Jos de Krieger von Superuse im Gespräch mit Maximilian Liesner

Dem Material zuhören

Das internationale Architekturbüro Superuse betrachtet das Entwerfen nicht als linearen, sondern als zirkulären Prozess des Wieder- und Weiterverwendens. Das Büro richtet den Blick auf die Potenziale gebrauchter Materialien und deren Mehrwert für neue Produkte und Gebäude. Grundlage der Arbeit von Superuse ist die Blue Economy, eine ganzheitliche Sichtweise auf Natur, Mensch und Wirtschaft mit dem Ziel, keinen Müll mehr zu produzieren, sondern alles wieder dem Materialkreislauf zuzuführen. Für Akteure dieses Prinzips transformieren sie momentan ein ehemaliges Erlebnisbad in Rotterdam zum Bürozentrum BlueCity, wo sie auch selbst arbeiten.

Jos de Krieger ist einer der Partner bei Superuse und arbeitet seit knapp 15 Jahren an der Wieder- und Weiterverwendung gebrauchter Materialien. 2016 war er Kreativdirektor des Festivals Festa in Christchurch und Redner beim dortigen TEDx-Talk. Derzeit ist er Forschungsmentor für Graduierte an der Architekturfakultät der TU Delft. Mit Jos de Krieger sprach Maximilian Liesner. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt.

Statt eine vorab erdachte Entwurfsvision umzusetzen, besteht der Ansatz von Superuse darin, wie Sie es ausdrücken, „dem Material zuzuhören“, das Ihnen zur Verfügung steht. Was kann das Material erzählen?
Normalerweise definieren die Umgebung und Konzepte einen Großteil der Form. Um funktionale Räume zu schaffen, arbeiten wir natürlich auch so. Aber das ganze Material, das wir finden, hat eine bestimmte Farbe und Größe. All diese Aspekte des Materials tragen zu unseren Entwürfen bei. Dass ein Fensterrahmen beispielsweise ein mal zwei Meter groß ist, definiert die Konstruktion, die man daraus anfertigen kann. Und ein Fensterrahmen aus Aluminium unterscheidet sich von einem Holz- oder Kunststoffrahmen. In einem traditionellen Entwurfsprozess wird viel Arbeit und Energie investiert, damit ein Material tut, was die Architekten wollen. Aber wenn man auf all dessen Eigenschaften achtet, muss man es nicht zwingen, etwas zu werden, was es nicht ist.

Im fertigen Gebäude legen Sie das wieder- und weiterverwendete Material ziemlich radikal offen.
Nicht unbedingt, in einigen Fällen erkennt man es überhaupt nicht als solches. Das hängt ganz vom Projekt ab. Wenn Sie sich zum Beispiel die Villa Welpeloo in Enschede ansehen: Fast 90 Prozent der Stahlkonstruktion stammen ursprünglich aus einer Textilmaschine, aber Sie sehen nur etwa fünf Prozent. Der ganze Rest ist versteckt, und es ist weder für uns noch für das Gebäude wichtig, den Stahl zu zeigen. In diesem Fall handelt es sich nur um ein funktionales Objekt. Die meisten Materialien der Villa Welpeloo sind nicht leicht als Abfall zu erkennen.

Superuse, Villa Welpeloo, Enschede, Nieder- lande 2008, Foto: Allard van der Hoek

Superuse, Villa Welpeloo, Enschede, Niederlande 2008, Foto: Allard van der Hoek

Auch die Holzfassade aus alten Kabeltrommeln nicht? Sie haben die Narben offen sichtbar belassen und die gebrochenen Bretter nicht repariert.
Ich würde sagen, dass es keine gebrochenen, sondern nur unregelmäßige Bretter gibt, die nämlich die Einlässe für die Kabel waren. Aber wenn man nicht weiß, dass dieses unterschiedliche Aussehen daher rührt, käme man nicht darauf, dass es von einer Kabeltrommel stammt. Es kommt wirklich auf das Auge der Betrachterin und ihr Hintergrundwissen an.

Die Villa Welpeloo haben Sie für ein Ehepaar und dessen Kunstsammlung gebaut. Es handelt sich also um eine kombinierte Galerie- und Wohnnutzung. Ist es schwieriger, Besserverdienende davon zu überzeugen, mit wieder- und weiterverwendeten Materialien zu bauen?
Es gab keinen Überzeugungsbedarf, sie sind an uns herangetreten. Sie wollten ein Kunstwerk als Haus, das unsere Mission unterstützt und als eines der ersten Häuser der Welt so weit wie möglich aus Abfallmaterialien besteht. Sie hatten also eine wirklich starke Meinung, was Architektur sein könnte.

Glauben Sie, dass Einzigartigkeit und Distinktion in einem solchen Fall eine Rolle spielen? Wenn Wieder- und Weiterverwendung hoffentlich eines Tages zur Routine werden, sind sie dann für die Oberschicht immer noch attraktiv, obwohl diese sich so nicht mehr von anderen abgrenzen kann?
Ich hoffe, dass es bei diesem Thema keinen Unterschied zwischen Sozialwohnungen und Luxusvillen geben wird. Beides sollte möglich sein. Je nach Budget kann man mehr oder weniger machen. Die Villa Welpeloo ist ein teures Gebäude, aber sie ist nicht teurer als eine normale Villa dieser Größe. Sie spielt sozusagen in der gleichen Liga. Es kommt allerdings nicht nur auf die Kosten an: Wir beobachten, wie in der letzten Zeit einige relativ teure zirkuläre Gebäude entstanden sind, die als besonders nachhaltig dargestellt werden. Die Behauptungen darüber, wie diese Nachhaltigkeit erreicht wird, bleiben manchmal vage. Deshalb plädieren wir für einen einheitlichen Standard zur Messung von Zirkularität, der anfechtbare Aussagen und teure Zertifizierung vermeidet.

Superuse, Buitenplaats Brienenoord, Rotterdam, Niederlande 2018, Foto: Riccardo de Vecchi

Superuse, Buitenplaats Brienenoord, Rotterdam, Niederlande 2018, Foto: Riccardo de Vecchi

Ihr Ziel als Architekt ist es nicht nur, CO2 einzusparen und einen minimalen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, sondern auch schöne und funktionale Räume zu schaffen, nicht wahr?
Auf jeden Fall! Wenn ein Raum nicht schön und funktional ist, hat er auch keine lange Lebensdauer. Wir betrachten alle regulären Aspekte der Architektur – und wir fügen ihnen noch etwas hinzu. Wir geben uns selbst mehr Einschränkungen, die uns helfen, auf eine bestimmte Art und Weise zu entwerfen. Wir mögen Komplexität.

Wie bringen Sie die üblichen architektonischen Anforderungen und Ihre ökologischen Ambitionen in Einklang?
Wir wenden alle Vorschriften an. Wir bauen keine Gebäude, die nicht den Bauvorschriften entsprechen, nur weil wir lediglich bestimmte Materialien zur Verfügung haben. Aber manchmal stellen wir die Vorschriften infrage, wenn wir das Gefühl haben, dass der Grund, aus dem sie uns an etwas hindern, ungültig ist.

In den Niederlanden ist die Baugesetzgebung im Vergleich zu Deutschland relativ locker. Profitieren Sie also von Ihrem Standort?
Wahrscheinlich schon. Einige Dinge mögen in Deutschland schwierig sein, aber für mich wäre es eine schöne Herausforderung. Ich würde Architekten in Deutschland, die mehr zirkuläre Gebäude entwerfen wollen, gerne mit den Lektionen helfen, die wir in der Praxis, in der Auslegung von Vorschriften oder in Verhandlungen mit Kommunen gelernt haben. Wir könnten sehen, ob unsere Argumente auch in Deutschland Bestand haben oder ob es bestimmte Einschränkungen gibt, die wir ohne zusätzliche Zertifizierungen nicht überwinden können.

Unsere aktuelle Ausgabe argumentiert, dass die Verwendung gebrauchter Materialien nicht nur physisch, sondern auch semiotisch etwas Neues schafft – als Kombination von Zeichen. Ist das etwas, worüber Sie auch nachdenken?
Wenn wir ein Projekt beginnen, erstellen wir eine „Ernte-Karte“ der Materialien, die in der Umgebung zur Verfügung stehen, und schauen, was mit dem Auftrag des Bauherrn vereinbar ist. Einige dieser Materialien haben interessante Geschichten, andere nicht. Die Geschichte eines Materials sollte nicht der Hauptgrund für seine Verwendung sein. Für uns ist es keine Notwendigkeit, sie in ein neues Design zu integrieren. Es kann schön sein, Teile eines abgerissenen Gebäudes – wie zum Beispiel einer Schule, die zum täglichen Leben der Menschen gehörte – in ein neues Gebäude einzubauen. Dann erkennen die Menschen die alten Stücke wieder, weil sie eine emotionale Verbindung zu diesem Material haben. In anderen Fällen ist die Geschichte für die Nutzerinnen und Nutzer absolut nicht relevant. Das Material ist einfach, was es ist, und die Menschen akzeptieren es so.

Superuse, BlueCity, Rotterdam, Niederlande, seit 2017, Foto: Frank Hanswijk

Superuse, BlueCity, Rotterdam, Niederlande, seit 2017, Foto: Frank Hanswijk

Wie wichtig ist die Quelle des Materials? Welche Unterschiede erleben Sie zwischen der Arbeit mit Industrieabfällen und Abbruchmaterial?
Das Schöne an Industrieabfällen ist, dass sie in konstanten Mengen anfallen, der Verschnitt von Stahlblechen beispielsweise. Sie folgen einer mechanischen Logik, nicht um der Schönheit, sondern nur der Effi­zienz willen. Das schafft an sich schon eine Art Schönheit, wenn man sie in einem größeren Maßstab sieht. Ich bin sehr daran interessiert, mathematische Muster, Wiederholungen und Konfigurationen in großen Mengen von Material zu finden – und diese dann zu nutzen, um etwas zu schaffen. Materialien aus dem Abbruch tauchen einmal auf – und man kann sie ernten, sonst sind sie weg. Aber wir beschäftigen uns mehr und mehr mit Abbrucharbeiten, da wir festgestellt haben, dass auch in diesem Sektor größere Mengen zur Verfügung stehen. Dabei handelt es sich in der Regel um grundlegende architektonische Komponenten. Nicht immer können sie so wiederverwendet werden, wie sie sind. Zum Beispiel wird ein alter Fensterrahmen wahrscheinlich nicht mehr an einer Außenfassade angebracht, weil sich die Vorschriften geändert haben. Aber er kann in Innenräumen verwendet werden – und dann ist es immer noch ein Fenster. Denn was sonst außer einem Fens­ter soll man daraus machen, dass die Funktio­nalität erhalten bleibt?

Da Sie an die vorhandenen Materialien gebunden sind, müssen Sie für jedes Projekt Ihre Formensprache anpassen. Würden Sie trotzdem sagen, dass Sie einen bestimmten Stil pflegen?
Wir haben Materialquellen, die wir öfter verwenden können – das hilft uns, eine bestimmte Sprache zu entwickeln. Wir haben mehrere Projekte mit Kabeltrommeln oder Stanzresten von Stahlblechen durchgeführt. Und Fensterrahmen sind in vielen Größen erhältlich, weil immer wieder Gebäude abgerissen werden. Da es uns gefällt, verschiedene Materialien zu finden und sie auf eine neuartige Weise zu kombinieren, sind unsere Projekte vielleicht etwas eklektisch. Das ist definitiv kein traditioneller Stil, der in der Architekturschule gelehrt wird, wo man im Wesentlichen vier Dinge zur Verfügung hat: Weiß, Beton, Holz und Glas. Uns geht es nicht nur um Form, sondern auch um Materialität.

Wessel van Geffen Architecten / Superuse, Afvalbrengstation, Den Haag, Niederlande 2017, Foto: Scagliola Brakkee

Wessel van Geffen Architecten / Superuse, Afvalbrengstation, Den Haag, Niederlande 2017, Foto: Scagliola Brakkee

Für den Wertstoffhof in Den Haag hat Superuse das Büro Wessel van Geffen Architecten in Fragen der Zirkularität beraten. Das Ergebnis ist ein Gebäude aus Abfall für Abfall.
Das war eine konkrete Anforderung des Bauherrn, der Kommune. Die Story erschließt sich natürlich schnell – und es ist gut, an der Quelle zu beginnen, um die Stadt zirkulärer zu machen. Aber für uns ist diese Verbindung zwischen Funktion und Materialnutzung nicht notwendig. Es kann nett sein, aber es muss nicht passieren. Jedes Gebäude kann interessanter und nachhaltiger werden, wenn Materialien auf die richtige Art und Weise wieder- oder weiterverwendet werden.

Ein weiteres Ihrer Projekte, Buitenplaats Brienenoord, ist eine Art utopisches Kulturzentrum auf einer Insel in Rotterdam. Es besteht zu 90 Prozent aus dem alten Gebäude, das zuvor an derselben Stelle stand. Das zeigt also, dass Architektur viel mehr ist als nur das Material. Physisch gesehen ist das Gebäude immer noch dasselbe – aber in jeder anderen Hinsicht ist es etwas völlig Neues.
Im Grunde genommen handelt es sich um eine Neukonfiguration des Materials, um die Funktionalität und Form zu etwas Interessanterem als dem großen Schuppen aufzuwerten, der es früher einmal war. Aber wir haben auch Materialien aus anderen Quellen hinzugefügt, und zwar mehr als die zehn Prozent des Altbaus, die wir im Gebäude selbst nicht verwenden konnten. Diese zehn Prozent wiederum wurden für die Landschaftsgestaltung um das Gebäude herum verwendet.

Superuse, Spielplatz Wikado, Rotterdam, Niederlande 2007, Foto: Allard van der Hoek

Superuse, Spielplatz Wikado, Rotterdam, Niederlande 2007, Foto: Allard van der Hoek

Der Spielplatz Wikado besteht aus Rotorblättern alter Windräder. Diese bilden eine abstrakte Struktur, die die Fantasie der Kinder anregt, statt ihnen einen Themenpark aufzuzwingen.
Wir haben nach Volumen gesucht, die sich miteinander verbinden lassen, um eine Landschaft oder ein Objekt zu schaffen, auf das man klettern und in das man hineingehen kann. Einige der ersten Entwürfe basierten auf Flugzeugflügeln oder Getreidesilos. Irgendwann fanden wir die Rotorblätter und es stellte sich heraus, dass sie nur zu stark beschädigt waren, um in großen Höhen bei starken Windgeschwindigkeiten betrieben zu werden. Aber die Last von Kindern oder sogar Erwachsenen, die darauf rennen und durch sie hindurchklettern, ist viel leichter.

Die skulpturalen Röhren mit ihren Löchern erinnern an ein Spielgerät aus den siebziger Jahren: den nach seinem Gestalter Yvan Pestalozzi benannten Lozziwurm aus Plastik. Wie einfach ist es generell, historische Bezüge innerhalb der Grenzen des gefundenen Materials herzustellen?
Ich glaube nicht, dass es schwieriger ist. Referenzen kommen auf vielen Wegen. Es kann das Material sein, aber auch Formen oder Muster. Man braucht keine neuen Materialien, um etwas zu schaffen, das sich monumental oder weich anfühlt. Es geht nur darum, wie man es gestaltet.

Maximilian Liesner, M.A., studierte Urbanistik, Kunstgeschichte und Germanistik in Essen, Tübingen und Istanbul. Am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main arbeitete er anschließend als Volontär und freier Kurator an den Ausstellungen „SOS Brutalismus“ (2017), „Internationaler Hochhaus Preis 2018“ sowie „Paulskirche – Ein Denkmal unter Druck“ (2019). Seit 2019 ist er Chef vom Dienst dieser Zeitschrift.

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