Zum Tode Zaha Hadids

Formensucherin

Es war im Jahr 1982, als Zaha Hadids Idee von Architektur der Öffentlichkeit vor Augen geführt wurde: Befreit von jeder Rechtwinkligkeit hatte die 1950 im irakischen Bagdad geborene Architektin ein dynamisches Konglomerat von Baukörpern, Rampen, Pools und Flächen in die Hänge Hongkongs hinein komponiert, das ihresgleichen suchte. In ihrer Darstellung erinnerten die Handzeichnungen an Gesehenes längst vergangener expressionistischer Tage, nahmen aber gleichermaßen den Zeitgeist aus Kunst und Design auf. Letztlich blieb „The Peak“, so der Name des Freizeitclubs für Hongkong, unvollendet: Die ehemalige britische Kronkolonie wurde von den Briten an China übergeben.

Was sich im Entwurf für den luxuriösen Klub in Fernost schon zeigte, setzte sich in späteren Projekten des 1979 in London gegründeten Büros fort. Angeblich, weil sie rechte Winkel und orthogonale Systeme freihändig nicht sauber habe zeichnen können, waren die Projekte Hadids zunächst von einer kristallinen Formensprache geprägt, die studierte Architektin dabei eher Künstlerin als Baumeisterin. Die Entwürfe, in teils wunderbaren Zeichnungen zu Papier gebracht, blieben allesamt ungebaut.

Engagierte Bauherren und hochmotivierte Mitarbeiter trugen Ende der 1980er und zu Beginn der neunziger Jahre schließlich dazu bei, dass aus den Zeichnungen gebaute Realität wurde. Im Rahmen der IBA in Berlin-Kreuzberg wurde von 1987 bis 1994 ein Wohn- und Geschäftshochhaus an der Ecke Stresemannstraße/Dessauer Straße gebaut, und zeitgleich auf dem Werksgelände des Möbelfabrikanten Vitra in Weil am Rhein eine Feuerwache nach den Plänen von Zaha Hadid errichtet. Der Entwurf galt zunächst als nicht baubar, auch dank der Unterstützung des Projektarchitekten Günter Pfeifer vor Ort ist inzwischen das Gegenteil bewiesen. Das Feuerwehrhaus materialisiert jene Dynamik, die Hadid bis dato einzig zu Papier gebracht hatte und macht aus den kristallinen Flächen Raum und Form. Gleichzeitig werden die Probleme der formorientierten Architektur Zaha Hadids bereits hier offenbar: Das Material kommt deutlich an seine Grenzen, Risse überziehen auskragende Bauteile. Letztlich ist der Bau als Feuerwehrhaus unbrauchbar und dient dem Hersteller fortan als Ausstellungsraum für seine Design-Klassiker und als Raum für Workshops. Den großen Durchbruch im Werk der Architektin stellt es dennoch dar.

Nach und nach wird die Formensprache der in London lebenden und arbeitenden Architektin immer weicher. Das Spitzwinklige weicht und wird sukzessive von fließenden Wellen und gekurvten Linien verdrängt. Einen ebenso bemerkenswerten wie gelungenen architektonischen Zwischenstand dieser Formenmetamorphose stellt das 2005, erneut in Deutschland, errichtete Phæno in Wolfsburg dar. Hier zeigt sich kongenial, in welchem Kontext und für welche Bauaufgaben die Architektur Hadids ihre berechtigte Anwendung findet. Die Zahl der Aufträge für das Büro steigt zu dieser Zeit proportional zur Größe der Projekte. Damit einher geht eine gewisse Austauschbarkeit, ja vielleicht Beliebigkeit. Maßgeblichen Anteil daran hat Zaha Hadids deutscher Büropartner Patrik Schumacher, der seit 1983 im Büro arbeitet und seit 2002 Büropartner ist. In seinem 2009 erschienenen Buch „Parametrismus – Der neue International Style“ umschreibt Schumacher die Intention der Formensprache des gemeinsamen Büros als „Eleganz geordneter Komplexität und den Eindruck nahtloser Fluidität“, was seiner Meinung nach eine Entsprechung von „natürlichen Systemen“ sei.

Über die Jahre fiel Zaha Hadid, die seit 1997 Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten BDA war, nicht nur als Künstlerin und Architektin, sondern auch als Designerin auf. Stühle, Salzstreuer, Schmuck, Schuhe, Yachten, ganze Interieurs gestaltete sie im Laufe der Zeit. Sie war außerdem in der Lehre tätig: Fünfzehn Jahre lang leitete die Architektin das studio hadid, vienna an der Universität für Angewandte Künste in Wien, wo sie eine Vielzahl von Studierenden maßgeblich prägte. Sie war 2004 die erste Frau, die mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde – zahllose weitere Auszeichnungen sollten folgen, darunter 2009 der Praemium Imperiale und in diesem Jahr die Royal Gold Medal des Royal Institute of British Architects, sie war Dame Commander of the Order of the British Empire und französische Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres – um nur einige Auszeichnungen zu nennen.

Am frühen Donnerstagmorgen dieser Woche verstarb Zaha Hadid in einem Krankenhaus im US-amerikanischen Miami an den Folgen einer Herzattacke.

David Kasparek

Fotos: RIBA/Zaha Hadid Architects (Brigitte Lacombe, Vergile Simon Betrand, Richard Bryant, Doublespace, Luke Hayes, Hufton+Crow, Werner Huthmacher, Inexhibit, Christian Richters)

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