicht feststellen, dass die Hölzel-Ittensche Kontrastlehre, die Farbenkreise und Farbraum-Modelle zwar immer noch ihre Gültigkeit haben, aber den technischen Möglichkeiten heutiger Farbgebung und den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen bei weitem nicht mehr entsprechen. Farbe ist weit mehr als der Inhalt von Tuben oder von theoretischen Systemen.

In der Klassifizierung der Farben des Begründers einer umfassenden modernen Farbentheorie – Johann Wolfgang von Goethe – wären damit einzig die bei ihm so genannten „chemischen Farben“ abgedeckt. Was heutige Farben- und Lichtkünstler aber mindestens in gleicher Weise beschäftigt – und was mittlerweile auch technisch realisierbar ist – sind die „physiologischen“ und „physischen“ Farben, wie sie Goethe in seinem immer noch gültigen Grundlagenwerk beschrieben hatte.(4) Gerade, weil sich in der Architektur ein erkennbares Interesse an derartigen Phänomenen zeigt, erscheint es geboten, dieses Thema aus einer zeitgenössischen und generalistischen Perspektive der Architektur wissenschaftlich neu zu bestimmen und zugleich als einen fundamentalen Bestandteil der universitären Ausbildung in die Lehre zu integrieren. Das ist über Jahrzehnte eher halbherzig und wenig entschieden betrieben worden.

Seminararbeit zum Thema „Farbwahrnehmung“ am Lehrstuhl für bildnerische Ge-staltung BIG, RWTH Aachen, Foto: Thomas Schmitz

Seminararbeit zum Thema „Farbwahrnehmung“ am Lehrstuhl für bildnerische Ge-staltung BIG, RWTH Aachen, Foto: Thomas Schmitz

Kritische Erfahrung als Gradmesser
Ich möchte hier stattdessen dafür plädieren, dass Farbe mit den anderen sinnlichen Qualitäten wie dem Klang oder der Haptik von Materialien, Objekten und Räumen als Querschnittsthema in den Architekturhochschulen interdisziplinär behandelt werden sollte. Sinnliche Qualitäten sind die „Herzstücke“ der Architektur und zugleich zentrale Elemente zur rationalen Herstellung von Atmosphären. Und sie sind keinesfalls nur Themen der Gestaltung: Als Bestandteil beinahe aller Kulturen sind sie immer schon (wenn auch nur vereinzelt) Gegenstand der Geschichte und der Theorie gewesen, aber auch einer funktionalen, physiologischen und technischen Betrachtung. Eine Vernetzung der verschiedenen Fachkompetenzen und Perspektiven eröffnet die Möglichkeit, dass sich eine spezifisch architektonische Sicht auf dieses bei näherer Betrachtung sehr komplexe und spannende Gebiet entwickeln kann.

Farben (und seien es die unbunten) sind auch im Bauwesen allgegenwärtig und lassen sich kaum aus guten Gründen ignorieren. Angehende Architekten sollten gegenüber diesem Medium der Raumgestaltung eine zugleich offensive und professionelle Haltung entwickeln. Dies zu initiieren, ist die Aufgabe einer architekturspezifischen Farbentheorie. Die Eckpfeiler ihrer Vermittlung in der Lehre bestehen in der systematischen Einordnung bestehender Erkenntnisse, vor allem aber im Erarbeiten sensomotorischer Fähigkeiten als Basis einer guten Intuition.(5) Denn eine Theorie der architektonischen Farben begründet sich in besonderer Weise in der persönlichen Erfahrung eines optischen Phänomens, das selbst zwar exakt quantifiziert werden kann, dessen Korrelationen und Wirkungen aber in einem hohen Maß von subjektivem Charakter sind.

Seminararbeit zum Thema „Farbwahrnehmung“ am Lehrstuhl für bildnerische Ge-staltung BIG, RWTH Aachen, Foto: Thomas Schmitz

Seminararbeit zum Thema „Farbwahrnehmung“ am Lehrstuhl für bildnerische Ge-staltung BIG, RWTH Aachen, Foto: Thomas Schmitz

Der Umgang mit Farben impliziert darum schon immer den nicht endenden Kreislauf von zahlreichen praktischen Experimenten und deren kritischer Auswertung, aus denen im Lauf der Zeit Erfahrung entsteht. Eine Didaktik der Farbe enthält diverse handwerkliche Aspekte, denn eine Verinnerlichung von Erkenntnissen erfolgt in einer sinnlichen Disziplin vor allem durch ein ebenso sinnlich erlebtes Agieren: Die individuellen Arbeiten bestehen aus Recherchen, dem Erstellen von Sammlungen flächiger farbiger Materialien, Papiere und Drucke, aus handwerklichen Experimenten mit Farbtechniken, Untergründen und Bindemitteln, sowie aus raumbezogenen Arbeiten am Modell und im realen Raum. So entsteht bei gebührender Intensität der Auseinandersetzung Tacit Knowledge, also die Fähigkeit, gewissermaßen mit den Sinnen zu denken. Das ist ein lebendiger, spielerischer Prozess, der vom individuellen Experiment und Engagement bestimmt wird. Die Vermittlung an gesichertem und verallgemeinerbarem Wissen ist mit diesem Erkenntnisprozess so verwoben, dass sie ihn inhaltlich strukturiert und gezielt Fragen für eigene Studien formuliert. Als Etappen einer architekturspezifischen Farbentheorie bieten sich folgende Themen an, die jeweils modular abgeschlossen sind und separat weiter vertieft werden können:

Das Spiel der Kräfte durchschauen
Farben haben Bedeutungen und vielfältige Konnotationen, die durch eine farbpsychologische Betrachtung entschlüsselt werden können. Zum einen begründen sie sich auf unserer basalen Existenz als Naturwesen, zum anderen auf den selbst geschaffenen kulturellen Kontext, der als ein differenziertes Kohärenzsystem für den Umgang mit Farben fungiert. Diese Kenntnisse sind von zentraler Bedeutung, denn die oft diffus vermengten Wahrnehmungen und Erfahrungen, die unsere Einschätzung und Bewertung farblicher Umgebungen unbewusst prägen, können in der Architektur gezielt zur Stimmung von Räumen eingesetzt werden. In der multimodalen Konvergenz des optischen Sinns mit haptischen und akustischen Reizen lassen sich deren Effekte sogar noch steigern. Wie im Bereich der Werbung, des Films und der Bühnenkunst können derartige Kenntnisse auch in der Architektur systematisch weiterentwickelt und präzise eingesetzt werden.

Seminararbeit zum Thema „Individuelle Archive“ am Lehrstuhl für bildnerische Ge-staltung BIG, RWTH Aachen, Foto: Thomas Schmitz

Seminararbeit zum Thema „Individuelle Archive“ am Lehrstuhl für bildnerische Ge-staltung BIG, RWTH Aachen, Foto: Thomas Schmitz

Statische und dynamische Wirkungen
Eine umfassende Erkundung der Farbenphänomene in Anlehnung an Goethe zeigt an Beispielen und Experimenten die Vielfalt auch an flüchtigen und dynamischen Effekten, die gegenwärtig eine zunehmende Beachtung erfahren: Neben den chemischen sind das physische und physiologische Farben und so genannte Actual Facts (6) wie optische Mischung, optische Täuschung und Transparenz. Handwerklich-technische Experimente zur Materialität von Farben holen auch die chemischen Farben in den Bereich des Künstlerischen und Gestaltbaren zurück. Es ist ein erweckendes Erlebnis, wie meisterliche Techniken Farbwirkungen verfeinern, zum Beispiel durch besondere Untergründe, Bindemittel, Glanzgrade und traditionelle Pigmente.

Farben kommunizieren
Der praktische Umgang mit den heute gebräuchlichen Farbsystemen setzt in Korrelation mit den Inhalten der klassischen Farbenlehre auch das Verständnis für deren Herkunft und Systematik voraus: Dies umfasst die Dimensionen und die Ordnung des Farbenraums. In diesen Themenkomplex gehören auch die nach völlig anderen Gesichtspunkten entwickelten Farbsammlungen wie Normen (beispielsweise RAL-Farben) und individuelle Zusammenstellungen wie Le Corbusiers Salubra-Collectionen (aus traditionellen Maler-Pigmenten) oder die individuellen Kollektionen von Mendini, Foster oder Koolhaas für Sikkens.

Foto: BIG

Interventionen, Wintersemester 2012, Lehrstuhl für bildnerische Gestaltung BIG, RWTH Aachen, Foto: BIG

Kompositionsstrategien für dynamische Architekturphänomene
Farben werden immer in Abhängigkeit und relativ zu ihrer Umgebung wahrgenommen. Das bedeutet, dass die Rezeption von Einzelfarben im Bezug auf ihren Kontext dynamisch ist, dass beispielsweise eine Farbe in einem Kontext als hässlich, in einem anderen als passend angesehen wird (andere Beispiele: die immer relative Unterscheidung von kalt/warm, Reflexionen oder Brillanz-/Camouflage-Strategien). Entscheidend für das Gelingen farbiger Gestaltungen ist ihr Zusammenwirken als Komposition und die Kenntnis über die Varianzen in der Wahrnehmung. Dieses sehr komplexe wie hoch spannende Gebiet wird aufbauend auf der Hölzelschen Kontrastlehre und Goethes Überlegungen zur „sinnlich-sittlichen Wirkung der Farben“ entwickelt. Auch hier behalten Goethes systematische Überlegungen eine grundsätzliche Gültigkeit, vor allem, weil er sowohl Harmonien wie auch Dissonanzen als „charakteristische Farben“ beschreibt, denen er explizit Eigenschaften zuweist, die Atmosphären erzeugen können.

Die Kompositionslehre der Farben verändert sich noch einmal substantiell, wenn sie in Korrelation mit dem Raum gebracht wird. Im Raum steht Farbe in permanenter Wechselbeziehung mit den Ausrichtungen der Flächen, mit ihrer Textur und mit dem natürlichen Licht, das sich seinerseits über den Tag in Richtung, Intensität und Farbe verändert. Dieses Zusammenwirken von Zeit-, Raum- und Flächenverhältnissen in ihren unterschiedlichen Wirkungsweisen der proportionalen Gewichtung erzeugt im Konzert mit den zuvor benannten dynamischen Farbwirkungen eine komplexe Klaviatur für das künstlerische Experiment oder für die parametrisch kalkulierte Raum-Zeit-Inszenierung. Als Instrument des Entwerfens eröffnen sich hier neue Kategorien für die Konzeption und Ordnung von Räumen, die über die Möglichkeiten der Geometrie weit hinaus führen.

Foto: BIG

Interventionen, Wintersemester 2012, Lehrstuhl für bildnerische Gestaltung BIG, RWTH Aachen, Foto: BIG

Innere Bewegung
Das alles ist ein Ausschnitt – und es ist der Anfang. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die in der Regel neugierigen Architekturstudenten einschlägige Impulse intensiv rezipieren und die Faszination und Tiefe dieses Kosmos’ schnellstens begreifen. Dann beginnt das Eigentliche: Eine packende Erfahrung ist ein guter Grund für die eigene oft auch anstrengende Reise des Suchens als Recherchieren, Sammeln, Probieren bei immer wacher und kundiger Beobachtung. Im architektonischen Diskurs verlagert eine phänomenologisch begründete, architekturspezifische Farbentheorie die Farbe als Licht und Material-Phänomen in den Kontext des Räumlichen und der Zeit. Sie erweitert den Kanon des Entwurfs um ein zentrales qualitatives Kriterium und gibt neue Impulse für die Grundkonzeption von Bauten. Viele werden sich an diese Impulse erinnern, auch weil Farbe im Inneren bewegt.

Anmerkungen
1 Giedion, Sigfried: Raum, Zeit, Architektur, Basel 1996, S.189.
2 Semper, Gottfried: Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, Bd. 1; Frankfurt / Main, 1860, S. 229. Sempers Gedanken wurden u.a. von A. Loos weiter entwickelt (Ins Leere gesprochen; 1921)
3 Böhme hat zuletzt die Thematik mit dieser Terminologie zusammengefasst. Den Begriff der Ekstasen entwickelt er ohne expliziten Bezug auf die Farben in dem Aufsatz: Die Kunst des Bühnenbildes als Paradigma einer Ästhetik der Atmosphären, in: Böhme, Gernot: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik, erw. NA Frankfurt 2013 (1995), S. 105 ff.
4 Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Farbenlehre. 2 Bde. Tübingen 1810. Der Original-Text ist z. Zt. online verfügbar.
5 Die nachfolgenden Überlegungen sind Grundlage von Veranstaltungen zum Thema Farbe, die wir im Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung der RWTH Aachen im Bachelor- und Masterstudium mit jeweils differenzierten Zielsetzungen durchführen.
6 So bezeichnet Josef Albers so genannte „wirkliche (Bewußtseins-)Tatsachen“. S.: Albers, Josef: Interaction of Color, Köln 1970.

Prof. Dipl.-Ing. Thomas Schmitz (*1956) studierte von 1976 bis 1985 Architektur an der TH Darmstadt und war von 1985 bis 1987 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Architekturzeichnen und Raumgestaltung der TU Braunschweig. Er war als freier Mitarbeiter im Büro von Thomas Sieverts in Bonn und seit 1988 als freier Künstler und Architekt in Frankfurt am Main tätig. Von 1993 bis 2007 war Schmitz Professor für Freihandzeichnen, künstlerisches Gestalten und Entwerfen im Fachbereich Bauen + Gestalten der FH Kaiserslautern, 2007 folgte der Ruf an die RWTH Aachen und den Lehrstuhl für bildnerische Gestaltung (BIG) der Fakultät Architektur.

Abbildungen: Thomas Schmitz/BIG

Foto: BIG

Seminararbeit „Licht-Raum-Modell“ am Lehrstuhl für bildnerische Gestaltung BIG, RWTH Aachen, Foto: BIG

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