Das 20. Berliner Gespräch des BDA

Concrete Jungle

Traditionell behandelt der Bund Deutscher Architekten (BDA) in seinem Berliner Gespräch architektonische Themen an der Schnittstelle von Theorie und gesellschaftlicher Umsetzung. Am 5. Dezember widmete sich der BDA unter dem Titel „Das urbane Gewissen“ in interdisziplinären Beiträgen und Diskussionen der Frage, welche Wege aus der Ökonomisierung der Stadt führen.

Heiner Farwick, Präsident des BDA und Architekt in Ahaus und Dortmund, konstatierte in seiner Begrüßung, dass die Zeit reif sei für eine neue Diskussion der Beziehung von Wert, Profit und Gemeinwohl. Erwien Wachter, Architekt BDA aus dem bayrischen Seebruck und Mitglied des BDA-Präsidiums, unterstrich in seinen nachdenklichen Überlegungen zu Beginn des Tages, dass dieses 20. Berliner Gespräch nicht nur Bedrohungsszenarien beschreibe, sondern zugleich beispielhafte Ansätze vorstelle, wie die Kommunen und ihre Bewohner unter den aktuellen Bedingungen handlungsfähig bleiben könnten. Dazu ließ Wachter in einem fiktiven Diskurs die Philosophen und Denker Honnefelder, Kant und Nietzsche ins Gespräch mit einem Flaneur treten, was letztlich in mehrere Fragen mündete. Etwa wie die Bürger der Stadt mit einer Gesellschaft umgehen könnten, in der „das Viel von immer weniger Menschen zu einem Weniger von immer mehr Menschen führt“? Oder: „Bauen wir auf unser gutes Gewissen, auf unsere Intelligenz und Solidarität, und sichern wir mit deren Kraft ein besseres Leben in einer hoffnungsvollen Zukunft?“ Die vage Antwort gab der Architekt selbst: „Wie werden sehen.“

Kurt Stürzenbecher, Vorsitzender des Gemeinderatsausschusses „Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung“ in Wien, wusste danach beeindruckende Zahlen zu der von vielen stets bemühten Vorbildfunktion in Sachen Wohnbau seiner Heimatstadt Wien zu berichten. So seien rund die Hälfte der Wiener Wohnungen in kommunalem Besitz oder durch kommunale Förderungen unterstützt – alle bei gedeckelten Mieten. Pro Jahr, so Stürzenbecher, würden rund 640 Millionen Euro für diese Formen der Wohnbauförderung investiert. Eine Ursachen zur integrativen Wirkung des Wiener Modells sah der SPÖ-Politiker auch in dem relativ leichten Zugang zu den öffentlich geförderten Wohnungen, so dass auch Menschen aus der Mittelschicht und damit eine weitgefächerte Bewohnerschafft die Möglichkeit habe, in geförderten Wohnungen zu leben. Als Kern beschrieb er ein Vier-Säulen-Modell mit den Pfeilern Architektur, Kosten, Ökologie und soziale Nachhaltigkeit.

Die Vorständin der Bonner Montag-Stiftung Urbane Räume, Frauke Burgdorff, erläuterte in der Folge das Projekt ‚Samtweberei‘ in Krefeld. Dort hatte die Stiftung ein Areal im alten Samtweberviertel von der Stadt übertragen bekommen. Die Gewerbeeinheiten werden hier an Gründer und Interessierte für relativ geringe Kosten vermietet, im Gegenzug „spenden“ die neuen Mieter Zeit: Pro Quadratmeter gemieteter Fläche müssen sie je eine Stunde Gemeinwesenarbeit leisten. Das kann von der Erstellung allgemeiner Websites oder dem Layouten von Flyern auch das Organisieren und Durchführen von Workshops oder eine Vorlesestunde in der Kita beinhalten. Die rund 60.000 Euro, die derzeit durch Mieten eingenommen würden, werden zudem, so Burgdorff weiter, direkt wieder in das Viertel investiert. So sei zwar „keine Wiener Masse entstanden, aber eine kleine Orchidee.“

Willi Dorner, Künstler und Choreograph aus Wien, stellte hernach seine Arbeiten vor. In „Bodies“ etwa lässt er eine Gruppe von Parcours- und Free-Run-Läufern durch die Stadt rennen, die im Laufe der Perfomances „marginale Räume und Ecken“ besetzen. Eindrückliche Bilder der Sportler in Hauseingängen, unter Rampen, zwischen Möbeln oder um Baumstämme gewickelt folgten. Interessant sei dabei nicht nur, so Dorner, dass der Blick der Passanten und Teilnehmer der Perfomances auf solche „Resträume“ gerichtet werde, sondern auch die Art und Weise wie Unbeteiligte auf die Vorgänge reagierten.

Der Kopenhagener Architekt und Stadtplaner Jan Gehl präsentierte im Anschluss die Ergebnisse seiner inzwischen schon rund fünfzigjährigen Berufspraxis, in der er Städte wie Kopenhagen, New York oder Perth bei ihren stadtplanerischen Umgestaltungen berät. Im Großen und Ganzen barg der Vortrag des sympathischen Dänen keine Überraschungen, stellte er doch im Wesentlichen all das vor, was im Buch „Städte für Menschen“ ebenso klug wie prägnant benannt wird. Ein Publikumsmagnet war Gehl an diesem Tag dennoch: Rund 300 Personen drängten sich im Taut-Saal des DAZ, viele davon filmten den Beitrag von Jan Gehl mit ihren Smartphones gar mit.

Nach der Mittagspause wurde es bei Verena Schmidt, Architektin aus Berlin, noch ein Stück konkreter. Sie stellte die Planungen ihres Büros Teleinternetcafé für das Münchener „Kreativquartier“ vor. Als junges Büro war Teleinternetcafé hier vor allem wegen seines ebenso mutigen wie klugen Konzepts als Sieger aus einem Wettbewerb hervorgegangen. Dabei gliedern die Stadtplaner aus Schmidts Team das L-förmige Areal in vier Quartiere auf, von denen zunächst nur die beiden äußeren bebaut werden, da diese sowohl über die größten Brachen als auch die am einfachsten zu nutzenden Bestandsgebäude verfügen. Vor allem in dem Bereich, der in der Vergangenheit und bis heute von unterschiedlichsten Nutzern – von Künstlern bis hin zu Motorad- und Autoschraubern – bespielt wird, wird zunächst baulich nicht interveniert. Hier soll mit Anwohnern und Nutzern prozessual erörtert werden, wie sich dieses „Labor“ in Zukunft weiterentwickeln soll und welche konkreten architektonischen Antworten die richtigen sein könnten. Die Stadt München scheint diesen Weg mit kleineren Einschränkungen bis dato mitzugehen, so Schmidt, auch weil sie auf den beiden anderen zur Bebauung freigegebenen Flächen kurzfristige Renditen erwarten darf.

Auch die Kölner Stadtplanerin Katrin Witzel wusste Konkretes zu berichten, als sie das Verfahren zur Parkstadt Süd vorstellte. Hier gingen nach einem rund achtmonatigen Verfahren, bei dem Bewohner der Stadt intensiv eingebunden wurden, das Büro Ortner&Ortner Baukunst mit den Landschaftsarchitekten RMP Stephan Lenzen als Sieger hervor. Die Planung des 115 Hektar großen Areals zwischen Luxemburger- und Alteburgerstraße umfasst rund 1.500 Wohnungen und Büros für 4.000 Menschen sowie die Schließung des im Süden der Domstadt unterbrochenen inneren Grüngürtels.

Den Abschluss des von Andreas Denk (Chefredakteur der BDA-Zeitschrift der architekt) ebenso eloquent wie pointiert moderierten Tages bildete die Autorin Florentina Hausknotz – erneut eine Wienerin. In ihren Überlegungen zu einer neuen Philosophie der Stadt konstatierte sie, dass Stadt nie abgeschlossen sei. Ergo könne es nicht um das Schreiben kluger wissenschaftlicher Texte gehen, sondern um das Etablieren einer Lebenskunst, die sich aus dem Wissen um das städtische Leben in all seinen Facetten speist. Hausknotz führte dafür das Bild des „Komperators“ ein – also jener Setzkästen, in denen Forscher auf ihren Expeditionen einzelne Proben ihrer Entnahmezeit nach chronologisch geordnet einsortieren, um so die Forschungsreise später nachvollziehen, erinnern und beschreiben zu können. Die Stadt könne gleichsam als Urwald betrachtet werden, die Frage sei nur mehr, wie die Einzelteile zu einer adäquaten Form der „Erinnerungsarchitektur“ würden, die der heutigen Gesellschaft und ihren Phänomen den entsprechenden baulichen Ausdruck gäbe.

Das Berliner Gespräch wird ausführlich in der ersten Ausgabe der BDA-Zeitschrift der architekt dokumentiert, die im Februar 2016 vorliegen wird. In Beiträgen und Interviews wird dabei die Debatte des Tages nachvollzogen.

David Kasparek

Fotos: Till Budde

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