Orte der Architektur

Déjà-vu

Dass die gegenwärtige Architektur zwar einerseits zu immer neuen Orten, dabei aber andererseits zu immer gleichen Orten führt, ist nur vermeintlich ein Widerspruch. Überall entstehen Orte dieser Art, nicht nur in einer Stadt, sondern auch von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Diese Architektur „konvergenter“ Orte lässt Häuser, Straßen, Plätze, Felder, Quartiere und ganze Städte zum Verwechseln ähnlich und austauschbar erscheinen. Ist dafür – schlussendlich – ein abhanden gekommenes Bewusstsein für das Hier und Da verantwortlich, für die Eigentümlichkeit der Orte, die Entwurf und Bau immer schon vorangehen? Die ansteigende Aufmerksamkeit für diesen „Verlust des Ortes“ und mithin von Orten hat die diesbezügliche Frage nach den Grundlagen der Architektur im gegenwärtigen Diskurs erneut aufgeworfen.(1)

Das beschriebene Phänomen ist hinlänglich bekannt: Vor mehr als zwanzig Jahren hatte Rem Koolhaas in The Generic City eine, wenngleich rhetorisch aufgeladene, der Sache nach und im Kern so doch eher nüchterne Analyse der Zeit vorgelegt.(2) Unter Rahmenbedingungen bereits seit Jahrzehnten laufender Globalisierungsprozesse seien die überkommenen Identitäten von Orten nurmehr Ballast und Widerstand im Getriebe einer ohnehin weltweit rasch voranschreitenden nivellierenden Entwicklung: „What are the disadvantages of identity, and conversely, what are the advantages of blankness? What if this seemingly accidental- and usually regretted-homogenization were an intentional process, a conscious movement away from difference toward similarity? What if we are witnessing a global liberation movement: ‘down with character!’ What is left after identity is stripped? The Generic?”(3)

Uwe Schröder, Deathless Mies (Kubrick I), ColIage, 2017

Uwe Schröder, Deathless Mies (Kubrick I), ColIage, 2017

Scheinkausalitäten lassen den Text zunächst plausibel ankommen. Aber geht die Erwartung einer humaneren Weltgemeinschaft notwendigerweise mit der Erfahrung einer verallgemeinernden Angleichung all ihrer Erscheinungsformen Hand in Hand? Gleichen sich die Ungleichheiten unter Angleichung von Orten aus? Ist das Konzept „Stadt“ gleich dem Bezugspunkt „Ort“ für Architektur damit überholt? Mitnichten. Identität ist keineswegs ein starres Gerüst, das jeglicher Veränderung Widerstand leistet. Und so ist die Identität eines bestimmten Ortes – gleich der einer Person – schon deshalb auch nichts Abgeschlossenes, weil sie etwas Zusammengesetztes, aus verschiedenen Identitäten Zusammengesetztes darstellt und von daher Veränderung nicht nur einbezieht, sondern immer schon voraussetzt. Wandelbarkeit ist ein Merkmal von Identität, auch der Identität von Orten. Wertschätzung einer lokalen Verankerung („difference“) und Solidarität in einer globalen Zugehörigkeit („similarity“) widersprechen einander nicht und lassen sich unter dem Begriff der Identität problemlos zusammenführen.

Im Rückblick erscheint The Generic City – am Vorabend des Millenniums – eher als ein von außen auf Architektur und Stadt projiziertes, affirmatives Erklärungsmodell einer globalen Architektur, die zumindest in Grundzügen schon früher auch aus dem Inneren der Disziplin selbst – zum Beispiel als The International Style (4) – propagiert worden war. Globalisierungsprozesse bieten keine erschöpfenden Erklärungsmuster an, die das Phänomen „konvergenter“ Orte nachvollziehbar machten, vielleicht auch deswegen nicht, weil gleichlaufend vom scheinbar gegenläufigen Prozess der Individualisierung die Rede ist, der mit dem gegenwärtigen Zustand von Architektur und Stadt in Verbindung gebracht wird. Inhaltlich beschreibt der aus der Soziologie kommende Begriff den im Rahmen gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse sich vollziehenden Wechsel des Individuums von einer Fremd- zur Selbstbestimmung. Die Entlassung in die Selbstbestimmtheit ist zugleich mit dem Übertrag der Verantwortung für Identität und Sinn verbunden. Pluralisierung der Milieus und der Lebensstile werden als Folge dieses sozialen Wandlungsprozesses angesehen.(5)

Häufig wird die Diversität der Lebensformen mit der gegenwärtigen Vielfalt architektonischer Ausdrucksformen in Verbindung gebracht, doch von einem kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen kann in aller Regel nicht ausgegangen werden. Architektur selbst – als Disziplin – ist tief in kulturelle Wandlungsprozesse der Modernisierung verstrickt. Zwar wollte die Architektur – entgegen ihrer Anlagen – seit Beginn ihrer theoretischen Aufzeichnung immer schon eine „Andere“, wollte „Kunst“ sein, aber erst im Verlauf der architektonischen Modernisierung konnte das Autonomiebestreben radikal vorangetrieben und weitgehend durchgesetzt werden: In der Moderne wählt die Architektur den Übergang zur Selbstbestimmtheit. Bindungen an Geschichte, an Ort, schlussendlich auch noch an Gesellschaft, werden als „Fremdbestimmungen“ sukzessive verworfen und getrennt. Aber die Fragen nach Identität und Sinn bleiben fortan offen.

Eine prägnante Analyse zur Architektur in westlichen Gesellschaften unmittelbar nach dem Millennium stammt von Ullrich Schwarz(6): Mit Übertragung des Begriffs der „Reflexivität“ hatte er der aufdringlichen Leere der Architektur eine anfüllende Begrifflichkeit zur Seite gestellt. Doch mit der Zuschreibung von Gemeinplätzen wie „hoher Sensibilität“, „technologischer Raffinesse“, „formaler Beschränkung“, „unspektakulärer Reflektiertheit“, „bewusster Berücksichtigung der Wahrnehmungsqualitäten“(7) und forciert mit der Zuordnung zu „vier Paradigmen der Selbstbegründung und Identitäts- und Funktionsvergewisserung der Architektur“ gerät der Essay zur (unabsichtlichen) Grabrede einer durchmodernisierten Architektur.(8)

Uwe Schröder, Hour of Birth (Kubrick IV), ColIage, 2017

Uwe Schröder, Hour of Birth (Kubrick IV), ColIage, 2017

Vor dem Hintergrund verblassender Traditionslinien hat die disziplinäre Orientierung eine Spiegelung erfahren. An die Stelle gemeinsamer und gemeinschaftlicher Vorstellungen von Architektur und Stadt, von der Disziplin, sind vereinzelte und scheinbar rückhaltlose Absichten getreten, die sich in der gegenwärtigen Vielfalt architektonischer Ausdrucksformen darstellen. Aber sorgt diese Vielfalt nicht für eine Abwechslung vor Ort und wirkt insofern auch der Tendenz zu „konvergenten“ Orten entgegen? Keineswegs. Denn die Vielfalt architektonischer Ausdrucksformen geht weniger aus einer wirklichen Bindung an den Ort hervor, als vielmehr aus den unterschiedlichen subjektiven Absichten ihrer Verfasser. Man begegnet ihr hier und da, aber die Orte gleichen sich: Déjà-vu.

Selbstbestimmtheit: Eine Hybris der Architektur? Gewiss. Augenscheinlich ist Architektur die Antworten auf die Fragen nach Identität und Sinn aus sich selbst heraus schuldig geblieben. Mühsam müssen die Bindungen an die identitäts- und sinnstiftenden äußeren Einflüsse aus dem Inneren der Architektur wieder hergestellt werden: zu Gesellschaft? Ja, eine Architektur der Gesellschaft, die eine Verräumlichung pluralisierender Lebens- und Gesellschaftsformen übernimmt; zu Geschichte? Ja, eine Architektur, die ihre Geschichte kennt, im Besonderen die ihrer Modernisierung; zu Orten? Ja, eine Architektur der Orte, die der jeweiligen Eigentümlichkeit einer umfassend bedachten Räumlichkeit mit Entwurf und Bau Rechnung trägt. Wir können daher nicht zurück, Gesellschaft, Geschichte… und auch die Orte sind lange schon andere geworden.

Uwe Schröder

Anmerkungen
1 „Identität der Architektur“, 1. Aachener Tagung mit dem Thema: „Ort – 32 Positionen zum Ortsbezug in der Architektur“, Foyer Reiffmuseum, Fakultät Architektur, RWTH Aachen, 26. – 27. Januar 2017, http://ida.rwth-aachen.de/.
2 Koolhaas, Rem: The Generic City (1994), in: S,M,L,XL, Köln 1997 (dt. Übersetzung in Arch+127); erstmals veröffentlich aus Anlass der „Piet Mondriaan lecture“ die Rem Koolhaas am 25. November 1995 im „de Doelen“ in Rotterdam hielt.
3 Ebd. S. 3.
4 Hitchcock, Henry-Russel / Johnson, Philip: Der Internationale Stil 1932, Braunschweig 1985.
5 Vgl. Müller, Hans-Peter: Die Pluralisierung sozialer Milieus und Lebensstile (2012), in: http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138455/die-pluralisierung-sozialer-milieus-und-lebensstile?p=0, abgerufen am: 15. März 2017.
6 Schwarz, Ullrich: Neue Deutsche Architektur – eine Ausstellung, u. Reflexive Moderne. Perspektiven der Architektur am Beginn des 21. Jahrhunderts, in: Schwarz, Ullrich (Hrsg.): Neue Deutsche Architektur. Eine Reflexive Moderne, Ostfildern 2002, S. 12-31.
7 Ebd. S. 16.
8 Ebd. S. 20-26.

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