editorial

Das rauchfreie Tabakskollegium

Nur gelegentlich haben wir an dieser Stelle über eigene Anliegen berichtet. Jetzt ist es wieder einmal an der Zeit. Es geht um eine Danksagung, die wir alljährlich abstatten, aber nur selten öffentlich. Seit unvordenklichen Zeiten hat die Redaktion dieser Zeitschrift ein Gremium an der Seite, das ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Früher, in den 1950er und 1960er Jahren, war es ein „Redaktionsausschuss“, der aus engagierten BDA-Mitgliedern vor allem aus dem Präsidium bestand; seit den 1980er Jahren wurde im Zuge der Reform des „Architekten“ mit Ingeborg Flagge ein „Redaktionsbeirat“ daraus und stärker als intellektuelle Diskussions- und Programmfindungsgruppe definiert. Mit dem Neuanfang nach 1999 wurde dann – damals unter Regie der Münchner Architektin Bea Betz und mit einer neuen Satzung, die das Verhältnis des Beirats zur Zeitschrift und zum BDA regelt – ein vollständig neuer Beirat berufen, dessen Merkmal das Interesse aller Berufenen an einer interdisziplinären Arbeit war. All jenen, die sich seitdem im Ehrenamt bereit erklärt haben, am Gedeihen der Zeitschrift teilzuhaben, sie aber auch durch die unausbleiblichen Krisen eines „Printprodukts“ hindurch zu lotsen, möchten wir als Redaktion hier einmal ausdrücklich und herzlich danken.

Die Aufgabe des „Ausschusses“ oder „Beirats“ hört sich einfach an, verlangt aber Präsenz, Zeitgenossenschaft und vieles mehr. Ein- oder zweimal jährlich trifft sich die Redaktion mit diesem Gremium, um über das vergangene und kommende Jahr der Zeitschrift zu diskutieren. Die „Qualitätskontrolle“ durch den Beirat hat für uns immer die Rolle eines Purgatoriums: Ausgabe für Ausgabe wird kritisiert, gelobt, hinterfragt oder bestätigt. Wege der Verbesserung werden aufgezeigt, eingeschlagene Richtungen begrüßt oder in Frage gestellt. Ein noch größerer Teil unserer Treffen wird für die Themenfindung verwendet: Die Beiräte und -rätinnen sowie die Redaktion bereiten für diesen Tag Vorschläge – auch von anderen – vor, die vorgestellt und intensiv diskutiert werden und nach zwei oder drei Runden zur strukturellen Festlegung der Themen für’s nächste Jahr führen. Naturgemäß entfachen sich dabei grandiose, manchmal pragmatische, manchmal theoretische, immer aber interessante und weiterführende Dispute, die das Profil der Jahrgänge unserer Zeitschrift maßgeblich geprägt haben, zumal die Beiräte auch als Mentoren der einzelnen Themenhefte fungieren. Dass dies in einer immer kollegialen und konstruktiven Form, sine ira et studio, immer mit dem Bezug zur Sache und mit großer Loyalität erfolgt, ist eine der Besonderheiten dieser Treffen, die sich im Laufe der vielen Jahre als einer der Vorzüge unseres Beirats herauskristallisiert hat: Jenseits von persönlichen Eitelkeiten und von allein-eigenen Interessen, ist unser Beirat mit großer Zugewandtheit und viel Engagement zu einer ganz besonderen Institution geworden, die die Freiheit des Denkens, aber auch dessen Kontinuität auszeichnet und dadurch der unabdingbaren inhaltlichen Unabhängigkeit unserer Zeitschrift ein Fundament gibt.

Im Jahr 2000 begannen die Beiratsarbeit der Architekturtheoretiker und Musikwissenschaftler Gerd de Bruyn, die Architekten Michael Bräuer, Günter Pfeifer und Uwe Schröder, die Stadtplaner und Architekten Alban Janson und Iris Reuther, die Architekturhistorikerin Karin Wilhelm und Kaspar Kraemer, der als BDA-Präsident geborenes Mitglied war. Die kontinuierliche Zusammenarbeit mit ihnen und ihren Nachfolgern hat zu einer deutlich erkennbaren Schwerpunktsetzung unserer Zeitschrift geführt, die – wenn wir es recht sehen – immer wieder genau jene Felder der Architektur und des Stadtbaus besetzt hat, um die es damals ging, gegenwärtig geht und in Zukunft gehen wird. Der architektonische Raum, die Betrachtung der Stadt als wesentlicher Siedlungsraum des Menschen und die Probleme des demographischen Wandels, die Zukunft des architektonischen und urbanen Erbes der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der sich abzeichnende Klimawandel und architektonisch angemessene Formen energieeffizienten Bauens sind die Themen, die sich seit langer Zeit in unserer Zeitschrift immer wieder neu finden.

Auch durch diese andauernde kontinuierliche Mitarbeit unserer Beiräte ist unsere Zeitschrift gewissermaßen zu einer eigenen Theoriebildung gelangt, die – dank des Zusammenwirkens so vieler Vor- und Mitdenker – Themen im architektonischen Diskurs eher bestimmen als aufgreifen. Die singuläre Position, die „der architekt“ unter den deutschsprachigen Zeitschriften beanspruchen darf, verdankt sich nicht zuletzt der Kritik, dem Zuspruch, den zahllosen guten Ideen, dem Vorschlag auch „schwieriger“ Themen und den Kontakten unseres Beirats. Dass viele Inhalte unserer Zeitschrift inzwischen auch die Programmatik des BDA nicht nur befruchten, sondern initiieren, zeigen die Inhalte des jährlichen „Berliner Gesprächs“, das „Klimamanifest“ des BDA und viele andere Positionsbestimmungen und Veranstaltungen des Bundes.

Kontinuität und Erneuerung sind zwei wichtige Stichworte für das gelingende Verhältnis von Redaktion und Beirat. Im Laufe der letzten Jahre sind Michael Bräuer, Alban Janson, Iris Reuther, Ullrich Schwarz und Karin Wilhelm ausgeschieden. Hinzugekommen sind der Architekt Andreas Hild und die Stadtplanerin und Architektin Annette Rudolph-Cleff, ab 2002 Kaspar Kraemer, sowie von 2008 bis 2014 Michael Frielinghaus und seitdem Heiner Farwick als Präsidenten des BDA. Mit dieser Ausgabe verlässt uns auch Gerd de Bruyn, dessen unkonventionelle Betrachtungsweisen viele Dinge erst auf den Punkt gebracht haben. Wir werden ihn und seinen Rat, seinen Ideenreichtum und seine Unterstützung vermissen – genauso wie wir am liebsten alle bisher ausgeschiedenen Mitglieder unseres nicht-hierarchischen und weitgehend nichtrauchenden Tabakskollegiums – ohne „Hofmohren“ und „Kammertürken“ – behalten hätten, die so wesentlichen Anteil am Gelingen des Ganzen gehabt haben und zu denen wir nach wie vor persönlichen Kontakt halten.

Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

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