der erste stein: klaus schäfer

Mit Städtebau fängt alles an

Der erste Stein kann gelegt oder geworfen werden. Unter dieser Rubrik erscheinen Beiträge, die beides vermögen: Es sind theoretische Texte von Autoren mit Thesen zur architektonischen Praxis, die kontrovers diskutierbar sind. Klaus Schäfer bringt den Stein ins Rollen: Diskutieren Sie mit! Per Leserbrief oder hier im Internet.

Wann der Städtebau als kontextuelle Ebene der Architektur in der Lehre einsetzt, wird zumeist daran bemessen, welcher Grad an Komplexität wann und wie im Studium zum Tragen kommen kann. In der Entwurfslehre gilt es als Standard, mit dem einfachen Objekt zu beginnen und mit ansteigendem Komplexitätsgrad von Semester zu Semester, von Aufgabe zu Aufgabe fortzuschreiten. Unumstritten ist allerdings, sonst würde sich diese Fragestellung gar nicht ergeben, dass ein gewandeltes Verhältnis der Architektur zur gebauten Umwelt weithin angestrebt werden und dies auch in die Lehre einfließen sollte. Die über Generationen propagierte objektbezogene Architektur lässt die Stadt mit ihrer Umgebung als Zerrbild erscheinen und die Versuche, eine ‚Zwischenstadt‘ ästhetisch zu verklären, scheitern an der Nachhaltigkeitsdebatte. Der Ort, an dem eine Bauaufgabe entsteht – sei es auf dem Land oder im städtischen Bereich – kann nicht mehr als beliebig erachtet werden.

Schaut man auf die Lehrpläne der Hochschulen, so lässt sich – vor allem an den Universitäten – beobachten, dass sich städtebaulich orientierte Lehrinhalte mehr und mehr in die Anfangssemester schieben. Das ist eine erfreuliche Wandlung, zumal Städtebau damit anerkanntermaßen zu einer die Stadtplanung ergänzenden Disziplin wird. Doch oft ist dieses Bekenntnis nur halbherzig, beharrt auf der Beschreibung von Phänomenen der Stadtentwicklung und Geschichte. Der Städtebau als eine formrelevante Entwurfslehre bleibt nicht selten (noch) außen vor.

Eine strenge, auf verschiedenen wissenschaftlichen Analysen basierende Betrachtungsebene objektiver und empirischer Erkenntnisse ist die komplexeste Sichtweise auf den Städtebau. Denn wie viele Disziplinen finden hier ihren Eingang? Je nach Blickwinkel und im Wechsel von Dekaden sind es historische, soziologische, volkswirtschaftliche und ökologische Ansätze, die möglicherweise sogar miteinander in Konkurrenz treten. Die Bedeutung der Wissenschaften soll hiermit nicht geschmälert werden, nur Ausgangspunkt war die Frage danach, wann eine Städtebaulehre einsetzt und ob es begründet ist, jemanden möglicherweise zunächst von den ‚schwierigen Dingen‘ im Studium fernzuhalten.

Irrtümlicherweise wird dem Städtebau als entwurfliche Orientierung die Vielschichtigkeit städtischen Gemeinwesens als ein unabdingbares Grundlagenwissen vorausgesetzt. Erst mit diesem Wissen kann, so gesehen, an den Entwurf größeren Maßstabs herangegangen werden. Städtebau ist etwas sehr einfaches! Letztlich ist es nur eine Frage, aus welcher Perspektive die Architektur betrachtet wird: Ausgehend von einem Ort oder ausgehend von einem Inhalt, beschreibe ich die Lage oder beschreibe ich die Aufgabe? Dies hat zunächst etwas mit Sprache zu tun, mit Formulierung, und geht von einer Ursprünglichkeit aus, baut auf Instinkte sozialer, technischer oder ästhetischer Natur. Nichts ist an diesem Beginn kompliziert. Wir sprechen nur vom Weg zur Architektur.

Das Vermessen des Außenraums mit dem eigenen Körper, Vorhandenes, Bekanntes berühren mit der Überschrift: „Ab heute ist das alles Architektur!“ Wo ist sie angenehm und wo ist sie unangenehm? Also das Erforschen der (eigenen) Umwelt und die Rolle der Architektur darin. – Zweifellos steht das Befragen hier vor dem Beantworten! Es ist ein Unterschied, ob ich zunächst Fühlung zu einem städtischen Gewebe aufnehme oder frage: Wie drücke ich mich aus? Bleibt der Student im Atelier oder schickt man ihn in die Stadt. Dazu muss man allerdings auch Ja sagen zur Stadt – und diese Entscheidung trifft nicht der Student. Das wäre tatsächlich zu komplex. Das ist Gegenstand der Planung von Lehrinhalten.

Konvention von Architektur
Die Bindung an Konventionen in der Architekturlehre kann als Behinderung oder als Grundlage des eigenen Schaffens betrachtet werden. Konventionen werden gebildet, tradiert, fortgeschrieben und verändert – Erfinden bedeutet auch, neue Konventionen zu bilden. So gesehen sind Konventionen Teil einer Entwicklung, eines Entwurfsprozesses. Nun liegt scheinbar ein Unterschied darin, ob von den Konventionen eines statischen Systems oder einer Gestaltwirkung die Rede ist, denn der erste Fall wird in seiner Notwendigkeit nicht hinterfragt werden. Doch die Gestalt an sich wird oft zur Aufgabe selbst, ohne die dazugehörigen Konventionen vorher zu erläutern. Eine stilistische Erstarrung unterläuft sich nicht, indem Regeln außer Kraft gesetzt sind, und hinterfragt werden kann nur, was vorher verstanden wird.

Im städtebaulichen Sinne bedeutet das Unkonventionelle, den Bruch mit dem Kanon aus räumlichem Zusammenhang und Geschichte herbeizuführen. Es ist die Stadt, in der sich das Unsolidarische in der Architektur, das Besondere breitmacht, sichtbar durch den Verlust kontextueller Eigenschaften einer Nachbarschaft. In der ‚Zwischenstadt‘ fällt dieses Gebaren gar nicht erst auf. Das Argument von der ‚hohen Komplexität‘ stützt letztendlich nur den Konventionsbruch als Erfindungsprinzip des immer Neuen aufrecht zu erhalten.

Mit der ‚Moderne‘ vollzieht sich ein Subjekt / Objekt-Wandel der Perspektive auf die Architektur. Zum einen wird das Gebäude in mehrerlei Hinsicht aus dem Kontext gelöst und wie ein Objekt von allen Seiten betrachtet, solitär entwickelt und entsprechend situiert. Auf der anderen Seite wird das Gebäude mit dieser Entwicklung Träger von Eigenschaften, die nicht mehr bloß als symbolisch im repräsentativen Sinne aufgefasst sind, sondern die Gebäude nehmen selbst diese Eigenschaften an und erhalten damit einen Subjekt-Charakter. So soll beispielsweise ein gläserner Bundestag auf die Transparenz der Demokratie verweisen. Die Stadt verliert ihren Zusammenhang durch diese mehrschichtige ‚Vereinzelung‘ von Bedeutungsinhalten, auch im größeren Zusammenhang geplante Teile der Stadt bekommen einen emblematischen, für sich stehenden Charakter, der Eigenständigkeit ausdrücken soll. Zugegeben, bei aller Diskussion, die von dieser Interpretation ausgehen kann, handelt es sich hierbei um einen komplizierten, ja kulturellen, nicht nur architektonischen Hintergrund. Aber auch in diesem Erklärungsmodell steckt ein Anfang und die Grundlage für ein Bekenntnis: die Frage nach dem Gemeinsamen oder dem Individuellen.

Unerwähnt darf auch nicht bleiben, dass die Notwendigkeit, den städtischen Raum zu entwerfen – also Städtebau im architektonischen Sinne zu betreiben – grundsätzlich umstritten ist. Für manchen ‚Modernen‘ alter Schule handelt es sich dabei um eine Gestik, die wegen ihrer autoritären Haltung abzulehnen ist. Dieser Haltung entsprechend setzt die Stadtplanung wie bisher alle nötigen Parameter, der Architekt bestimmt das Aussehen der Funktionen, die der Verkehrsplaner miteinander verbindet und der Landschaftsarchitekt entwickelt die Zwischenräume.

Natürlich kann es sehr spannend sein, sich den Grundlagen der Architektur über Betrachtungen der Umwelt zu nähern und auch eine Analyse des Kontextes kann ihren kreativen Ausdruck finden. Methoden bieten sich genügend an, die grundlegende Frage stellt sich jedoch danach, wie und in welcher Form mit Vorgaben gearbeitet wird und wo eine spielerische Form einsetzt, Gelesenes darzustellen und, sehr wichtig, selbständig zu interpretieren. Alle Lehrmethoden zu Beginn der Architekturlehre, die es darauf anlegen, Raum für Kreativität zu geben, Freude an ingeniösem Wissen zu vermitteln und Ausdrucksformen erproben zu wollen, ließen sich betiteln: Erforschen der Umgebung von Häusern. Daraus ergibt sich nicht allein eine städtische Konnotation, aber die Blickrichtung wird eine gewandelte, ein dringend benötigter Paradigmenwechsel für die Architekturlehre.

Der Anfang des Studiums ist voller Erwartung, ist für viele Studenten der Beginn eines Weges mit dem Ziel, Bedeutendes zu (er)schaffen, er ist aber auch ein wichtiger Sozialisationsschritt. Der Weg und der Beginn des Studiums stehen unter der Devise: Kreativität. Für manche eingangs enttäuschend, zeigt sich auch der darin enthaltene subjektive Faktor. Die Befriedigung über die eigene Selbstverwirklichung steht hier am Anfang, löst sich gleich einem Kurzschluss (hoffentlich) positiv ein, wird so zum Initiationsritus zur Architektur.

Bisher geht diese Betrachtung allein von der Aufgabe der Formfindung und dem Danach aus. Ein anderer Blickwinkel eröffnet sich, setzt die Fragestellung früher ein, gewissermaßen auf einer Metaebene: Was begründet ein Architekturstudium überhaupt? Woher kommt das Motiv, ein Haus bauen zu wollen, konstruieren zu lernen, Gestalt zu geben? Entscheidend ist zunächst, sich nicht von Formfragen leiten zulassen, sondern danach zu fragen, was ein Architekturstudium an sich begründet. Welchen Anfangsimpuls setzt hier die Lehre? Das weiße Blatt Papier im Sinne eines voraussetzungslosen Zugangs ist keine Freiheit, sondern eine Einschränkung.
Klaus Schäfer

Prof. Dipl. Ing. Klaus Schäfer, Architekt und Städtebauer aus Berlin, ist Professor für Städtebau an der Hochschule Bremen. Er studierte Bauingenieurwesen an der Fachhochschule Münster und Architektur an der Hochschule für Künste Berlin.

Abbildungen: Klaus Schäfer

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