Ein neues Viertel in Serbiens Hauptstadt sorgt für Kontroversen

Belgrader Investorenträume

„Belgrade Waterfront“ ist zum Synonym für urbane Transformationen in der serbischen Hauptstadt geworden: Seit Jahren wird für das 100 Hektar große, weitestgehend unbebaute Gebiet auf einem ehemaligen Bahn-Gelände am Fluss Save geplant – nun sind konkrete Pläne des Investors „Eagle Hills“ veröffentlicht worden: Zwei Millionen Quadratmeter Wohn-, Gewerbe und Büroflächen (5700 Wohneinheiten und 2200 Hotelräume) sollen entstehen. Dazu kommt ein Shoppingcenter (mit 150.000 Quadratmetern das größte auf dem ganzen Balkan), eine neu gestaltete Uferpromenade, eine neue Brücke und verschiedene Kultureinrichtungen. Schaut man sich Pläne und das Modell an, das in der frisch restaurierten, neo-klassizistischen Dependance des Investors ausgestellt ist – umgeben von Showrooms mit Videos und Coffeetable Books – fallen die vielen Pools auf, der durchgestylte öffentliche Raum, die stimmungsvollen Fotos glücklicher Menschen, die auf die erwünschte Käuferschaft der Wohnungen hinweisen sollen – vor allem auf jene aus der gehobenen Mittelschicht, gern auch aus dem Ausland. Ein 200 Meter hoher „Belgrade Tower“, der als Wahrzeichen dient, soll bis Ende 2016 fertig werden. Bis jetzt ist noch nichts gebaut. Deutlich sichtbar sind aber die überall aufgestellten Fahnen des Bauunternehmers „Eagle Hills“, der 2014 in den Arabischen Emiraten gegründet wurde und sich auf die Entwicklung von Stadtvierteln in der ganzen Welt spezialisiert hat. Immer wieder sind es hochwertige Eigentumswohnungen, Parks und Malls, die er in Marokko, Bahrein, Nigeria und Jordanien errichtet. Nun will das Unternehmen zwischen drei und vier Milliarden Euro in die „Belgrade Waterfront“ investieren.

Wann und in welcher genauen Form dieses „Manhattan Serbiens“ wirklich entstehen wird, ist noch nicht klar. Kritik gibt es jedenfalls genügend: Es besteht Korruptionsverdacht, da das im serbischen Parlament mit einer ungewöhnlich großen Mehrheit erlassene Sondergesetz den Weg für das Projekt auffällig schnell frei gemacht hat. Und vor allem Architekten und Urbanisten bemängeln, dass sie vom Planungsprozess für dieses riesige Areal ausgeschlossen wurden. Während „Eagle Hills“ jubelt („Belgrade is soon getting a brand new luxury hotel!“), merken Kritiker den Zynismus dieses Glitzerprojekts an, entstehe es doch in direkter Nachbarschaft zu armen Stadtvierteln und unter Ausschluss der Menschen mit geringerem Einkommen – Sozialwohnungen sind nirgendwo vorgesehen. Zudem seien die gigantischen Maßnahmen in einem Hochwassergebiet nicht zu realisieren. Auch unter jenen, die im direkt angrenzenden Viertel Savamala arbeiten, formiert sich Widerstand: Sie gründeten die Gruppe „Ne da(vi)mo Beograd“. Das Viertel wird seit einigen Jahren als „place to be“ für die jungen urbanen Kreativen in Blogs und Zeitschriften weltweit gehypt.

Als Besucher dieses Viertels ist man zunächst erstaunt darüber, wie klein es ist – nicht viel mehr als eine Straße, gesäumt mit der aus anderen Großstädten bekannten Mischung aus Bars, Clubs, Cafés und Shops für Designprodukte lokaler Produzenten. Aber es ist ein Vernetzungsort lokaler Initiativen. Im Mikser House etwa werden Diskussionsveranstaltungen abgehalten: Es geht um die Abwanderung vieler junger Serben ins Ausland, aber auch um die Bedingungen der „Kreativindustrie“ vor Ort. Und eben um die Bauprojekte wie jenes der Belgrade Waterfront. Der Investor – auch das ist ein bekannter Mechanismus – nutzt die Hippness der Nachbarschaft für ihre eigene PR. Auf ihrer Website wird mit den Savamala als „pulsating hub of creative economy, in addition to being the meeting point for young artists, architects and various local and international creative minds“ geworben. Doch schaut man sich die Website und Facebookseite des Projekts genauer an, sieht man, dass hier die „young creatives“ keinen Platz mehr haben, stattdessen: gut aussehende Menschen in teurer Kleidung, „modern families, as well as successful businesspeople“.

Viele Belgrader bezweifeln, dass das Gebiet bald bebaut wird. Zu lang sind verschiedene Pläne für dieses Gebiet schon in der Schublade, auch müsse für das geplante Viertel der Hauptbahnhof verlegt werden – der neue befindet sich allerdings bereits seit 1977 im Bau. Dennoch, die Investoren eröffneten kürzlich ein Stück Radweg und eine Terrasse entlang der Save. Ständig gibt es Events, die vor allem die Sympathien von Familien wecken sollen – von Kinderschminken und Süßigkeitenverkauf über Artistik bis zu „Kunst an der Save“. Am 3. Oktober fand bereits eine Veranstaltung statt, auf der sich Kaufinteressenten der „BW Residences“ informieren konnten. Dazu heißt es „Upon entering the naturally lit BW Residences lobby through its extended glass doors, residents will stroll along a designer pathway to their new luxury home. Spread across 20 floors the modern 1, 2, 3, 4 and 5 bedroom apartments, have been designed to create a realm of contemporary comfort with an urban edge.“ Wann mit dem Bau begonnen wird, ist allerdings nach wie vor unklar.

Juliane Richter

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