Editorial

Gefroren in der Zeit

Ein Interview mit Oleksandr Anisimov über Architektur und Stadtplanung im Krieg

Auf der Tagung „Denkmal Postmoderne“ von Bauhaus-Universität Weimar und ETH Zürich Anfang März nutzte der ukrainische Stadtforscher Oleksandr Anisimov einen Vortrag über seinen Forschungsschwerpunkt – die inoffiziellen Innovationen der Planungskultur in der Ukrainischen SSR der 1980er-Jahre (www.aftersocialistmodernism.com) – auch für ein Statement gegen den russischen Angriff auf sein Land. Wenige Tage später ergab sich die Gelegenheit zum Interview. Oleksandr Anisimov war aus Lwiw zugeschaltet, wo er in der Stadtverwaltung als Spezialist für urbane Mobilität und Straßeninfrastruktur arbeitet. Er studierte Politikwissenschaft und anschließend „Urban Studies“ im Rahmen des internationalen Master-Programms „4CITIES“ in Brüssel, Hamburg und Wien. Das Interview fand auf Englisch und Deutsch statt. Redaktionsschluss war der 24. März 2022.

Sie haben früher Exkursionen durch Ihre Heimatstadt Kiew geleitet, um das Bewusstsein für die gebaute Umwelt zu stärken. Nun geht es nur noch um Verteidigung. Wie ändert sich die Wahrnehmung einer Stadt in Zeiten des Krieges?
Für alle, die in Stadtplanung und Architektur arbeiten, bedeutet der Krieg die Entwertung ihrer Arbeit. Auf einmal zählt nur noch der Schutz vor Bomben. Russland versucht, die ukrainische Zivilisation in der Zeit einzufrieren. Er hat uns dazu gebracht, nur noch an die Grundbedürfnisse zu denken, aber nicht mehr darüber hinaus. Wenn alles jederzeit zerstört werden kann, welchen Wert haben dann noch einzigartige Orte oder Objekte?

Rozenberg Blocks in Podil, Kiew 1979 – 1988, Foto: Archiv „After Socialist Modernism“

Wie nehmen Sie die aktuelle Solidarität der europäischen Urbanistik- und Architekturszene wahr?
Vor dem Krieg war die Ukraine für die meisten nur irgendein Ort auf der Landkarte. Die heutige Solidarität erscheint ein wenig seltsam, weil viele nicht wissen, womit sie sich solidarisieren – aber wie sollten sie auch? Es gab überhaupt keine internationalen Konferenzen zur Ukraine, ukrainische Forschende waren in der akademischen Welt nicht vertreten oder eingeladen. Russlandkenntnisse schienen auszureichen, um alles über die Region zu wissen. Denn früher wurden alle Fachleute der Sowjetunion nach Moskau geholt – und auch nach deren Zusammenbruch blieb Moskau das intellektuelle Zentrum. So gesehen war Kiew einfach bedeutungslos. Mein Eindruck ist, dass die postkolonialen Diskussionen, die in den 1990er-Jahren begonnen haben, lange Zeit nicht in gleicher Weise auch in Bezug auf Russland geführt wurden. Wer aber über die Ukraine als eine Art Satellit Russlands spricht, akzeptiert Putins Narrativ und erkennt die von ihm behauptete Nichtexistenz der Ukraine an.

Welchen Anteil haben westeuropäische Architekturbüros an diesem Narrativ? Sie haben den Büros, die noch kürzlich in Russland gebaut haben, zuletzt vorgeworfen, an Putins falschem Bild eines fortschrittlichen Russlands mitgewirkt zu haben…
Die gesamte internationale Zusammenarbeit mit Russland nach 2014 war faktisch die Zusammenarbeit mit einer Diktatur. Der Grund war natürlich Geld. Der europäische Markt ist übersättigt, während es in Moskau viel billiges Geld gab. Warum sollte man denn in Moskau kein Kulturzentrum bauen, könnte man fragen – es ist doch keine Kaserne, sondern ein schöner Ort für alle. Aber darüber hinaus war es offensichtlich Teil von Putins System, wirtschaftliche Abhängigkeiten zu schaffen.

Welche fachliche Unterstützung benötigt die Ukraine in Zukunft – neben der existentiellen humanitären Hilfe?
Nun sprechen wir natürlich über eine künftige Welt, in der Russland verloren hat. Konkret denke ich an ein neues Modell der Solidarität, des Austauschs von Ressourcen und der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Bislang ging es in der Ukraine – nach sowjetischem Prinzip – immer um den vermeintlich „richtigen“ Plan für die früher staatlichen, heute privaten Bauherren. Es gab nur wenige Diskussionen über die Planungsprozesse, den Wert des Bodens, die Wohnungspolitik oder eine klimafreundliche Stadtgestaltung. Internationale Kooperationen können der Ukraine helfen, anders zu planen – und ihre Städte nachhaltig und demokratisch wieder aufzubauen.

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