Lektüren zur Architektur

Die Macht der Bücher

Das Verhältnis zwischen Architekt, Haus und Buch ist nur auf den ersten Blick eindeutig. Denn nicht zwangsläufig handelt es sich bei dieser Trias um Schöpfer, Aufbewahrungsort und Archivalie. Vielmehr könnte die Reihenfolge der Nomen auch Buch, Architekt und Haus lauten – und würde damit dem Sinn dieser Ausgabe von der architekt schon viel näher kommen. Denn weniger geht es diesmal um gebaute Gebäude – nur um ein einziges eigentlich – , sondern vielmehr um die Art und Weise, wie „gebaute“ Gedanken eine Form finden, die sich uns vermittelt. Nicht von ungefähr spielt in der Philosophie des 18. Jahrhunderts der Begriff der „Architektonik“ eine nicht unerhebliche Rolle – und das geflügelte Wort vom „Gedankengebäude“ trifft nicht nur auf wissenschaftliches Denken zu, sondern auch auf Romane oder Erzählungen.

Die Macht, die ein Buch auf seinen Leser ausüben kann, liegt im Zwingenden seiner Argumentation, im Berauschenden seiner Handlung, im Beeindruckenden seines Gehalts, manchmal auch im richtigen Zeitpunkt, zu dem es gelesen wird. Denjenigen, denen es vergönnt war und ist, jene Magie zu spüren, die zwingt, ein Buch förmlich „nicht mehr aus der Hand legen zu können“, es nicht mehr loszulassen, bevor man es nicht zu Ende gelesen hat, wissen meist auch, was es bedeutet: einen Handlungsstrang, ein Kapitel, ein Motiv, eine Figur, einen Satz, einen Gedanken, ja ein Wort nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen – für ein paar Stunden, für einige Wochen, ein Leben lang. Das gilt für Architekten wie für andere Menschen: Das geschriebene Wort kann eine Macht bekommen, der wir uns nicht entziehen können, einen Nachhall, der epochal nachklingt und das Denken bis auf weiteres kontaminiert. Buchdeckel können wie gegenpolige Magneten sein, die eine Anziehungskraft entwickeln, der wir uns nicht entziehen können.

„Architekten lesen nicht“, heißt ein merkwürdiges Diktum unserer Tage. Ob das stimmt, vermögen wir nicht zu überprüfen. Wir wissen jedoch, dass viele Architekten lesen können und es zumindest auch einmal getan haben. Sie haben wir gebeten, sich an ein Buch zu erinnern, das sie besonders beeindruckt und beeinflusst hat, das sie gelesen und nicht weggegeben oder vergessen, sondern immer wieder genommen haben, um sich von neuem zu delektieren, zu vergewissern, zu prüfen, ob die Erinnerung noch stimmt oder ob es von neuem Hilfe leisten kann. Und natürlich haben wir auch die gefragt, die sich theoretisch-wissenschaftlich mit Architektur auseinandersetzen. Zwar ist ihr Metier meist die papierene Baukunst, die Interpretation gedachter und die Beschreibung zu denkender Architektur, und deshalb liegt ihnen die Liebe zum Buchstaben manchmal näher als die Neigung zum Bauen und zum Gebauten. Und doch bildet sich zwischen den Lieblingen der Praktiker und den Favoriten der Theoretiker ein Kanon an Büchern aus, der die Grundlagen der Architektur und damit des Lebens gut umreißen könnte – und damit jedem Studierenden der Architektur als Lektüre empfohlen sein könnte.

Wir danken unseren Autoren für ihre Offenheit. Denn dass ihre Bücherbeichten manchmal mindestens ebenso viel über sie selbst verraten wie über das Buch, das sie beschrieben haben, ist ein heimtückischer Hintergedanke bei der Konzeption dieses Heftes gewesen.

Unsere Ausgabe ist ausdrücklich dem Ungers-Archiv für Architekturwissenschaften in Köln gewidmet. Hier arbeitet Sophia Ungers, die Tochter von Oswald Mathias und Lieselotte Ungers, daran, die 12.000 Stücke nebst den Nachlass des Vaters umfassende Architekturbibliothek ihrer Eltern in eine Forschungsstätte zu verwandeln, die den Buchbestand erhält, das kostbare Bibliotheksgebäude sichert und den wissenschaftlichen Nachwuchs und die Wissenschaft von der Architektur fördert. Dieses Anliegen wollen wir mit dieser Ausgabe von der architekt unterstützen.
Andreas Denk

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