"Haushaltsmesse 2015" in den Dessauer Meisterhäusern

Erzeugen, Budgetieren, Teilen

„Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“, fragten die Architekten des Neuen Bauens am Bauhaus – eine gleichnamige Filmreihe entstand in den Jahren 1926 bis 1928. Die Filme stellten den Missständen und der Wohnungsnot der Großstädte die reformerischen Lösungsvorschläge der Bauhaus-Architekten gegenüber. Soziale Fürsorge, Hygiene, Effizienz und Gesundheit waren Schlagworte, die auf Messen und (Welt-)Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Das Bauhaus verstand sich als Schaufenster modernen Wohnens und wusste seine Botschaft geschickt mittels neuer Medien zu verbreiten. „Die häusliche Sphäre wurde zur gesellschaftlichen Angelegenheit“, beschreibt es die Stiftung Bauhaus Dessau.

Die Stiftung hat sich in diesem Jahr dem Thema des Haushaltens in all seinen Facetten verschrieben und es neu interpretiert – und zwar in einem Umfang, der kaum erfassbar scheint. Ausgehend vom historischen Topos, zoomen die Kuratorinnen Regina Bittner und Elke Krasny heraus in die Makroperspektive. Sie verstehen Haushalten „als eine öffentliche Angelegenheit zwischen Haus und Stadt“ und fragen, ob es eines neuen Begriffs von Haushalten bedürfe: „Und welche Politiken des Haushaltens auf unterschiedlichen Ebenen – vom privaten Haushalt, dem Territorium der Stadt bis hin zum Planeten – resultieren aus solch einem Perspektivwechsel?“

Antworten darauf wollen die Kuratorinnen auf der Haushaltsmesse 2015 mittels verschiedener Medien und Formate geben: Als Auftakt eröffnete Mitte Juni eine Ausstellung in den Meisterhäusern, in der sich zehn Künstler und Kollektive den Themen „Einhausen“, „Budgetieren“, „Beziehen“, „Erzeugen“, „Speichern“, „Teilen“ und „Pflegen“ näherten. So bespielen unter anderem muf architecture/art die wieder aufgebaute Trinkhalle von Mies van der Rohe und lassen ihn per Stimme wieder auferstehen, die Österreicherin Ute Neuber präsentiert im „Schwarzen Zimmer“ des Hauses Muche ihren „Kleiderbausatz“ und Yane Calovskis skulpturale Gummi-Objekte migrieren durch das Haus Schlemmer. Der Bezug zum „Haushalten“ erschließt sich bei den jeweiligen Positionen nicht immer, aber wenn man – wie in diesem Fall – ein Thema nur möglichst weit fasst, passt auch viel hinein.

Gleichzeitig zur Ausstellungseröffnung fand vom 12. bis 14. Juni ein Symposium statt. Es versammelte Wissenschaftler, Architekten und Aktivisten, die über das „Verhältnis von privater Haushaltsführung und öffentlichem (Stadt-)Raum und individuellen und kollektiven Haushalten“ diskutierten. Hier wurden die Teilnehmer unter anderem Zeugen eines cultural clashs: Nach Christa Müllers Vortrag, der sich affirmativ über die kapitalismuskritische Haltung der Urban-Gardening-Bewegung äußerte, sprach der chinesische Architekt Qingyun Ma zu seinem Projekt eines Stadtneubaus in China, angelegt für 750.000 Einwohner. Das vordergründig als Revitalisierungsprojekt für ein schrumpfendes Dorf daherkommende Vorhaben ist doch recht eigentlich ein gigantisches Investorenprojekt mit Luxuswohnungen und Highclass-Clubatmosphäre – wortreich vom ebenfalls anwesenden Investor beschrieben. Der Vorwurf der Kapitalisierung von ruraler Kultur und Architektur lag da nicht fern und wurde auch vom Auditorium mit einigem Unmut geäußert. Die Kritik wusste der Architekt jedoch mit einem Argument zu entkräften: „Waren Sie schon einmal in China?“, fragte er. „Wenn nicht, dann fahren sie hin und schauen sich die ländlichen Gegenden einmal genauer an.“ Und siehe da: die meisten Anwesenden im Raum waren noch nicht dort und konnten sich ein Urteil offensichtlich nicht erlauben. Dieses Symposiumspanel war ein Lehrstück darüber, dass China wirklich und tatsächlich ganz anders tickt, als wir Europäer es uns oftmals vorzustellen vermögen. Aber auch ein Lehrstück dafür, dass es nicht genügt, in einem Symposium zwei möglichst weit voneinander entfernte thematische Pole zu kombinieren.

Die Haushaltsmesse geht weiter, es gibt wöchentlich stattfindende Stammtische, die vor allem die Dessauerinnen und Dessauer ansprechen sollen, sowie als Abschluss den „Internationalen Haushaltsgipfel“ Anfang August. Hier werden die Themen Verteilung und ökonomisches Wirtschaften (im globalen Maßstab) zwischen Mangel und Überfluss behandelt.

Das durchaus ergiebige Sujet bietet interessante Perspektiven und neue Erkenntnisse. Aber es wartet eben auch mit einer großen Deutungsoffenheit auf. Und genau das ist das Problem der ganzen Veranstaltung, hat es doch offensichtlich dazu verführt, möglichst viele Aspekte des „Haushaltens“ darzustellen und – nach dem Prinzip einer Gießkanne – alles ein bisschen zu besprenkeln, statt einen klaren Fokus zu setzen. Darunter leidet jedoch die Verständlichkeit des ganzen Projekts.

Juliane Richter

Haushaltsmesse 2015
bis 09. August 2015
Programm
Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 17.00 Uhr
Eintritt: 7,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro

Bauhaus Dessau
Meisterhausareal
Ebertallee 59
06846 Dessau-Roßlau

 

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