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räume für jäger und sammler

Die Annahme, dass die Verwendung des Goldenen Schnitts a priori eine ästhetische Empfindung oder gar ein körperliches Wohlbefinden auslöst, ist umstritten. Genauso unklar ist es – obwohl hunderte Jahre selbstverständlich und die letzten Jahrzehnte zumindest noch Stand der Lehre –, ob eine spezifische Proportion eines Raumes, also ein explizites Verhältnis von Höhe zu Tiefe zu Breite, ein gutes Gefühl gibt oder per se eine „fühlbare“ Schönheit besitzt. Zu sehr sind die reinen Maße mit anderen Konnotationen verknüpft, die sich durch die Ingredienzien des Lichts, der Materialwirkung, der Farbe, insgesamt also: das Atmosphärische ergeben, als dass der menschliche Intellekt eine trennscharfe Beschreibung des Beobachteten respektive des Gefühlten vermöchte.

Wir wissen nicht genau und können nicht genau beschreiben, warum wir einen bestimmten Raum als angenehm, harmonisch, anregend oder langweilig empfinden. Auch neurologische Untersuchungen sind lediglich in der Lage, empirisch-statistisch jeweils das gegenteilige Ergebnis zur selben Situation zu belegen. Diese mangelnde Trennschärfe unserer Wahrnehmung und unseres Erlebens soll indes kein Hemmnis sein, um über die Sinnhaftigkeit des Entwurfs proportional kodierter Räume nachzudenken, die möglicherweise auf Zahlenverhältnissen aufbauen, die von Größen abgeleitet sind, die auf Maßen des menschlichen Körpers beruhen.

Doch ist die Wahrnehmung eines Raums als Ergebnis des messenden Abgleichs mit den eigenen Körpermaßen wohl nur ein erster Schritt. Die wesentliche Funktion des Raums als Werkzeug der Wahrnehmung könnte hingegen darin bestehen, durch seine bloße Größe, durch seine Form, durch seine Materialität einen Vergleichsmaßstab für die Wahrnehmung unserer Umgebung zu bieten. Das architektonische Raumgefühl, das sich durch die Fassung unserer unmittelbaren Umwelt durch Boden, Decke und Wände mit und ohne Öffnungen einstellt, gibt der menschlichen Sinneswahrnehmung eine Reihe von Maßstäben, die sich als einmal gewonnene Größen dazu eignen, jeden in der Grundstruktur annähernd vergleichbaren Raum sensorisch zu durchmessen und den eigenen Körper dazu einzuschätzen und zu positionieren.

Diese anthropologisch abgeleitete Raumgestalt resultiert wahrscheinlich nicht aus der kugelförmigen Wahrnehmungssphäre unseres Leibes, wie der Kunsthistoriker August Schmarsow 1896 „auf der Suche nach der Gesetzmäßigkeit des räumlichen Daseins“ annahm. Vielmehr ist ein solches bergendes Raumgefühl bereits durch den neunmonatigen Aufenthalt im Mutterleib vorgeprägt und findet in atavistischen, später abstrakteren und künstlicheren Raumerlebnissen, die sensuell reflektiert und intellektuell mit Bedeutung versehen werden, entweder Bestätigung oder Ablehnung. Vielleicht ist auch die Bevorzugung von Formen, Farben und Materialien vorgeburtlich angelegt und wird durch spätere Raumerlebnisse angereichert oder sogar verändert.

Die Bildung von architektonischen Räumen ist also nicht nur – in dem einen Extrem betrachtet – eine utilitaristische Technik zum Schutz gegen Wind und Wetter, Tier und Mensch, oder – in dem anderen Extrem betrachtet – eine verfeinerte Form der ästhetischen Wahrnehmung, sondern eine möglicherweise existenziell, zumindest aber anthropologisch begründete Hilfe zur Erleichterung der Orientierung in einer unterschiedlich begrenzten oder unbegrenzten Welt: Auch wir sind noch Jäger und Sammler.

Die Folgen für den Entwurf von Architektur und Stadt liegen auf der Hand: Wenn es einen oder mehrere anthropologische „Standards“ für Räume gibt, in denen Menschen sich allein oder in unterschiedlichen Gesellungsformen, in Gemeinschaft wohlfühlen, müsste er zur Grundlage jedes Entwurfs werden. Die „Stadt der Räume“, auf die wir zielen, ist durch Raumketten gekennzeichnet, die eine sequenzielle Abfolge von Zimmer zu Wohnung, von Wohnung zum Haus und zur Straße, von der Straße zum Quartier und vom Quartier zur ganzen Stadt erreichen. Diese proportional voneinander abhängigen Raumformate, die aus dem Raumbedürfnis unterschiedlicher Gesellungsformen des Menschen entwickelt sind, offenbaren die Beziehung zwischen Individuen, Gruppen und Gemeinschaft. Sie erzeugen eine Rückbindung des Einzelnen an das Ganze und vermitteln Sicherheit und Verantwortungsgefühl.

Damit solche Raumketten ihre soziale, stadtbildende Aufgabe wahrnehmen können, sind indes Raumgrößen falsch, die sich nur an Funktionen orientieren – wie beispielsweise im „Neufert“ und ähnlichen Handbüchern. Vielmehr brauchen wir eine Entwurfslehre und -praxis, die auf den selbstverständlichen Umgang mit Raumtypen setzt. Der Charakter dieser Räume soll nicht nur dem menschlichen Bedarf, sondern dem Bedürfnis des Menschen und seiner Gesellschaft nach Bergung, Eröffnung, Anregung und Beruhigung entsprechen. Wenn eine solche Entwurfslehre dann noch die Entwurfsaufgaben der Stadt, des Hauses und des Raums integral verstünde, bekämen Architektur und Städtebau vielleicht die Chance, ihrer gesellschaftlichen Bedeutung in einer Zeit der desintegrierten Demokratie gerecht zu werden.

Andreas Denk

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