Buch der Woche: Konrad Wachsmann und die Weinstock-Struktur

Der Raum an sich

Einer der auf den ersten Blick völlig unverständlichen Beiträge auf der diesjährigen Biennale in Venedig kommt von burkhalter sumi architekten. Vor dem ehemaligen italienischen Pavillon in den Giardini, der einen Teil der Hauptausstellung aufnimmt, steht eine rund fünf Meter hohe Holzskulptur, die sich aus vier umeinander windende, in rot, grün, gelb und blau lackierten Stabwerken zusammensetzt, die sich wiederum jeweils an ihren oberen und unteren Enden einer Wünschelrute gleich aufspalten.

Erst im Innern des Gebäudes erfährt man schließlich: Es handelt sich um eine von Konrad Wachsmann erdachte Konstruktion, die bis dato nur auf dem Papier existierte. Die Weinstock-Struktur – oder Grapevine Structure. Marianne Burkhalter, Christian Sumi und ihr Team haben sich für ihren Biennale-Beitrag mit Wachsmann und dessen unterschiedlichen Knoten und Verbindungen auseinandergesetzt – oder sie haben ihre Auseinandersetzung mit dem Thema zu ihrem Biennale-Beitrag gemacht. Wie intensiv diese Auseinandersetzung aber wirklich war, macht erst die im Zürcher Verlag Park Books veröffentlichte Publikation „Konrad Wachsmann and the Grapevine Structure“ klar.

Konrad Wachsmann, Dreidimensionaler Knoten für ein demontierbares Bürotrennwandsystem, Foto: Akademie der Künste, Berlin, Konrad-Wachsmann-Archiv

Wo der Beitrag in Venedig grafisch zwar faszinierend ist, geht das Buch in die Tiefe. In der Lagunenstadt zeigen burkhalter sumi in einem schwarz gestrichenen Raum Zeichnungen der Konstruktion an den Wänden sowie in der Mitte des Raumes eine Art Stalaktit, auf der die Weinstock-Struktur als raumbildendes Stabwerk aufgetragen ist. Alles in allem bleibt dabei vor allem der reizende, und mit einem Schnappschuss eines gemeinsamen Essens versehene Brief von Jackie Dubey an Konrad Wachsmann aus dem Jahr 1980 im Gedächtnis. Er zeigt neben Wachsmann selbst auch John Cage, „Bucky“ Fuller, David Cloud, Eric und Bernhard Zimmerman, Margie Gordon, Doreen Nelson, Berta und Frank Gehry sowie die Verfasserin des Schriftstücks, das in der Ausstellung als Faksimile gezeigt wird. Dieser Brief findet sich auch im Buch. Auf der letzten Seite. Er unterstreicht welche Wirkmächtigkeit der 1901 in Frankfurt an der Oder geborene Wachsmann hatte und bis heute hat.

Max Meringhausen (1903–1988), Knotenpunkt, patentiert 1943, veröffentlicht in: Konrad Wachsmann: Wendepunkt des Bauens, Krausskopf-Verlag, Wiesbaden 1959

Bereits 1932 nach Rom gegangen – zunächst wegen eines, an den Rom-Preis (später zurückgegeben) der Preußischen Akademie der Künste gebundenen Stipendiums –, emigrierte Konrad Wachsmann 1938 erst nach Paris, ehe er 1941 mit Unterstützung Albert Einsteins vor den Nazis in die USA floh. Für Einstein hatte Wachsmann 1929 ein Sommerhaus in Caputh bei Potsdam realisiert. Das Haus ist eines von nur drei in Deutschland erhaltenen Wachsmann-Projekten.

Rekonstruktion der Weinstock-Struktur, Foto: Burkhalter Sumi Architekten

Die historische Aufarbeitung des konstruktiven Werks Wachsmanns im Buch speist sich aus bereits Bekanntem, etwa aus in „Wendepunkte des Bauens“ publizierten Zeichnungen, Bildern und Texten. Ihre erneute Darstellung in diesem Kontext aber ist sinnvoll. So stellt sie Wachsmanns Entwicklung vom Spezialisten für Holzbau des Unternehmens Christoph & Unmack in Niesky (wo bis heute ein weiteres Wachsmann-Haus steht) zu jenem Konstrukteur nach, der mittels aufgelösten Tragwerksstrukturen gigantische freitragende Hangars für die US Air Force konzipierte. Die unterschiedlichen Knoten und Verbindungen in Metall und Holz zeichnen die Herausgeber im Buch fein nach. Im Rahmen von Seminaren an den Hochschulen, an denen die Architekten unterrichten, sind zudem Modellserien entstanden, die diese Entwicklung in Fotoserien wunderbar nachvollziehbar machen. Ergänzt wird all das um einen Essay von Andreas Burkhalter, der die Knotenverbindungen Wachsmanns mit denen im menschlichen Hirn in Verbindung setzt und einem Gespräch zwischen Mario Pogacnik, Hermann Czech und Friedrich Kurrent über Wachsmanns Vorträge und Seminare im Rahmen der Salzburger Sommerakademie in den späten 1950er-Jahren.

Konrad Wachsmann, Grapevine Structure, 1953, Abb.: Akademie der Künste, Berlin, Konrad-Wachsmann-Archiv

Die Publikation mündet schließlich in jener „Grapevine Structure“, deren vier Elemente sich einer Weinrebe gleich gegenseitig Halt geben und mithin eine sich selbst tragende, ausgesteifte Konstruktion bilden. Wie komplex diese Struktur ist, wenn sie zu einem raumbildenden Konstrukt in Hausgröße ausgearbeitet wird, verdeutlicht ein Video, das eine virtuelle Fahrt durch ein animiertes Gebilde zeigt. Hier geht es zwar vordergründig um Konstruktion, eigentlich aber um den Raum an sich. Und so ist das Buch nicht nur faszinierende Darstellung dessen, was Konstruktion als raum- und formbildende Grundlage von Architektur im Stande ist zu leisten, sondern auch Abbild intensiver Forschung. Nicht zuletzt ist es ein Aufruf an die Spielzeugindustrie: Beim Anblick der Fotos im Buch wünscht man sich fast unmittelbar eine Miniatur der Weinstock-Struktur als eine Art räumliches Puzzle aus Holz, um diese Faszination auch haptisch nachfühlen zu können.

David Kasparek

Marianne Burkhalter, Christian Sumi: Konrad Wachsmann and the Grapevine Structure, mit Beiträgen von Fabio Gramazio, Matthias Kohler, Hannes Mayer, Andreas Burkhalter und einem Gespräch zwischen Mario Pogacnik, Hermann Czech und Friedrich Kurrent, 152 S., 91 farb., 50 Duotone und 40 s/w. Abb., English, Park Books, Zürich2018, 48,- Euro, ISBN 978-3-03860-110-4

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