Andreas Denk

Die Brücke

Heideggers „Ort“ und der Begriff des „Milieus“

Martin Heidegger hat in seiner legendären Rede „Bauen Wohnen Denken“ beim 2. Darmstädter Gespräch 1951 an einem populären Beispiel seine philosophische Konzeption eines „Ortes“ dargelegt. Im Kontext des Kongressprogramms geriet die Ansprache des Philosophen zu einer Besinnungsrede gegen die Technik- und Fortschrittsbegeisterung mancher Teilnehmer, die sich insbesondere am Vortag des Kongresses abgezeichnet hatte: Die Schlussfolgerung des Philosophen, dass das „Wohnen“ des Menschen zugleich ein „Schonen“ der „Erde“ sein müsse(1), ging mit seiner bis in die heutige Gegenwart reichenden Weitsicht an der Erwartungshaltung der Zuhörerschaft vorbei. Dennoch ist sein Beitrag zum „Darmstädter Gespräch“ noch immer ein neu diskutierter und interpretierter einer Philosophie der Architektur geworden, dessen Bedeutung und dessen Einfluss – ob verstanden oder unverstanden – nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Heidegger nahm zum Beginn seiner Rede offenbar direkt Bezug auf bestimmte, von seinem Vorredner, dem Architekten Otto Ernst Schweizer, gepriesene Bauwerke der Moderne. Schweizer hatte unter anderem ausgeführt, dass die Architektur des 20. Jahrhunderts ihr qualitatives Maß nicht mehr wie früher von der Materie empfange. Sie eigne sich vielmehr dazu, dank avancierter technischer Hilfsmittel und neuer Materialien „Räume (zu) schaffen, deren Maße das menschliche Auffassungsvermögen übersteigen.“(2) Der Mensch müsse also „die Grenzen, die ihm nicht mehr von der Materie gesetzt werden, sich selber setzen.“(3) Das Kriterium dafür habe sich „der menschliche Geist durch äußerste Bemühung, durch Prüfung aller Faktoren, durch Erfahrung und Vergleich der einzelnen Bauten miteinander“ als qualitatives Maß zu erarbeiten. Der Tendenz der Gegenwart, „den streng geschlossenen Freiraum“ städtischer Plätze „entsprechend dem sich wandelnden Raum- und Naturgefühl aufzureißen, ihn dem nach Weite verlangenden Blick zu öffnen und ihn in immer engere Verbindung mit dem ‚Grün’ zu bringen“, stehe das Interesse entgegen, die Landschaft „in ihrer Ursprünglichkeit und Eigentümlichkeit zu erhalten“, weil sie als Lebens- und Erholungsraum auch für die Bevölkerung der Städte unersetzlich sei.(4)

Otto Ernst Schweizer, Großer Sendemast Mühlacker, Baujahr 1950, Foto: Zonk43

Otto Ernst Schweizer, Großer Sendemast Mühlacker, Baujahr 1950, Foto: Zonk43

Diesem gegenläufigen Trend käme wiederum eine durch neue Materialien mögliche „Tendenz zur Entmaterialisierung“ entgegen, die der Architekt durch den 280 Meter hohen strichförmigen Sendemast in Mühlacker, eine transparente Stahlbrücke über ein Wiesental und die Pendelstützen der Tribüne des von ihm selbst entworfenen Stadions in Nürnberg belegt.(5) Auch in seiner durchaus humanistisch geprägten Schlusssequenz schimmert ein vorwiegend technisch-materialistisches Weltverständnis durch: Das Ziel, das „Gebaute, das Gewachsene und die Welt der Ratio“ zusammenzuführen, sei erreichbar „durch die Gestaltung der großen architektonischen Dimension durch den Raum mit den Elementen der Landschaft, mit Busch und Baum, Wald und Wiese, mit dem Wasser, der Atmosphäre und dem alles umhüllenden Licht.“(6)

Heidegger entgegnete dem technik- und fortschrittsgewissen Otto Ernst Schweizer mit einer begrifflichen Differenzierung: Wenn man das Bauen gleich dem Wohnen, also dem Einrichten des Menschen auf der Erde setze, „sind nicht alle Bauten auch Wohnungen. Brücke und Flughalle, Stadion und Kraftwerk sind Bauten, aber keine Wohnungen; Bahnhof und Autobahn, Staudamm und Markthalle sind Bauten, aber keine Wohnungen.“ Dennoch gehörten solche Bauten in den Bereich des Wohnens, das jedoch weiter als nur architektonisch zu fassen sei, weil es mehr bedeute als nur den Menschen zu „behausen“.(7)

Otto Ernst Schweizer, Stadion in Nürnberg, in: immo Boyken, Otto Ernst Schweizer, 1890-1965. Bauten und Projekte, Stuttgart 1996

Otto Ernst Schweizer, Stadion in Nürnberg, in: immo Boyken, Otto Ernst Schweizer, 1890-1965. Bauten und Projekte, Stuttgart 1996

In Heideggers Rede folgt die durch Exegese und Reflexion berühmt gewordene etymologische Gleichsetzung von „Bauen“ und „Wohnen“, mit dem er den Aufenthalt der „Sterblichen“ auf der „Erde“ meint, dessen Grundtendenz das „Schonen“ sei, also das Bewahren und Pflegen der Lebensgrundlage, die die Konstituenten des Daseins der Menschen überhaupt erst zur Anschauung bringt. Diese Konstituenten bezeichnet Heidegger als „Geviert“, das aus zwei Antonymen besteht: der „Erde, die aus Gestein und Gewässer, aufgehend zu Gewächs und Getier“ besteht, und dem „Himmel“, der sich durch die Sterne, die Jahres- und Tageszeiten, „das Wirtliche und Unwirtliche der Wetter, Wolkenzug und bläuende Tiefe des Äthers“ zeigt; sowie aus den „Sterblichen“, mit denen Heidegger die Menschen meint, deren Leben ein kontinuierliches Sterben bedeutet, und die „Göttlichen“, als den „winkenden Boten der Gottheit, durch die sich Gott zeigt oder verbirgt.“ Den Aufenthalt der Menschen in diesem Geviert aus Himmel und Erde, Göttlichen und Sterblichen, bezeichnet Heidegger als das Wohnen, das unmittelbar mit dem „Schonen“ verbunden ist: „Die Sterblichen lassen der Sonne und dem Mond ihre Fahrt, den Gestirnen ihre Bahn, den Zeiten des Jahres ihren Segen und ihre Unbill, sie machen die Nacht nicht zum Tag und den Tag nicht zur gehetzten Unrast. Die Sterblichen wohnen, insofern sie die Göttlichen als die Göttlichen erwarten. Hoffend halten sie ihnen das Unverhoffte entgegen. Sie warten der Winke ihrer Ankunft und verkennen nicht die Zeichen ihres Fehls“. Und sie wohnen, „insofern sie ihr eigenes Wesen, dass sie nämlich den Tod als Tod vermögen, in dem Brauch dieses Vermögens geleiten, damit ein guter Tod sei.“(8)

Zur Veranschaulichung dieses determinierenden Vierecks wählt Heidegger schließlich – wohl kaum zufällig genauso wie am Tag zuvor Otto Ernst Schweizer – das Beispiel einer Brücke. Anders als der Architekt bezieht sich der Philosoph auf den antiken Typus der Steinbrücke: Er meint die alte Heidelberger Brücke(9), die Hugo Steinbach von 1946 bis 1947 in alten Formen wiedererrichtet hatte, nachdem das Bauwerk in den letzten Kriegstagen gesprengt worden war, um das Vorrücken amerikanischer Einheiten zu verhindern. Heidegger wählt – auch dies wahrscheinlich nicht von ungefähr – eines der am meisten diskutierten, weil historisierenden Beispiel des Wiederaufbaus aus, um daran eine philosophische Studie über Ort und Raum vorzuführen.(10) Seine beinahe poetische, fraglos an Hölderlin geschulte Beschreibung des gleichermaßen funktionalen wie ästhetischen Brückenbaus untersucht das Bauwerk systematisch im Hinblick auf die Art und Weise, wie sie die vier Kategorien des „Gevierts“ zum Vorschein bringt: „Die Brücke versammelt die Erde als Landschaft um den Strom… die Brücke ist bereit für die Wetter des Himmels und deren wendisches Wesen“. – „Die Brücke lässt dem Strom seine Bahn und gewährt den Sterblichen ihren Weg, den sie von Land zu Land gehen und fahren“. Die „Brücke sammelt als der überschwingende Übergang vor die Göttlichen. Mag deren Anwesen eigens bedacht und sichtbarlich bedankt sein wie die Figur des Brückenheiligen, mag es verstellt oder gar weggeschoben bleiben.“(11)

Die Wirkung eines Bauwerks, das durch seine Eigenheit die Kategorien des „Gevierts“ erkennbar macht, hatte Heidegger bereits im Text zum „Ursprung des Kunstwerks“ (1935/36) konkretisiert. Anlässlich der Frage nach dem, was das Spezifische eines „Werkes“ sei, wählt der Philosoph mit Absicht ein „Ding“ aus einer Sphäre, die nicht unmittelbar den bildenden Künsten angehört. Am Beispiel eines griechischen Tempels (gemeint ist ein Tempel in Paestum) erläutert er, wie das Werk „eine Welt aufstellt“, worunter Heidegger „das immer Ungegenständliche, dem wir unterstehen, solange die Bahnen von Geburt und Tod, Segen und Fluch uns in das Sein entrückt halten“, versteht.(12) Diese „Bahnen“ sammelt der Tempel um sich und „gibt in seinem Dastehen den Dingen erst ihr Gesicht und den Menschen erst die Aussicht auf sich selbst“.(13)

In erster Linie findet er seinen Sinn in der „Anwesenheit“ des Gottes. Durch seine physische Präsenz, durch sein „Dastehen“ macht das Bauwerk zudem die Naturgewalten sichtbar, den „über es wegrasenden Sturm“, „das Lichte des Tages, die Weite des Himmels, die Finsternis der Nacht“, Regen und die Wellen des Meeres. Zugleich bringt er die Pflanzen und die Tiere, die die Welt bevölkern, zum „Vorschein“: „Der Baum und das Gras, der Adler und der Stier, die Schlange und die Grille gehen erst in ihre abgehobene Gestalt ein und kommen so als das zum Vorschein, was sie sind.“(14)

Diese Charakteristik trifft auch auf die Brücke zu, die Heidegger in Darmstadt beschreibt: „Die Brücke versammelt auf ihre Weise Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen bei sich.“(15) Aus dem Wesen der Brücke, als Ding die Kategorien des Gevierts zu versammeln, entsteht ihre Funktion als „Ort“: „Zwar gibt es, bevor die Brücke steht, den Strom entlang viele Stellen, die durch etwas besetzt werden können. Eine unter ihnen ergibt sich als ein Ort, und zwar durch die Brücke. So kommt denn die Brücke nicht erst an einem Ort hin zu stehen, sondern von der Brücke selbst her entsteht erst ein Ort.“ Orte entstehen also dort, wo der Mensch Eingriffe vornimmt, die Erde, Himmel, die Sterblichen und die Göttlichen gleichermaßen sichtbar machen.

Josef-Kardinal-Frings-Brücke, Düsseldorf 1950–1951, Foto: D. Ritter

Josef-Kardinal-Frings-Brücke, Düsseldorf 1950–1951, Foto: D. Ritter

Dadurch, dass die Brücke den vier Kategorien des Gevierts eine „Stätte“ einräumt, lässt sie auch Plätze und Wege zu, durch die wiederum „Räume“ eingerichtet werden.: „Aber nur solches, was selber ein Ort ist, kann eine Stätte einräumen.“(16) Aus dieser Stätte bestimmen sich Plätze und Wege, die wiederum Räume ermöglichen, wie Heidegger sagt: „Demnach empfangen die Räume ihr Wesen aus Orten und nicht aus ‚dem’ Raum“.(17)

Diese Dinge, die „Orten eine Stätte verstatten“, nennt Heidegger „Bauten“. Deshalb sei das Bauen, weil es Orte errichtet, ein „Stiften und Fügen von Räumen“(18): „Das Bauen errichtet Orte, die dem Geviert eine Stätte einräumen… Die Bauten verwahren das Geviert. Sie sind Dinge, die auf ihre Weise das Geviert schonen. Das Geviert zu schonen, die Erde zu retten, den Himmel zu empfangen, die Göttlichen zu erwarten, die Sterblichen zu geleiten, dieses vierfältige Schonen ist das einfache Wesen des Wohnens.“ Und Heidegger geht noch einen Schritt weiter, indem er den Schwarzwaldhof als historisches Beispiel des „Wohnens“ nennt, also des „Vermögens, Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen, einfältig in die Dinge einzulassen“: „Nur wenn wir das Wohnen vermögen, können wir bauen.“(19)

Heidegger selbst muss deutlich gewesen sein, wie schwer den Zuhörern der Transfer seines Vortrags in die Lebenswelt, in die Pragmatik der Zeitgenossen fallen muss. So steht am Ende seiner Rede nicht von ungefähr der Satz: „Genug wäre gewonnen, wenn Wohnen und Bauen in das Fragwürdige gelangten und so etwas Denkwürdiges blieben.“

Ein Beispiel der Rezeption
Heideggers hermetische Sprache hat nicht nur bei den im Jahre 1951 Anwesenden Irritation oder Unverständnis ausgelöst. Der Architekt Paul Bonatz hielt dem Philosophen indirekt gar vor, er sei lediglich ein „Zerdenker“, der die Praxis der Architektur nicht erfasst habe.(20) Spätere Interpreten stellen ihre Auslegungen meistens unter Fragestellungen, die ihnen selbst am Herzen liegen. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür ist der Architekt und Architekturtheoretiker Christian Norberg-Schulz, dessen vielzitiertes Werk „Genius Loci“ grundsätzlich auf Anregungen von Heideggers Überlegungen zum Ort zurückgeht.

In einem Text Norberg-Schulz’ von 1972 wird klar, wo eines der Missverständnisse der Lektüre Heideggers liegen kann: „Was nun bedeutet das Wort ‚Ort’?“, beginnt der norwegische Architekt, „…viele neigen dazu, ein Gleichheitszeichen zwischen ,Ort’ und ,Raum’ zu setzen und nähern sich dem Problem ,Ort’ mit Begriffen der räumlichen Organisation. Diese Annäherung ist ungenügend. Ein Ort ist in erster Linie konkret bezogen auf ‚hier‘, Raum hingegen ist ein abstrakter Begriff. Während Raum mit Bezeichnungen der Topologie und Geometrie beschrieben wird, verlangt die Beschreibung des Ortes konkrete oder sogar phänomenologische Begriffe. Diese Begriffe gehören zur Alltagssprache und sind einfache Worte wie ,Felsen’, ,Baum’, ,Hügel’, ,Berg’, ,Fluss’, ,Tal’, wie auch einige allgemeinere Kategorien wie ‚Erde‘ und ,Himmel‘. Da Orte Grundbestandteile unserer Alltagswelt sind, ist es nur natürlich, sich ihnen auf diesem direkten Weg zu nähern.“

Heidelberg mit Alter Brücke vom Philosophenweg aus gesehen, 1896, Fotograf unbekannt

Heidelberg mit Alter Brücke vom Philosophenweg aus gesehen, 1896, Fotograf unbekannt

Angesichts von Heideggers Sentenzen, dass „Räume ihr Wesen aus Orten und nicht aus ,dem‘ Raum empfangen“ und „Dinge, die als Orte eine Stätte verstatten, nennen wir… Bauten“, interpretiert, bleibt Norberg-Schulz’ Interpretation bis hierhin nachvollziehbar. Schwieriger wird es indes mit seinem Umkehrschluss: „ln anderen Worten: die ldentität eines von Menschen geschaffenen Ortes hängt von der Art ab, wie seine wesentlichen Bauten beschaffen sind.“ Die Folge daraus wird hingegen polemisch zugespitzt: „Daraus ergibt sich, dass die ldee eines ,internationalen Stils‘ die Existenz von individuellen Orten unmöglich macht, und die Geschichte der modernen Architektur hat in der Tat bewiesen, dass es so ist.“

Das Missverständnis des Norwegers besteht schließlich darin, den „Ort“ als Naturerscheinung, als präexistent zu begreifen und das menschliche „Bauen“ als Reaktion auf diese natürliche Gegebenheit zu verstehen: Norberg-Schulz geht davon aus, dass ein menschliches Wesen als Teil einer speziellen Umgebung aufwächst, zu der es eine ständige Wechselbeziehung hat, die wiederum sein Handeln prägt. „ln der Antike wurde das von den Menschen auch verstanden, wie an dem Begriff ‚genius loci‘ deutlich wird. Bei den Alten hatte jeder Ort seinen besonderen Charakter und, um siedeln und wohnen zu können, musste der Mensch sich erst mit dem Genius des Ortes einigen.“
Der Verlust dieses Wissens sei der Grund für eine „chaotische Umgebung und menschliche Entfremdung“. Schließlich sieht Norberg-Schulz in der architektonischen Anpassung das geeignete Mittel, um sich mit dem „Bauen“ dem „Ort“ zu nähern: „Wenn wir heute über die Anpassung unserer neuen Gebäude an eine gegebene Landschaft oder an ein gegebenes architektonisches Milieu sprechen, hat das offenbar das Ziel, die Qualität des Ortes wiederzugewinnen und so den Menschen zu helfen, den verlorenen Halt wiederzufinden.“ Um sich „anpassen“ zu können, müsse jedoch der besagte „genius loci“ in strukturellen Begriffen verstanden sein: „Ein derartiges Verständnis ist im Entstehen, und wir haben guten Grund, zu glauben, dass uns bald eine neue bedeutungsvolle Theorie der Architekturformen zur Verfügung stehen wird.“

Christian Norberg-Schulz’ Darstellung der Ortsqualitäten hat sich in gewisser Weise vom ontologischen Vollbegriff der menschlichen Einrichtung auf der Erde, der mit dem „Geviert“ Heideggers behauptet wird, entfernt. Der norwegische Architekt wirft den Begriff des Ortes zurück auf ein Verständnis, das sich aus einem äußeren architektonisch-formalen Bezugsrahmen ergibt: „Ein Ort ist für Norberg-Schulz immer eine ‚Totalität aus konkreten Dingen mit materieller Substanz, Form, Oberfläche und Farbe‘, ein Ort ist immer ein qualitatives ‚Gesamt-Phänomen‘, das Norberg-Schulz auch als ‚Atmosphäre‘ oder als ‚Charakter‘ bezeichnet“.(21)

Milieu
Trotz dieses – für die Architektur letztendlich produktiven Missverständnisses – nennt Norberg-Schulz einen wichtigen und weiterführenden Gesichtspunkt der Annäherung an Heideggers „Geviert“: Bei der Behandlung einer zukünftigen Architektur denkt er an eine „Anpassung unserer neuen Gebäude an eine gegebene Landschaft oder an ein gegebenes architektonisches Milieu“. Der Begriff des Milieus ist in Bezug auf Heideggers Vorstellung des Gevierts tatsächlich weiterführend, sofern man ihn nicht nur als soziologischen Begriff versteht, sondern biologisch definiert: Die Biologie meint damit alle externen Faktoren, die dauerhaft oder nachhaltig ein Lebewesen – sei es Mensch, Tier oder Pflanze – beeinflussen und die dazu führen, dass sich biologische Gemeinschaften und Organisationen an eine Umwelt anpassen, um zu überleben und sich zu verstetigen. Das Milieu ist ein Ausschnitt der Welt, mit der ein Lebewesen in Kontakt steht. Das Milieu ist der Raum, wo ein Lebewesen lebt und sich entwickelt. Das Milieu enthält alle notwendigen Ressourcen für die Entwicklung dieses Lebewesens und wird deshalb auch Biotop genannt.

Alte Brücke Heidelberg mit dem Brückheiligen Nepomuk, 2010. Foto: Keith Knapp

Alte Brücke Heidelberg mit dem Brückheiligen Nepomuk, 2010. Foto: Keith Knapp

Biotope können natürlich und künstlich sein. Eine natürliche Umgebung ist nur dann anzutreffen, wenn sie sich ohne menschliches Zutun entwickelt hat. Menschliche Milieus haben in der Regel überwiegend künstliche Eigenschaften, weil hier Menschen im Wesentlichen für die Sammlung aller materiellen und geistigen Ressourcen verantwortlich sind. Diese Ressourcen setzen sie ein zur Gestaltung ihrer Lebensbedingungen: Im weiteren Sinne ließe sich also das Heideggersche „Geviert“ als Milieu deuten, in dem die natürlichen und kreatürlichen Einflüsse der menschlichen Lebensbedingungen ineinanderfließen. Menschliche Milieus in diesem Sinne sind wie das „Geviert“ geprägt durch die natürlich-biologischen, die kosmisch-klimatischen, die transzendenten und die ontologischen Grundlagen seines Lebens und Sterbens auf der Erde.

Teilnehmende Beobachtung
Als methodische Annäherung an ein solches Milieu eignet sich am ehesten die ethnologische Feldforschung, weil sie das Leben der Menschen und seine Bedingungen gewissermaßen aus eigener Anschauung zur Kenntnis nimmt. Besonders die Methode der „Teilnehmenden Beobachtung“ ist prädestiniert. Dabei sucht sich im engeren Sinn der Ethnologie der Forscher längerfristig einen Platz bei einer Gruppe und lebt möglichst eng mit der „Zielgruppe“ zusammen, um auf diese Weise möglichst viel über ihr Leben zu erfahren.(22)

Der Begriff der Teilnahme kann dabei unterschiedlich aufgefasst werden. Physische Nähe ist die eine allgemeine Voraussetzung für das Gelingen der Beobachtung, denn sie basiert jedenfalls auch auf sozialen Beziehungen zwischen Forschern und den zu untersuchenden Menschen. Sie ist das Gegenteil von Untersuchungen im Labor, bei denen Dinge und Sachverhalte untersucht werden, auf die der Beobachter gar nicht oder nur gering einwirkt. Im Gegensatz dazu ist die „Teilnehmende Beobachtung“ situationsabhängig – vom Ort, von den Menschen, die daran teilhaben und die miteinander interagieren; Ergebnisse von Feldforschungen lassen sich nie genau gleich wiederholen. Genauso wie ihre Ergebnisse vom Verhalten der Beobachteten abhängen, so auch von der Art und Weise, wie der Forscher interagiert, wie er mit den Menschen kommuniziert und auf welche Weise er die Ergebnisse aufnimmt und auswertet. Insofern ist diese ethnologische Methode bestens geeignet, den architektonischen Methodenkanon zu ergänzen, um zumindest in Fällen, wo es naheliegt, Erkenntnisse über den Ort und sein Milieu zu gewinnen.

Alte Brücke Heidelberg Foto: Radosław Drożdżewski

Alte Brücke Heidelberg Foto: Radosław Drożdżewski

Ein gutes Beispiel für das Gelingen eines solchen Ansatzes ist den Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal gelungen. Bei der Aufgabe, die Place Léon Aucoc – eine dreieckige Formation des 19. Jahrhunderts mit einfacher Architektur, Bäumen, Bänken und einem Petanque-Spiel-Platz – in Bordeaux zu revitalisieren, kamen sie 1996 zu folgender Methode: „Bei unserem ersten Besuch bekamen wir das Gefühl, dass dieser Platz schon schön ist, weil er authentisch ist und es ihm an Raffinesse fehlt. Er besitzt die Schönheit dessen, was offensichtlich, notwendig, richtig ist. Seine Bedeutung ergibt sich direkt. Die Leute sind hier zu Hause in einer Atmosphäre von Harmonie und Ruhe, die sich über viele Jahre hinweg gebildet hat. Wir haben einige Zeit damit verbracht, um zu sehen, was dort passiert. Wir haben uns mit einigen Bewohnern unterhalten. Dann haben wir über ein Entwicklungsprojekt auf diesem Platz im Hinblick auf seine Verschönerung gesprochen: (…) Geht es darum, einen Bodenbelag durch einen anderen zu ersetzen? Eine hölzerne Bank mit einem Mehr-Up-to-Date-Design in Stein? Oder um einen anderen, modischeren Lampenstandard? Nichts verlangt hier nach einer großen Veränderung. Verschönerung hat hier keinen Platz. Qualität, Charme, Leben gibt es auch so. Der Platz ist bereits schön. Als Projekt haben wir einige einfache und schnell durchzuführende Wartungsarbeiten vorgeschlagen: Der Kies sollte erneuert, der Platz öfter gereinigt, die Linden regelmäßig gepflegt werden. Den Verkehr haben wir leicht modifizieren können, um die Benutzung des Platzes zu verbessern und die Einheimischen zufriedenzustellen.“(23)

Auch wenn hier – angesichts der Fragestellung der Beobachtung – noch nicht der Vollbegriff des „Ortes“ verwendet wird, wird erkennbar, dass die Einfühlungsästhetik, die Lacaton/Vassal bemüht haben, Klarheit über das Wesen des Ortes als Kristallisationspunkt menschlichen Lebens erzielt hat. Deutlich wird auch, wie die Beobachtung des menschlichen Verhaltens die Bewertung der ephemeren Qualitäten des Platzes gesteigert hat. Dass diese Wertschätzung des Alltäglichen schließlich eine angemessene Behandlung der Aufgabe der „Verschönerung“ des Platzes gefunden hat, spricht für die Sensibilität der Architekten, die ein überzeugendes Beispiel für den Umgang mit „Orten“ in der Architektur gegeben haben.

Prof. Andreas Denk (*1959) studierte Kunstgeschichte, Städtebau, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg i. Brsg. und in Bonn. Er ist Architekturhistoriker und Chefredakteur dieser Zeitschrift und lehrt Architekturtheorie an der Technischen Hochschule Köln. Er lebt und arbeitet in Bonn und Berlin.

Anmerkungen
1 Mensch und Raum. Das Darmstädter Gespräch mit den wegweisenden Vorträgen von Schwarz, Schweizer, Heidegger, Ortega y Gasset, Neuausgabe, Braunschweig 1991, S. 88-102, hier: S. 91 (Bauwelt Fundamente 94).
2 Ebda., S. 67.
3 Ebda.
4 Ebda., S. 70.
5 Ebda., S. 73.
6 Ebda., S. 88.
7 Ebda., S. 92 f.
8 Ebda., S. 98.
9 Ebda., S. 71 f. Vgl. auch: Boyken, Immo: Otto Ernst Schweizer. 1890 – 1965. Bauten und Projekte, Stuttgart 1996, zum Nürnberger Stadion bsds. S. 102-113.
10 Vgl.: Steinbach, Rudolf: Die Alte Brücke in Heidelberg und die Problematik des Wiederaufbaus. In: Conrads, Ulrich (Hrsg.): Die Städte himmeloffen. Reden und Reflexionen über den Wiederaufbau des Untergegangenen und die Wiederkehr des Neuen Bauens 1948/49, Stuttgart 2002, S. 171-179 (Bauwelt Fundamente 125).
11 Ebda., S. 94 f.
12 Heidegger, Martin: Der Ursprung des Kunstwerks. Mit einer Einführung von Hans Georg Gadamer, Stuttgart 1978 (1960), S. 45 (Reclams Universalbibliothek Nr. 8446).
13 Ursprung des Kunstwerks, S. 42 f.
14 Ebda., S. 42.
15 Ebda., S. 95.
16 Ebda., S. 93.
17 Zur Differenz zwischen dem Heideggerschen Raumbegriff und der Funktion des Begriffs als Synonym für „Zwischenraum“ und „Ausdehnung“ im physikalischen Raumbegriff vgl. ebda., S. 96 f. Auch hier nimmt Heidegger bewusst Bezug auf Otto Ernst Schweizer, indem er den Begriff „Stadion“, den Schweizer im Sinne seines Entwurfs benutzt hatte, im Sinne der Wortbedeutung „Abstand zwischen zwei Stellen“ verwendet. Zugleich konkretisiert er das Bauen in seinem Sinne als weiterreichende Erscheinung: Weil das Bauen Dinge zu Orten, also zu Containern des Gevierts, werden lässt, ist es „dem Wesen der Räume und der Wesensherkunft ‚des’ Raumes näher als alle Geometrie und Mathematik.“ (ebda., S. 99)
18 Ebda., S. 99.
19 Ebda., S. 100 f. Heidegger betont jedoch auch, dass der Hinweis auf den Schwarzwaldhof keineswegs eine Orientierung für die Form des Wohnens sei, „sondern er veranschaulicht an einem gewesenen Wohnen, wie es zu bauen vermochte.“ (S. 101).
20 Ebda., S. 109 f. Für José Ortega y Gassets knappe aphoristische Replik („Es ist nur ein einziges Wort, das ich dem Herrn Bonatz sagen möchte, nämlich: dass der liebe Gott den Zerdenker brauchte, damit die anderen Tiere nicht fortwährend in Schlaf fielen“, ebda., S. 112), äußerte Heidegger später nachhaltige Dankbarkeit.
21 Führ, Eduard: genius loci. Phänomen oder Phantom? In: Wolkenkuckucksheim, 3. Jg., H. 2. Juni 1998 (http://www.cloudcuckoo.net/openarchive/wolke/deu/Themen/982/Fuehr/fuehr_t.html, letzter Zugriff, 22. Mai 2017).
22 Für dies und das weitere siehe.: Beer, Bettina: Methoden ethnologischer Feldforschung, Berlin 22008.
23 https://www.lacatonvassal.com/index.php?idp=37# (letzter Zugriff: 21. Mai 2017).

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