Buch der Woche: Architekturfotografie von Klaus Kinold

Die Treue zum Gegenstand

Der Münchner Architekturfotograf Klaus Kinold äußerte einst den sowohl verheißungsvollen als auch ambitionierten Satz „Ich will Architektur zeigen, wie sie ist“. Das erinnert besonders an Bernd und Hilla Becher, die mit ihrer „objektiven Fotografie“ sowohl ihren Gegenstandpunkt zu Otto Steinerts Schule der „Subjektiven Fotografie“ als auch ihren Anspruch auf eine möglichst wirklichkeitsgetreue Wiedergabe des Gesehenen deutlich machten. Wie bei den Bechers auch bedeutet Objektivität bei Kinold, im Bild möglichst viele Informationen über das fotografierte Objekte und seine räumliche und materielle Beschaffenheit festzuhalten, fast vergleichbar mit den schon im 19. Jahrhundert eingesetzten fotogrammetrischen Verfahren in der Denkmalpflege zur Vermessung von Gebäuden. Damit soll die Fotografie dem Bauwerk in besonderem Maße Treue erweisen. Der bei der Edition Axel Menges erschienene Fotoband „Klaus Kinold. Architekturphotographien“ zeigt nun einige der besten Fotografien Kinolds, begleitet von einem Essay von Wolfgang Pehnt.

Klaus Kinold, geboren 1939 in Essen, begann zunächst in München sein Architekturstudium, das er schließlich Ende der 1960er Jahre in Karlsruhe abschloss. Schon zu Studienzeiten in Karlsruhe fotografierte er als Studentische Hilfskraft für den Lehrstuhl des Eiermann-Schülers Rudolf Büchner, woraufhin schließlich auch Egon Eiermann selbst auf ihn aufmerksam wurde. Eiermann beauftragte Kinold schließlich mit Aufnahmen seiner Bauten und diskutierte mit ihm intensiv über die Ergebnisse. Auch durch diese Diskussionen mit Eiermann entwickelte sich Kinolds Haltung, ein Gebäude erst gänzlich verstanden haben zu müssen, um es fotografieren und schließlich dem Betrachter vermitteln zu können.

Kinold fotografiert vorwiegend in schwarz-weiß, dabei nüchtern und unaufgeregt; es finden sich keine spektakulären Ansichten und keine forciert harten Kontraste, stattdessen zeigen die meisten Bilder die Gebäude aus dem menschlichem Maßstab und in feinster Differenzierung der Grauwerte. Ruhig und geordnet, meist menschenleer und kühl wirken die Bauten, nicht selten nimmt er auch Details in den Fokus. Damit ist beschrieben, was auch Pehnt in seinem Essay deutlich macht: Kinolds Blick kann nicht gänzlich unpersönlich sein, er ist selbstverständlich auch subjektiv und selektiv. Dennoch bleibt immer deutlich, dass für ihn das Ziel, ein Gebäude und seine spezifischen Qualitäten zu erfassen, bedeutsamer ist als das Erzeugen aufsehenerregender Ansichten, Ausschnitte oder Atmosphären. Pehnt sieht das Können Kinolds gerade darin, dass er die Bauten dabei „zu einem selbstverständlich wirkenden Auftritt“ führt.

Bezeichnenderweise wurde für den Einband eine Fotografie ausgewählt, die zunächst nicht wirklich in Kinolds Werk zu passen scheint. Der gebogene Bewehrungsstahl, der durch den schrägen Einfall des Sonnenlichts langgezogene Schatten auf den Boden wirft, erinnert an Fotografen der Neuen Sachlichkeit wie etwa Albert Renger-Patzsch, die für Kinold wichtige Vorbilder darstellten. Gerade durch diesen Bruch wird deutlich, und das bringt auch Wolfgang Pehnts empfehlenswerter Text zum Ausdruck, dass Kinold schließlich zu einer ganz eigenen Haltung und zu einem subtilen, aber individuellen Stil gefunden hat.

Elina Potratz

Klaus Kinold, Architekturphotographien, 120 S., geb. Ausgabe, Texte auf Englisch und Deutsch, 112 Abb., 49.90 Euro, Edition Axel Menges, Stuttgart / London 2016, ISBN 978-3-936681-93-2

 

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