Jörg H. Gleiter

Architektur als philosophische Praxis

In den vergangenen Jahren sind Architektur und Philosophie immer wieder in den Fokus der Debatten um die gesellschaftlichen Entwicklungsperspektiven gerückt. Das steht in Zusammenhang mit den ethischen Fragen, die von den tiefgreifenden, die Gesellschaft erschütternden Transformationsprozessen aufgeworfen werden. Man denke nur an das Aufkommen von neuen Lebens- und Partnerschaftsmodellen, von Fragen der Partizipation, Inklusion und Diversität, abgesehen von künstlicher Intelligenz und machine learning, von denen im Moment niemand weiß, wo sie hinführen. In Architektur und Stadt zeichnet sich heute ein Wandel der kulturellen Grundwerte in einem Umfang ab, wie es seit den Debatten um die Neue Sachlichkeit der 1920er-Jahre und den modernen Städtebau in den 1950er- und 1960er-Jahren nicht mehr zu beobachten war.
Die Verbindung von Architektur und Philosophie scheint jedoch, in einem ersten Moment, eine Unmöglichkeit, wo doch Philosophie in Sprache und Begriffen gegründet, Architektur dagegen eine materiale Praxis ist. Es scheint eine gemeinsame Grundlage zu fehlen. Man muss sich aber fragen, ob dies nicht eine Verkürzung der Konzeption gleichermaßen von Architektur wie Philosophie ist. Vielleicht ist die Architektur ja weniger konkretes, gebautes und materielles Artefakt als, mit Bezug auf Aristoteles, vielmehr Resultierende von Handlungen und Aktionen, mit denen die materiellen Dinge so in Beziehung gesetzt werden, dass sie für den Menschen bedeutungsvoll werden, wie umgekehrt auch die Philosophie mittels Sprache die allgemeinen Phänomene miteinander in Beziehung setzt, so dass sie in ihrem Beitrag für die Kultur bewertet werden können.

Die Hypothese ist dann, dass die Architektur, nicht nur nebenbei, auch eine philosophische Praxis ist, wie die Philosophie in ihrem konstruktiven Anliegen immer schon architektonische Praxis ist. Man kann hier an die großen Architekten denken wie Peter Zumthor, Arata Isozaki, Karl Friedrich Schinkel, Palladio, Iktinos und Phidias. Oder doch eher an Ludwig Mies van der Rohe, der wohl wenig Schriftliches hinterlassen hat, dessen Gebäude dennoch von magischer Transzendenz sind. Die Frage ist, wie dann die Tätigkeit des Architekten als Philosoph und die Architektur als philosophische Praxis aussieht.

Architektur als Schrift und Buch

Für die These Architektur als philosophische Praxis kann auf Aristoteles und seine Philosophie der Handlung Bezug genommen werden. Mit Aristoteles kann die Architektur als etwas Dynamisches verstanden werden und damit als etwas, das elementar und grundlegend aus Prozessen entsteht. Diese lassen sich benennen als Prozesse des Entwerfens, des Bauens und des Gebrauchs und, damit gekoppelt, Prozesse der Interpretation, was auch emotional-psychologische und physiologisch-körperliche Reaktionen einschließt. Sicherlich, Architektur bleibt auch aus dieser Perspektive weiterhin objekt-, material- und ortgebunden, aber es verschiebt sich die Sichtweise, insofern das Objekt dann nicht mehr nur etwas ist, das einfach da ist, sondern etwas, das ein Gewordenes ist, das aus einem Prozess des Werdens heraus entsteht, und umgekehrt gleichfalls ein Werdendes ist, insofern es die Möglichkeit zukünftiger Handlungen in sich enthält.

Ist es nicht auch so, dass sich die Prozesse des Werdens und damit die gedankliche Konzeption und Konstruktion dem Material, der Oberfläche, der Form und selbst der Organisation der Architektur einschreiben? Auch die interpretierende Aneignung der Architektur zeigt sich als Prozess und hinterlässt Spuren, an denen die Geschichte des Gebrauchs abgelesen werden kann. Architektur ist immer voll von Zeichen, wie sie gedacht und gemacht wurde, was in der Vergangenheit liegt. Sie ist aber auch immer voll von Hinweisen, wie sie gebraucht werden kann, was man mit ihr machen kann, was dann in der Zukunft liegt. Architektur ist immer Schrift und Buch, man muss nur lesen können.

Auguste Rodin, Der Denker, Version auf der Plaza Mayor in Cáceres, Spanien, Detail, Foto: Jesus C. Castillo (via wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Als Schrift und Buch rückt die Architektur selbst als Medium des Philosophierens in den Fokus. Das macht den Unterschied aus zum weithin bekannten philosophischen Reden über Architektur. Man kennt sie zu gut, die philosophischen Diskurse über Architektur mit ihrem positivistischen, neomarxistischen und zum Teil auch mythisch-okultistischen Ansatz. Oder die sprachphilosophischen Diskurse von Postmoderne und Dekonstruktion, oder die Kritische Theorie, die Umweltphilosophie und natürlich jene philosophischen Richtungen, auf denen alles basiert: Ästhetik, Erkenntnistheorie und Anthropologie. Architektur als philosophische Praxis stellt daher die Frage nach dem spezifisch philosophischen Gehalt der Architektur, der aus der Praxis und der Handlung kommt, wo über die Konstruktion und die räumliche Figur hinaus die Architektur Rahmen für das Miteinander im Alltag ist und dabei Möglichkeitspotenziale für das gute Leben eröffnet wie eben auch verstellt.

Kunst der Systeme

Die Frage nach der Verbindung von Philosophie und Architektur ist keineswegs neu. Von ihren Anfängen in der Antike entlehnte die Philosophie ihre zentralen Begriffe dem Gebiet der Architektur. Bei den verschiedenen antiken Philosophen nahm Architektur immer eine besondere Rolle ein als Leitbild und Metapher für bewusste, logisch-konstruktive Tätigkeit. So diente Aristoteles in Nikomachische Ethik der Baumeister als Leitbild für philosophisches Handeln. Er benutzte den Begriff „architektonisches, leitendes Vermögen“(1) und bezeichnete es als eine „Kunst und ein mit Vernunft verbundener Habitus des Hervorbringens.“(2) Wobei das Hervorbringen sich auf das konkrete architektonische Objekt bezieht wie auch auf den philosophischen Gedanken.

Während für Aristoteles die architektonische Tätigkeit als Metapher für kluges und gutes Handeln diente, standen diese in Friedrich Nietzsches Sprach- und Vernunftkritik für das Gegenteil. In Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne sprach er ironisch vom intellektuellen Menschen als einem besonderen „Baugenie“, dem „auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdoms“(3) gelänge. Gerade der „Thurmbau der Wissenschaft“(4) sei ein solches „Begriffsgespinnst“(5). Während der Turmbau der Wissenschaften und die Vernunftkonstruktionen die Aufgabe des intellektuellen Menschen sind, ist es die Aufgabe des intuitiven Menschen und Künstlers, diese immer wieder zu zerschlagen, um damit aus den Fragmenten neue Gedankengebäude mit neuen Inhalten und neuen Erkenntnissen errichten zu können. Für diese gilt dann wiederum, dass sie wohl anders, aber keineswegs wahrer als die alten sind. Nietzsche gibt also eine Definition des Baukünstlers und Architekten, dessen Tätigkeit in der Figur der De- und Rekonstruktion besteht, während Aristoteles alleine die konstruktive und damit positive Tätigkeit des Baukünstlers thematisierte.

Die Bedeutung der Architektur für die Philosophie geht aber weit über die Verwendung als Metapher hinaus. Es war Immanuel Kant, der die Architektur unmittelbar zum Modell philosophischer Erkenntnis machte, als er in Transzendentale Methodenlehre lapidar feststellte: „Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme.“(6) Architektonik ist dann die Tätigkeit, die aus „einem bloßen Aggregat ein System macht.“(7) Dabei ist Architektonik nicht identisch mit der Architektur. Architektur geht über die Architektonik hinaus, sie ist jene kulturelle Praxis, die über das Systemdenken hinaus selbst Wissen, das heißt philosophisches Wissen generiert. Architektur dient ja nur einerseits als Dach über dem Kopf, während sie andererseits die unterschiedlichsten Situationen schafft, in denen der Mensch sich selbst erfahren und erkennen kann.

Architektur der Erkennenden

Wenn man die Architektur als diejenige kulturelle Praxis definiert, mit der sich der Mensch eine seinen sich gleichbleibenden wie auch verändernden Bedürfnissen angemessene, von der Natur verschiedene Umwelt schafft, dann ist die architektonische Praxis immer auch philosophisch. Denn der Architekt ist mit der Frage konfrontiert, was denn für den Menschen in der betreffenden Zeit und Situation angemessen ist. Welche Gestalt soll die Architektur haben, aus welchen Materialien, Formen und Figuren soll sie bestehen? Angemessenheit kann sich ja auf unterschiedliche Art und Weise artikulieren, denn angemessen für das menschliche Leben kann eine Bambushütte in Kambodscha sein, eine Gründerzeitvilla in Berlin-Zehlendorf oder auch eine Komunalka im Moskau der 1930er-Jahre. Selbst ein Bunker, so unwirtlich er auch sein mag, kann in Zeiten des Krieges für das Überleben gerade angemessen sein. Mit der Angemessenheit zeigt sich die architektonische Praxis von philosophischen Fragen durchdrungen, die Philosophie mithin als architektonische Praxis. Mit der Angemessenheit als dem zentralen Grundbegriff der Architektur kann die Architektur nicht anders als Philosophie sein, umso mehr in einer sich schnell ändernden Zeit. Das vorliegende Heft Architektur als philosophische Praxis will dem philosophischen Gehalt der Architektur nachspüren, den Voraussetzungen und Bedingungen wie auch den Effekten und Wirkungen.

Prof. Dr.-Ing. habil., M. S. Jörg H. Gleiter, Mitglied des BDA, war von 2005 bis 2012 Professor für Ästhetik an der Fakultät für Design und Künste an der Freien Universität Bozen. Seit 2012 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Architekturtheorie und geschäftsführender Direktor des Instituts für Architektur (IfA) an der TU Berlin. Jörg H. Gleiter ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, Herausgeber der Buchreihe „Architektur-Denken“ im Transcript Verlag und Mitherausgeber der Internetzeitschrift für Theorie der Architektur Wolkenkuckucksheim.

Anmerkungen
1 Aristoteles: Nikomachische Ethik, in: Ders., Philosophische Schriften in 6 Bänden, Bd. 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, 1.141b.
2 Ebd.: 1.140a.
3 Nietzsche, Friedrich: „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“, in: Ders. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 1, DTV, München 1999, S. 882.
4 Ebd.: S. 886.
5 Ebd.: S. 887.
6 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft 2, in: Ders., Werkausgabe, Bd. IV, hrsgg. v. Wilhelm Weischedel, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 695.
7 Ebd.: S. 695.

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