persönliches

Helmut Striffler (1927–2015)

Sie fehlt kaum in einer Anthologie über die Architektur der Bundesrepublik: Die 1967 fertiggestellte evangelische Versöhnungskirche auf der Anlage des ehemaligen KZs in Dachau. Ihre eindrückliche Form, die in das Areal gezogene Furche, schlägt eine Wunde in die von der erbarmungslosen Rationalität dominierten Fläche, um den Zugang zu einem höhlenartigen Schutzraum freizugeben. Sie ist ein architektonisches Zeugnis des ehrlichen Bemühens, das Vergangene, Unvorstellbare nicht durch Normalität zu verdrängen. Helmut Striffler hatte 1964 den ersten Preis im Wettbewerb für den Bau dieser Kirche gewonnen; er hat in diesem Entwurf die Erinnerung an einen jungen Flakhelfer verarbeitet, der aus den Baracken eines Flughafens über das Rollfeld in einen Wald zu fliehen versucht, ohne Schutz finden zu können.

Helmut Striffler, 1927 in Ludwigshafen geboren, hatte an der TH Karlsruhe studiert und schon während des Studiums bei Egon Eiermann gearbeitet, bevor er sich 1956 selbständig machte. Als Student arbeitete er an Eiermanns Matthäuskirche in Pforzheim mit, die dabei gemachten Erfahrungen hat er in seinem ersten eigenen Projekt, der Mannheimer St. Trinitatiskirche, umgesetzt: Auch hier ist das Tragwerk aus Sichtbeton, ähnlich wie in Pforzheim sind farbige Glasbeton-Steine in vertiefte Betonkassetten eingelassen. Sie tauchen den Innenraum in ein atemberaubendes Licht. Die darauf folgenden Kirchenbauten lassen die Entwicklung nachvollziehen, die von St. Trinitatis bis zur freien skulpturalen Form von Dachau führte, zeigen Strifflers Arbeit mit dem Licht, der er auch in späteren Werken hohe Bedeutung beimaß: die Kirche auf der Blumenau bei Mannheim (1960–1962), die evangelische Versöhnungskirche Mannheim-Rheinau (1961–1965) sowie die Kirche in Ilvesheim (1963–1964). Die später errichtete Trauerhalle in Köln-Chorweiler (1981–1983) lässt unmittelbare Bezüge zu Dachau erkennen.

Zu weiteren wichtigen Bauten Helmut Strifflers gehört die Stadtteilmitte in Mannheim-Vogelstang, zahlreiche Wohnhäuser sowie Gemeinde- und Bürobauten, darunter das Landgericht Mannheim (1975), dessen damals noch unübliche Cortenstahl-Fassade über dem skulptural differenzierten Sockel auf moderne Weise eine eigenständige Kraft entfaltet und so überraschend selbstverständlich und selbstbewusst auf die gegenüberliegende Schlossanlage reagiert. Dass Striffler stets viel und gerne mit Künstlern zusammengearbeitet hat, nimmt angesichts solcher Bauten nicht wunder.

Helmut Striffler war zunächst Lehrer in Hannover, von 1974 bis 1992 dann Professor in Darmstadt. Hier hat er in den Zeichensälen beobachtet, wie sich Studenten im Großraum ihre individuellen Nischen schufen. Man müsse, so Striffler, dies als Ausdruck einer Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen – das hat er beim Bau des ÖVA-Hauses (Mannheim, 1974–1977) dann auch getan. Um das „übliche Großraumbüro zu überwinden“, wurde der Grundriss in Gruppenbereiche gegliedert und es wurde möglich, dass jeder sich seinen Arbeitsplatz gestaltet, „wie er mag“.

Seit 2000 firmiert das Büro als „Striffler und Striffler“, mit seinem Sohn Johannes als gleichberechtigtem Partner. In Marburg, Mannheim und Mainz und im DAM in Frankfurt wurde Helmut Strifflers Werk in Ausstellungen gewürdigt, zu den zahlreichen Auszeichnungen, die er erhielt, gehörte zweimal der Hugo-Häring-Preis. Maßgeblichen Anteil hatte er auch daran, dass der Arbeitsausschuss des Evangelischen Kirchenbautages 1975 den Großen BDA-Preis erhielt – er war dessen Zweiter Vorsitzender. Auch dies typisch: Helmut Striffler hat sich jenseits des eigenen Büros engagiert und eingemischt; es werde zu oft geschwiegen, hatte er seinen Kollegen vorgeworfen. Immer wieder mischte er sich in öffentliche Diskussionen über Architektur ein, hat sich unter anderem für die Rheinufergestaltung in Speyer eingesetzt. Zur Überzeugungskraft, die seine Argumente hatten, gehörte das Augenmaß, mit dem er sie vorbrachte. Walter Maria Förderer hatte bereits 1971, sichtlich beeindruckt, in seinem Tagebuch notiert: „Bei Helmut Striffler erstaunt mich immer wieder, wie er unwiderstehlich vernünftig das jeweils Bestmögliche durchsetzt. Er weiß genau, wo für Forderungen die Grenzen liegen, über die hinauszugehen, nur Schlechteres zur Folge hätte, weil die Zeit noch nicht da ist, um das gewollte Beste durchzusetzen.“ Am 2. Februar ist Helmut Striffler in Mannheim im Alter von 88 Jahren gestorben.

Christian Holl

Die Zitate sind dem zur Ausstellung in Mannheim und Mainz 1987 im Karl-Krämer-Verlag erschienenen Katalog „Helmut Striffler. Licht, Raum, Kunst. Eine Ortsbestimmung“ entnommen. Fotos: Archiv Striffler


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