Buch der Woche: Die Sanierung der Neuen Nationalgalerie

Erlebte Geschichte

Der Ort, so ist immer wieder zu hören, spielt eine zentrale Rolle in der Architektur. Ohne den Ort und den ihn umwehenden Geist ist Architektur vielleicht denkbar, aber nicht recht realisierbar. Die Neue Nationalgalerie ist ein vortreffliches Beispiel, diese These gleichermaßen zu be- wie widerlegen.

Die Neue Nationalgalerie von der Potsdamer Straße aus gesehen. Foto: BBR / Thomas Bruns

Der Architekt des ikonisch verehrten Museumsbaus unweit des Berliner Landwehrkanals, Ludwig Mies van der Rohe, war 76 Jahre alt, als er 1962 den Auftrag zur Errichtung des Hauses erhielt. In Berlin war er da seit fast 24 Jahren nicht mehr gewesen, floh er doch bereits 1938 aus dem Land, wo er von den Nationalsozialisten weder Aufträge noch Lehrgenehmigung bekam. Für das Berliner Projekt griff Mies auf Entwürfe zurück, die er 1957 für Santiago de Cuba und ab 1960 für Schweinfurt entwickelte. Da aber weder das Verwaltungsgebäude für ein global agierendes Rum-Imperium auf Kuba noch das Museum in Unterfranken realisiert wurden, ließen sich die Ideen gut für Berlin adaptieren. Auch die Crown Hall, das Hauptgebäude des College of Architecture, Planning and Design des Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago, zeigt deutliche konzeptionelle Parallelen zu dem 1968 fertiggestellten Bau am Berliner Kulturforum.

Santiago oder Chicago? Hauptsache Museum. Der Wirkung des Hauses, dessen Fertigstellung der Architekt selbst nicht mehr erlebte, tut diese Ortsunabhängigkeit derweil bis heute genauso wenig Abbruch wie die immer wieder aufkommende Kritik an seiner generellen Eignung als Ausstellungshaus. Oft verzweifelten Kuratoren an der lichtdurchfluteten Eingangshalle und den in mancherlei Rezeption als bieder beschriebenen Räumen im Sockelgeschoss. Von Architektinnen und Architekten und Heerscharen von Besuchenden der deutschen Bundeshauptstadt wird das Haus davon unbenommen bewundert, ja – zeitgemäß – zum „instagramable spot“ erkoren.

Blick in das Foyer der Neuen Nationalgalerie. Foto: BBR / Thomas Bruns

Was die Faszination der Neuen Nationalgalerie ausmacht, hat zur Fertigstellung der umfangreichen Sanierung durch das Büro David Chipperfield Architects die Bauwelt in einem schönen Doppelheft im Frühjahr dieses Jahres nachvollziehbar gemacht. Wie das Credo des Büros „So viel Mies wie möglich“, mit dem die feinteilige Instandsetzung vollzogen wurde, in die Wirklichkeit übertragen werden konnte, macht nun das von Arne Maibohm für das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung herausgegebene Buch „Nationalgalerie Berlin: Sanierung einer Architekturikone“ nachvollziehbar. Verschiedene Akteure des Prozesses kommen in der reich bebilderten Publikation zu Wort: Kunst- und Architekturhistoriker, Architekten der Bauphase wie der Sanierung, Bauingenieure, Denkmalpflegerinnen oder Schreiner. Die Beiträge von Bernhard Furrer, Gunny Harboe, Joachim Jäger, Dirk Lohan, Fritz Neumeyer, Alexander Schwarz, Gerrit Wegener und vielen anderen beleuchten dabei unterschiedliche Teile des vielschichtigen und multikomplexen Prozesses und machen den Kraftakt nachvollziehbar, der in dem Paradox kulminierte, dass all das kaum oder gar nicht sichtbar ist, die Nationalgalerie stattdessen in all ihrer Strahlkraft so wunderbar dasteht wie am ersten Tag.

Die Hauptperson von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ beschreibt eingangs des Büchleins, wie er als Sechsjähriger in einem Buch über den Urwald ein eindrückliches Bild einer Riesenschlange erblickt habe. Erlebte Geschichte, so der Ich-Erzähler, habe das Buch geheißen. Und so wie der Erzähler des kleinen Prinzen beeindruckt ist, so fasziniert auch das vorliegende Buch über die Nationalgalerie, weil es nicht nur erlebte Geschichte dokumentiert, sondern Geschichte an sich erlebbar macht.
David Kasparek

Arne Maibohm (hrsgg. für das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung): Neue Nationalgalerie Berlin: Sanierung einer Architekturikone, Broschur mit Schutzumschlag, 320 S., 230 farb. und s/w Abb., Deutsch, Jovis, Berlin 2021, 39,– Euro, ISBN 978-3-86859-687-8

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