Werner Durth

Frankfurt – zum Beispiel

Der hier publizierte Vortrag von Werner Durth wurde im Rahmen des 9. BDA-Tags am 22. Juni in Frankfurt am Main gehalten. Er wurde in der Broschüre „Berufung und Leidenschaft” abgedruckt, die über die Bundesgeschäftsstelle des BDA bezogen werden kann.

Es ist ein bewegender Moment für mich, zehn Jahre nach der Hundertjahrfeier des BDA 2003, wieder hier in Frankfurt, zum 110jährigen Jubiläum zu sprechen, damals im Deutschen Architekturmuseum, heute in der Deutschen Bank: ein hoch symbolischer Ort in diesen Zeiten der Krise. „Krise“ war mein Thema damals schon, doch in anderem Zusammenhang. Eine Schockstarre lähmte die Welt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, monatelang waren Flughäfen unter verschärfter Beobachtung, Kontrollen allgegenwärtig. Angst und Unsicherheit lähmten die Reiselust. Der Weltkongress der UIA in Berlin 2002, zu dem Gäste aus aller Welt kommen sollten, wurde zum finanziellen Desaster, nicht absehbar nach dem grandiosen Erfolg der Konferenz in Barcelona. Der BDA drohte auseinander zu brechen, doch die Synergie aus Berufung und Leidenschaft der Mitglieder für ihren Verband hat dank der klugen Regie des Vorstands den Fortbestand des BDA durch praktizierte Solidarität und private Darlehen gesichert. Auch dies ist in diesen Tagen ein Grund zu feiern.

Es ist viel geschehen in diesem letzten Jahrzehnt. Der vergleichsweise überschaubaren und klug bewältigten Katastrophe im BDA folgte die Erschütterung der Weltwirtschaft durch eine Finanzkrise anderer Art, die weltweit Proteste gegen die politischen Regulierungsversuche und deren Auswirkungen hervorrief. Im Blick auf die Demonstrationen der international agierenden Occupy-Bewegung waren bis vor wenigen Tagen in dieser Umgebung noch Straßen der Innenstadt gesperrt, denn wir befinden uns hier in einem der Entscheidungszentren der globalen Ökonomie. Einen maßgeblichen Entscheidungsträger symbolisiert der Bau der EZB, dem die Belagerungen und Demonstrationen galten, die demnächst wohl ein Stück weiter im Osten Frankfurts stattfinden werden, wenn der von Coop Himmelb(l)au entworfene Neubau bezogen ist.

So sind wir heute, an einem Samstag, in der Mitte Frankfurts mitten im Leben, friedlich im Auge des Taifuns. Während die vertraute Welt ringsum aus den Fugen gerät und Europa weiter in die Krise trudelt, gewinnen wir einen neuen Blick auf die Architektur. Der Doppelturm der Deutschen Bank, oft als gebaute Metapher für die Balance von „Soll und Haben“ beschrieben, steht in dieser Symbolik für bessere Zeiten stabil ausgeglichener Haushalte. Inzwischen ein anachronistisches Bild?

Ingrid und Frei Otto im Gespräch mit Werner Durth und anderen

Der Taumel der Türme der neuen EZB hingegen wird nun schwerlich nur als „besoffenes Paar“ zu deuten sein, das „die denkmalgeschützte Markthalle zertrampeln“1 wird, oder als Spätfolge einer hochtrabend Dekonstruktivismus genannten Stilistik, sondern vielleicht eher zeitgemäß als Ausdruck schmiegsam eleganter Beweglichkeit des Kapitals in den Turbulenzen der Globalisierung. Das Bild vom Sog der Kaufkraftströme im Zuge verschärfter interkommunaler Konkurrenz wiederum lässt an Massimiliano Fuksas gläsernen Trichter denken, der die Kaufhausfassade MyZeil implosiv ins Innere stülpt, als müsse der Magnetwirkung der Warenwelt dort physikalisch entsprochen und das kauflustige Publikum die Treppenspirale hinaufgewirbelt werden. Dahinter dann die neue städtebauliche Dominante in schräg gelockerter Haltung und lässig geknittertem Kleid aus Metall, demonstrativ in Kontrast zum wuchtigen Auftritt des Opernturms als Zeichen von Seriosität und Dauerhaftigkeit im Wechsel der Konjunkturen. Sedative Architektur?

Urbane Entwicklungsdynamik
Freilich, auch darum geht es: in Zeiten universeller Mobilisierung und mentaler Obdachlosigkeit die Unverwechselbarkeit von Orten zu signalisieren und durch Rückbezug auf lokale Traditionen das Glücksversprechen von „Heimat“2 anklingen zu lassen: So die frohe Botschaft zum Neubau der Altstadt, mit der Petra Roth im Auftakt des Wahlkampfs 2006 „der Stadt ihr Herz“3 zurückzugeben versprach. Heute sehen wir anstelle des abgebrochenen Technischen Rathauses, einst hoch gelobtes Glanzstück der Frankfurter Nachkriegsmoderne, auf engen Parzellen ein neues Stück Frankfurt entstehen, schon jetzt in der Presse gepriesen als „Vorbild für Deutschland“. Welch schönes Bild, pars pro toto: Deutschland einig Heimatland, unter den Türmen der Banken und Verwaltungsbauten ein fotografisch vertrautes Idyll, zeitlos historisch, garantiert dönerfreie Gemütlichkeit. Viel ist geschehen in den letzten zehn Jahren, und, wie man hört, ist der Neubau der EZB schon jetzt zu klein. Weitere Impulse zur Entwicklung des Umfelds und der Mitte der Stadt sind absehbar. Aber warum erzähle ich das?

Frankfurt – zum Beispiel zeigt konzentrierter und zumeist widersprüchlicher als andere Großstädte Deutschlands das Neben- und Gegeneinander unterschiedlicher Tendenzen der Stadtentwicklung und Architektur, in dem Planung als Tochter der Krise auf Missstände reagiert, während die Politik Ziele, Wege und Regeln sucht, die regelmäßig wiederum Proteste provozieren, die Politik und Planung in Zugzwang bringen. Frankfurt ist für mich das Paradebeispiel einer urbanen Entwicklungsdynamik, die bisweilen wie ein schrilles Kaleidoskop konkurrierender Kräfte erscheint, die in den Formen der gebauten Umwelt ihre Geschichte erzählen, von Siegen und Niederlagen berichten, im Spannungsfeld zwischen Zukunftsorientierung, Modernisierungslust und permanenter Angst vor Traditionsverlusten.

Wir schauen über 110 Jahre zurück und stellen fest, dass die Gründung des BDA 1903 wie eine Selbsthilfeaktion zur Ermutigung des Berufsstands in schweren Zeiten erscheint – und dabei durchaus aktuelle Bezüge zum gegenwärtigen Überlebenskampf der Architekten im Geflecht der Investoren und Developer, Generalüber- und -unternehmer erkennen lässt, wenn man im Blick auf unsere Gegenwart den trotzigen Text der Frankfurter Erklärung aus dieser Gründer-Zeit nachliest: „Die größte Gefahr für unser Kunstleben, den schlimmsten Gegner unserer eigenen Bestrebungen sehen wir in dem rücksichtslosen Unternehmertum, das ohne Ideale, nur von Gewinnsucht beherrscht, die sonst so segensreiche Gewerbefreiheit ausbeutet. In den weiten, neuen Straßengebieten unserer Städte tritt uns überall der kalte Geschäftssinn, die stumpfe Geistesarmut des Baupfuschertums entgegen. Selten nur bemerken wir in diesen aufdringlichen oder langweiligen Häuserreihen das schüchterne Aufflackern eines echten Kunstwollens. Der künstlerisch schaffende Architekt hat längst die Einwirkung auf den Bau unserer neuen Stadtteile verloren.“4

Welch eine Zeit, damals, um 1903, doch auch: Welche Zuversicht! Nach Jahrzehnten wilden Wachstums der Stadt lebte in dem Oberbürgermeister Franz Adickes „zum ersten Mal in der Frankfurter Verwaltung die Idee der Gesamtplanung auf, nach der das Wachstum und die Erneuerung der Stadt vor sich gehen kann,“ so Wolfgang Bangert: „Es ist ein einheitlich gestaltender Wille am Werk, der dem Gange der Entwicklung nachspürt und der sich nicht mehr damit begnügt, sich unter dem Druck der Geschehnisse seine Maßregeln abzwingen zu lassen.“5 Zur systematischen Erweiterung der Stadt wurde der innere Anlagenring ergänzt durch den neuen Alleenring, während im Zentrum die Modernisierung der Stadt durch Straßenerweiterungen und -durchbrüche vorangetrieben wurde.

Seit 1902 war das legendäre Lex Adickes gültig, damals zunächst nur für Frankfurt geltender Prototyp des heute selbstverständlichen Umlegungsrechts, ein Baustein unserer Planungskultur. Die Qualität der einzelnen Bauten sollte durch Architekturwettbewerbe gesichert werden, doch welche Qualität war da gemeint? Leidenschaftlich polemisierten seit Jahren prominente Architekten wie Hermann Muthesius oder der bekannte Politiker Friedrich Naumann, Stammvater des Liberalismus in Deutschland, der in Frankfurt den Evangelischen Arbeiterverein gegründet hatte, gegen den prunkvollen Historismus in der Architektur der Kaiserzeit. 1907 gründeten diese beiden mit Peter Behrens, Joseph Maria Olbrich und anderen Architekten und Bildenden Künstlern gemeinsam mit Unternehmern und Publizisten den Deutschen Werkbund, um gleichsam in Konsequenz der Ziele des BDA einer alle Lebensbereiche und Maßstabsebenen durchgreifenden Baukultur den Weg zu bereiten.6

Diskursiver Stadtspaziergang im Rahmen des 9. BDA-Tags in Frankfurt a.M.

Schrittmacher auf diesem Weg war der industrielle Fortschritt als Impuls zur Entwicklung der Städte. Vor einem Jahrhundert forderte der einflussreiche Publizist Karl Scheffler in seinem 1913 erschienen Buch Die Architektur der Großstadt ein Neues Bauen aus dem Geist der Moderne. „Die Stätte, wo der Kampf um die neue Baukunst ausgetragen werden muss, ist die Großstadt, weil sich dort in natürlicher Weise die geistigen Kräfte der Zeit zusammenfinden, weil die Großstädte, als die Zentren moderner Zivilisation, der Architektur neue Voraussetzungen profaner und idealer Art schaffen.“7 Neben Berlin, Hamburg und Dresden nennt Scheffler auch Frankfurt als Experimentierfeld künftiger Baukunst: „Es ist für den Begriff der modernen Großstadt nicht die Kopfzahl der Bewohner ausschlaggebend, sondern der Großstadtgeist. Dieser Geist ist es, der sich den neuen Architekturkörper baut.“8

Doch bei allem Gewinn: Die Kosten solcher Modernisierung blieben nicht unbemerkt. Rund ein Jahrzehnt nach der Schrift Schefflers reflektiert der Publizist Alfons Paquet, Korrespondent der Frankfurter Zeitung, sein Erleben der Stadt unter dem Titel Frankfurt. Ein anachronistisches Bild im Spannungsfeld von Nostalgie und Fortschrittshoffnung: „Goethe fand schon 1814 die Stadt sehr geschäftig und zerstreuend geworden; sie hatte vierzigtausend Einwohner, um 1867 waren es doppelt so viel, heute sind es vierhunderttausend mehr. Lebendiges Fleisch, das wohnen und sich regen will, ist dem alten Gemeinwesen zugewachsen, namenlos und ohne Maß; Zustrom, magnetisch hergelockt.“ Die Folge solchen Wachstums sei eine Verdichtung und Erhöhung der Bauten: „Die ins Gefäß der Stadt geschüttete Masse beginnt sich aufzuschichten.“9

Paquet erinnert an die Bilder der alten Stadt, an die berühmten Stadtansichten, an „die Kupferstiche, Handzeichnungen und Skizzen der Künstler und der Liebhaber aus allen Jahrhunderten“, um festzustellen: „Diese unzähligen Bilder, Aufrisse und Pläne, zueinandergetragen, übereinandergehalten, ergänzt durch das biographische Wissen, durch Porträts und Ereignisbilder und durch die Photographien der vor zehn oder zwanzig Jahren abgebrochenen Häuser, der umgewandelten Straßen – dieses ganze anachronistische Material zeigt erst den vollen Lebensausdruck des perennierenden Stadtwesens, das sich unaufhörlich verbraucht und erneuert.“10 Anschaulich beklagt Paquet 1925 den allzu schnellen Wandel der Stadt: „Die Zeil war eine der nobelsten und großartigsten Stadtstraßen des älteren Deutschland; ein Jahrzehnt genügte, um sie zu zerstören,“ doch er weiß um das Schicksal der Stadt: „Die Mächte der Zeit ringen in dieser Stadt unsichtbar miteinander, sie gestalten ihren Demos.“11

Mit Leidenschaft griff in dieses Ringen wenig später ein junger Stadtbaurat ein: Ernst May, gerufen von Oberbürgermeister Ludwig Landmann, gestützt vom klugen Kämmerer Bruno Asch. „Die Großstadt als Brennpunkt menschlicher Siedlung spiegelt klar den jeweiligen Kulturstand eines Volkes,“ erklärte May 1926 und nahm sich vor, dem Großstadtgeist seinen Architekturkörper vom Rand her aufzubauen: „Langsam verlässt die Architektur die Bahnen des Epigonentums und erkennt die Stilgesetze unserer Zeit. Der Industriebau zeigt bereits Gestaltungen von einer neuen, machtvollen Monumentalität. Die veränderte geistige Einstellung des Menschen zum Lebensproblem entwickelt das neue Wohnhaus. Der Irrsinn der Menschenzusammenpferchung in den steinernen Massen der Mietskasernen weicht einer weiträumigen Auflockerung der Städte. Der moderne Städtebau ist Funktion der neuen Einstellung des Menschen zum Leben.“12

Im städtebaulichen Wettbewerb zur Entwicklung Breslaus hatte Ernst May 1922 unter dem Motto: Trabanten erstmals sein Konzept eines dezentralisierten Städtewachstums vorgestellt. Jetzt plante er gemeinsam mit Leberecht Migge in Frankfurt neben den Wallanlagen und dem Alleenring als öffentlichen Freiraum einen dritten Grüngürtel zwischen Kernstadt und den neuen Trabanten – ein Konzept mit langer Nachwirkung, das sechs Jahrzehnte Jahre später, ab 1989 erfolgreich weiter entwickelt und mit dem Regionalpark Rhein Main verbunden wurde. Abschluss und Höhepunkt der Ära May war 1930 die Feier einer neuen Stadtkrone im Grünen bei der Eröffnung des I.G.-Farben-Gebäudes von Poelzig im Grüneburgpark, vor wenigen Jahren in Reverenz zum Bestand um die neuen Universitätsbauten des Campus West ergänzt.

Frankfurt – zum Beispiel. Wo gab es das sonst? Im Jahr 1930 gleichzeitig die größte Baustelle Europas für den weltweit agierenden Konzern I.G.-Farben – und daneben, nicht weit entfernt, das neu gegründete Institut für Sozialforschung, in dem 1930 Karl Mannheim auf den Lehrstuhl für Soziologie, Max Horkheimer auf den für Sozialphilosophie berufen wurde. „Das Institut für Sozialforschung und das I.G.-Farben-Gebäude markierten, jedes auf seine Weise, den Abschied von der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts, wie sie in den Villen des Frankfurter Westends ihren architektonischen Ausdruck gefunden hatte,“ so Wolfgang Schivelbusch: „Im Institut für Sozialforschung wurde die neue Welt des Monopolkapitalismus theoretischer Betrachtung und Analyse unterzogen, im I.G.-Farben-Gebäude wurde sie praktisch-ökonomisch mit gestaltet.“13 Doch seit Oktober 1929 begann die Krise des Kapitalismus die Welt zu verändern.

Wir kennen die ungeheure Leistung, die der als „Planathlet“ bezeichnete Ernst May mit seinem Team in nur fünf Jahren vorweisen konnte, bevor er 1930 infolge der Weltwirtschaftskrise und übersteigerter Hoffnung auf einen sozialistischen Städtebau in der Sowjetunion Frankfurt verließ. Nach der Machtergreifung der Nazis schlug ab 1933 das Pendel zurück. Nach dem Modernisierungsschub der zwanziger Jahre sollte die Finanzmetropole Frankfurt nun zur Stadt des deutschen Handwerks umgebaut werden.14 Besondere Aufmerksamkeit richtete sich auf die lange vernachlässigte Altstadt, die durch gezielten Abbruch, Mustersanierung und soziale Umschichtung – „schöner denn je“ – Tradition vermitteln und Heimatgefühle stärken sollte. Wir wissen was folgte.

Susanne Wartzeck, Vorsitzende des BDA Hessen, begrüßt das Publikum des 9. BDA-Tags

Erneuerung Deutschlands
1945 lag Frankfurt in Trümmern, erst langsam erwachte ein neuer Geist in Ruinen. Als eine der ersten Zeitschriften zur Selbstverständigung über die Zukunft Deutschlands erschienen im April 1946 nach Genehmigung der amerikanischen Militärregierung mit Sitz im I.G.-Farben-Gebäude die Frankfurter Hefte, herausgeben von Eugen Kogon unter Mitwirkung von Walter Dirks, mit hohem Anspruch: „Wir werden um Klarheit sehr bemüht sein, aber der Leser wird sich ebenfalls anstrengen müssen,“ heißt es fordernd im Aufruf An unsere Leser!: „Die gängige Phrase, das Nebelwort, das man so leicht einsog und rasch aus dem Hirn wieder verdampfen ließ, hat die Atmosphäre des Denkens verdickt. Wir können nicht atmen in ihr, wir wollen gute Sicht und einen präzis funktionierenden Verstand, – das lebendige Herz – das im Rhythmus der Zeit für die ewigen Ziele schlägt, versteht sich von selbst. Wir erwarten also ‚nachdenkliche’ Leser. Wir glauben, dass wir so der Erneuerung Deutschlands einen Dienst erweisen – wir, das heißt die Herausgeber, die Mitarbeiter und jene Leser schon inbegriffen. Das Dunkel um uns soll sich lichten.“15

Von Frankfurt aus sollte das Licht der Aufklärung leuchten in Deutschland, dazu waren Texte gesucht. Schon im ersten Heft dieser Zeitschrift veröffentlichte Otto Bartning unter dem Titel Ketzerische Gedanken am Rande der Trümmerhaufen einen über Jahrzehnte gültigen Beitrag als erste Orientierungshilfe für die künftige Baukultur der Nachkriegszeit in Form eines fiktiven Dialogs mit einem jungen Kriegsheimkehrer. Nach der knappen Frage des Jüngeren, „Wiederaufbau. Was halten Sie denn davon?“, antwortete ein älterer Herr, in dem sich Bartning selbst aussprach: „Wiederaufbau? Schon das Wörtchen ‚wieder’ gefällt mir nicht. Es klingt nach wiederholen, wieder herbeiholen…,“ um dann in den folgenden Sätzen durch plakativen Vergleich von architektonischen Formen und gesellschaftlichen Verhältnissen in bildreichen Metaphern zukunftsweisende Topoi der Selbsterklärung von Architekten vorzugeben, die ihren eigenen Beitrag zur künftig demokratischen Architektur in einer neuen Gesellschaft leisten sollten: „Aber schlichte Räume lassen sich auf den bestehenden Grundmauern und aus den brauchbaren Trümmerstoffen errichten, schlichte, helle Räume, in denen ein schlichtes, für jedermann gleiches und durchsichtiges Recht verhandelt wird, ohne Hinterklauseln und ohne Stuckornamente. Auf, ihr Juristen und ihr Architekten, plant und entwerft Formen, Räume von eindeutiger Klarheit und einfältiger Kraft, darin unsere Kinder und Enkel aufrichtig und also frei dem gemeinsam erkannten und anerkannten Rechte sich fügen.“16

Zvonko Turkali bei einem diskursiven Stadtspaziergang im Rahmen des 9. BDA-Tags in Frankfurt a.M.

Die im Krieg zerstörten Baudenkmale, wie etwa der Zwinger in Dresden, dürften nicht „als museale Lüge auferstehen, als riesenhafte Totenmaske“. Mut zum Abschied sei gefordert, in Trauer, mit dem Eingeständnis: „Verloren. Und dass wir’s verlorengehen ließen, müssen wir unseren Enkeln eingestehen. Die Ruinen – man denke an das Forum, an das Colosseum in Rom – werden eine starke und wahre Sprache sprechen; Rekonstruktionen – je echter, desto schlimmer.“17

In Form einer volkspädagogischen Lektion wird den Wünschen des Jüngeren nach heimeliger Wiederherstellung des Zerstörten eine schroffe Absage erteilt: „Nun stellen Sie sich ganze Plätze und Straßenzüge solcher Kulissen, solcher Lügen vor“ schimpfte der Alte. „Denn Kulisse und Lüge bleibt, was – auch bei bestem Wissen und Wollen – im günstigsten Falle selbst nach Plänen früherer Zeit rekonstruiert würde, ohne den Saft und den Geist jener Zeit! Und gerade das ist es, wovor wir unsere Enkel bewahren müssen.“18 Damit war programmatisch das Rekonstruktionsverbot lizenziert, das in den nächsten Monaten dem Aufbau der Paulskirche als Leitprojekt der Nachkriegsmoderne die geistige Grundlage gab. Andererseits war mit diesem Verdikt der Streit um die Wiederherstellung des Goethehauses programmiert und damit ein Spannungsfeld der Stadt- und Kulturpolitik in Frankfurt eröffnet, das über Jahrzehnte – bis heute – harte Konflikte und Polarisierungen nach sich zog.

Dennoch verständigte man sich zunächst im Wiederaufbau der Altstadt auf das Konzept einer „Synthese von alt und neu“19, die wir, bis heute, beispielhaft etwa am Salzhaus und den Nachbarbauten am Römerberg betrachten können. Damit waren Maßstäbe gesetzt, an denen sich der Bau der Neuen Altstadt künftig messen lassen muss. Doch jener Phase einer halbwegs friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Konzepte, wie sie im Stilpluralismus der fünfziger Jahre auch andernorts möglich war, folgte Anfang der sechziger Jahre ein neuer Modernisierungsschub mit dem Ergebnis, dass die gerade errichteten, zierlich proportionierten Neubauten der Ostzeile auf dem Römerberg abgebrochen und stattdessen gewaltige Bauvolumen für ein Technisches Rathaus geplant werden sollten.

Am Ende der fünfziger Jahre wurde das Ende des Wiederaufbaus proklamiert, eine neue Epoche der Stadtentwicklung wurde ausgerufen, die nicht nur in Frankfurt einem neuen Leitbild folgte, dem ein Frankfurter Wissenschaftler jüdischer Herkunft die Stichworte gab. Es war der inzwischen in Basel lehrende Soziologe Edgar Salin, der 1960 in der Hauptversammlung des Deutschen Städtetages unter dem schlichten Titel Urbanität einen zukunftweisenden Vortrag20 hielt, in dem er Frankfurt als Beispiel für eine über Jahrhunderte gewachsene Stadtkultur beschrieb, die mit der Barbarei der Nazis unwiederbringlich ihr Ende gefunden hatte. Diese gewaltsam zerstörte Urbanität sei nicht wiederherzustellen, vor allem nicht durch Bauen zu gewinnen: Nur Schritt für Schritt könne eine neue Stadtkultur auf lange Sicht vorbereitet werden, durch das tätige Miteinander der Bürger und ihre Mitwirkung an den Entscheidungen zur Zukunft der Städte. Doch diese Zukunft sah düster aus. Unter dem irreführenden Motto einer Urbanität durch Dichte21 wurden Großsiedlungen aus dem Boden gestampft und die Zentren der Städte einer durchgreifenden Tertiärisierung ausgesetzt.

1965 klärte Theodor W. Adorno, 1903 in Frankfurt geboren, seit 1958 Leiter des Instituts für Sozialforschung, in seinem legendären Vortrag Funktionalismus heute22 Missverständnisse im Konzept des Funktionalismus in der Architektur; im selben Jahr 1965 war es der Gründer des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, der Arzt und Analytiker Alexander Mitscherlich, der in seinem Pamphlet Die Unwirtlichkeit unserer Städte23 die Misere der gebauten Umwelt als Ausdruck einer längst obsoleten Gesellschaftsordnung beklagte und die Schrift im Untertitel eine Anstiftung zum Unfrieden nannte. Diese Anstiftung nahmen jene Bürgerinnen und Bürger wörtlich, die 1966 mit schwarzen Fahnen gegen den Abbruch der Villen im Westend protestierten, welche dem Bau von Banken- und Verwaltungshochhäusern weichen sollten.

Diskursiver Stadtspaziergang im Rahmen des 9. BDA-Tags in Frankfurt a.M.

Paradigmenwechsel
Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. In nur zwei Jahren wurde aus dem bürgerlichen Protest der militante Frankfurter Häuserkampf als Teil der studentischen Protestbewegung, die in dieser Stadt eine besondere Qualität gewann. Neben Berlin wurde Frankfurt am Main zum Magnet für solche Studentinnen und Studenten, die sich in ihrer Studienzeit auf ein doppeltes Abenteuer einlassen wollten: Einerseits kalkulierte Regelverletzung im Häuserkampf als Voraussetzung zur Erprobung neuer Lebensformen durch Wohngemeinschaften in alten Quartieren, andererseits intellektuelle Abenteuer in der Erkundung der Kritischen Theorie, in Tradition des Instituts für Sozialforschung, bei gleichzeitigem Versuch, diese Theorie politisch zu praktizieren.

Von Mitscherlich kam der Impuls zur Gründung des hessischen Instituts Wohnen und Umwelt 1971, dessen Gründungsdirektor Hardt-Waltherr Hämer24 wenige Jahre später als Direktor der IBA Berlin gemeinsam mit Josef Paul Kleihues den epochalen Paradigmenwechsel der Planung hin zur Bestandspflege und behutsamen Stadterneuerung einzuleiten begann. Im Sigmund-Freud-Institut hingegen entstanden damals die ersten Analysen zum Verlust der Urbanität und differenzierte Studien zur Semiotik der Architektur.25 Frankfurt war für Jahre ein Zentrum der Stadtforschung und Architekturtheorie: Vielleicht war es dieses geistige Klima, das im Überdruss an dem banalen „Bauwirtschaftsfunktionalismus“26 der sechziger Jahre nach dem Denkmalschutzjahr 1975 einen kulturellen Kurswechsel ermöglichte, der im Wahlkampf 1977 eine Bebauung des Römerbergs nach historischem Vorbild in beiden großen Parteien, SPD und CDU, zum Thema werden ließ27 und schließlich über einen international beachteten Wettbewerb zu dem sensationellen Ensemble aus Ostzeile, Schirn und postmodernem Wohnungsbau führte: eine klug komponierte Stadt-Collage im lebendigen Gegenüber unterschiedlicher Haltungen zur Architektur, mit großem Anregungspotenzial in jener Zeit. Es folgte die Wiederentdeckung der Flusslandschaft und die Perlenkette international beachteter Bauten am Museumsufer, das inzwischen als ein Freilichtmuseum zur Architekturgeschichte Besucher aus aller Welt anzieht. Herausragende Bauten von Richard Meier, Oswald Mathias Ungers, Günter Behnisch und Gustav Peichl, Höhepunkte der Architektur des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sind dort in friedlicher Koexistenz nebeneinander zu bewundern: Wo gibt es das sonst?

Die Ergebnisse solcher Wandlungen und Häutungen der Stadt seit 1900 sind in den geführten diskursiven Stadtspaziergängen zu sehen – und man wird jeweils auch an den gesellschaftlich-historischen Kontext erinnert, in dem in „Frankfurt – zum Beispiel“ neben allem weiterhin machtvoll „rücksichtslosen Unternehmertum“ – wie schon 1903 beklagt –, dann doch in jeder Epoche auch beispielhafte Architektur entstand: Ich hoffe auf eine überraschende, möglichst vorurteilsfreie Entdeckungsreise, die nicht vorschnell zwischen schön und hässlich, richtig und falsch, gut und böse unterscheiden sollte, sondern verstehen lehrt, warum Architekten zu ihrer Zeit jeweils mit Leidenschaft so bauten, wie sie es für richtig hielten. Eine Hermeneutik der Architektur, ein Erkennen und Verstehen der Motive unserer Vorgänger – es müssen nicht nur die Leitfiguren und die großen Vorbilder sein – ist Voraussetzung eines gelingenden Weiterbauens als Dialog zwischen den Generationen. Baukultur heißt, in weiten Zeit-Räumen denken zu lernen, Wandel verstehen und im Wandel eigene Haltung bewahren zu können.

Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Werner Durth (*1949) studierte Architektur an der TH Darmstadt und Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Nach Professuren in Mainz und Stuttgart ist Durth seit 1998 Professor für das Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur an der TU Darmstadt. Mit zahlreichen Büchern, Essays und Fachvorträgen zählt Durth zu den renommiertesten Architekturhistorikern Deutschlands. Werner Durth lebt und arbeitet in Darmstadt.

Anmerkungen
1  Hans Kollhoff: Hamburgs Elbphilharmonie – Ein zynisches Projekt. Der Architekt Hans Kollhoff verachtet viele seiner Kollegen, weil sie sich von der Tradition europäischer Baukultur verabschiedet haben. Ein Gespräch, in: DIE WELT vom 19.03.2012
2 Siehe dazu: Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Drei Bände, hier: Band 2, S.871
3 Petra Roth, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2006
4 Was wir wollen. Proklamation des BDA, in: Bernhard Gaber: Die Entwicklung des Berufsstandes der freischaffenden Architekten, dargestellt an der Geschichte des Bundes Deutscher Architekten BDA, Essen 1966, S. 224
5 Wolfgang Bangert, in: Heinz Ulrich Krauß: Frankfurt am Main – Daten, Schlaglichter, Baugeschehen, Frankfurt / Main 1997, S.147
6 Siehe Werner Durth /Paul Sigel: Baukultur. Spiegel gesellschaftlichen Wandels, Berlin 2009
7 Karl Scheffler: Die Architektur der Großstadt, Berlin 1913, S. 3
8 Ebda
9 Alfons Paquet: Frankfurt. Ein anachronistisches Bild, in: Hanns Martin Elster (Hrsg.): Das Pantheon. Ein Hausbuch deutscher Dichtung und Kunst der Gegenwart, Berlin 1925, S. 203
10 A.a.O., S. 202
11 A.a.O., S. 214
12 Ernst May: Das Neue Frankfurt, Heft 1 / 1926, Nachdruck in: Christoph Moor / Michael Müller: Funktionalität und Moderne. Das Neue Frankfurt und seine Bauten 1925 – 1933, Frankfurt / Main 1984, S. 14 f.
13 Wolfgang Schivelbusch: Intellektuellendämmerung. Zur Lage der Frankfurter Intelligenz in den zwanziger Jahren, Frankfurt / Main 1982, S. 11
14  Siehe Werner Durth /Niels Gutschow: Träume in Trümmern. Planungen zum Wiederaufbau zerstörter Städte im Westen Deutschlands 1940 – 1950, Braunschweig / Wiesbaden 1988, Band II, S. 469 ff.
15 Frankfurter Hefte. Zeitschrift für Kultur und Politik. Herausgegeben von Eugen Kogon unter Mitwirkung von Walter Dirks, Heft 1 / 1946, S. 2
16 Otto Bartning: Ketzerische Gedanken am Rande der Trümmerhaufen, in: Frankfurter Hefte, Heft 1 / 1946, S. 64
17 Ebda
18 A.a.O., S. 71
19 Durth / Gutschow 1988, a.a.O., S. 512
20 Edgar Salin: Urbanität, in: Deutscher Städtetag (Hrsg.): Erneuerung unserer Städte. Vorträge, Aussprachen und Ergebnisse der 11. Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, Stuttgart / Köln 1960
21 Siehe Gerhard Boeddinghaus (Hrsg.): Gesellschaft durch Dichte. Kritische Initiativen zu einem neuen Leitbild für Planung und Städtebau 1963 / 1964, Braunschweig /Wiesbaden1995
22 Theodor W. Adorno: Funktionalismus heute, in: ders.: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica, Frankfurt / Main 1967
23 Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt / Main 1965
24 Siehe Manfred Sack (Hrsg.): Stadt im Kopf. Hardt-Waltherr Hämer, Berlin 2002
25 Siehe beispielsweise Heide Berndt / Klaus Horn /Alfred Lorenzer: Architektur als Ideologie, Frankfurt / Main 1968
26 Heinrich Klotz: Weitergegeben. Erinnerungen, Köln 1999, S. 71

 

 

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