neu im club

Thomas Steimle, Steimle Architekten BDA, Stuttgart

Architektur der Stadt

Christine und Thomas Steimle laden zum Gespräch auf den Balkon eines Fünfziger-Jahre-Hauses unmittelbar am Stuttgarter Marktplatz. Immer wieder ertönen die Glocken der umliegenden Kirchen und des Rathauses, von unten dringen aus dem steten Treiben auf dem Platz vereinzelte Stimmen zum Ort des Gesprächs herauf.

David Kasparek: Ist die städtische Umgebung, in der sich ihr Büro befindet, wichtig für die Art und Weise, wie Sie Architektur machen?
Thomas Steimle: Ja. Zum einen, weil wir durch all die Aktivitäten, die hier stattfinden, lokalpolitisch alles mögliche mitbekommen. Auch der Wohlfühlfaktor ist ungemein wichtig für uns. Durch den Markt, durch all die Menschen, die hier tagaus, tagein vorbeikommen und den Platz bevölkern, entwickelt sich auch im Büro selbst eine besondere Studio-Atmosphäre…

Sie und ihre Mitarbeiter im Büro schauen durch eine lange Fensterfront von oben auf den Platz, über die Dächer der Stadt und weiter bis auf die umliegenden Hügel und den Stuttgarter Fernsehturm…
Christine Steimle: Die Gedanken sprichwörtlich in die Ferne schweifen lassen ist wichtig für die Arbeit. Der Blick hier ist sehr inspirierend.
Thomas Steimle: Auch die dauerhafte – und sehr angenehme – Geräuschkulisse hier vermittelt einem das Gefühl, Teil der Stadt zu sein.
Christine Steimle:
Die Mischung ist elementar. Die Gedanken kreisen lassen und im nächsten Moment den Platz und sein Leben beobachten können, das macht die Lage hier aus.

Gibt es weitere Inspirationsquellen oder ein programmatisches Vorgehen für jedes Projekt?
Christine Steimle: Als erstes besuchen wir immer den Ort – und halten uns da meist ziemlich lange auf (lacht). Wir nehmen alles unter die Lupe: Grundstück, Umgebung,  Topografie um eine individuelle und maßgeschneiderte Lösung zu entwickeln. Oft fahren wir danach noch mehrmals hin. Auch um unsere Entwurfsvarianten zu überprüfen…Wir klopfen dann unterschiedliche Baukörper und -typologien ab und schauen in Rückkopplung mit dem Ort, welche wir weiter verfolgen.
Thomas Steimle: Die Faktoren, die aus der Aufgabenstellung kommen, der Bauherr und die Stimmung vor Ort sind maßgeblich für den Entwurf. Dazu addieren sich dann aber immer die Dinge, die einen in dem Moment gerade unbewusst beschäftigen: Typologien, Lichtstimmungen, die man gerade wahrgenommen hat oder gesellschaftliche Tendenzen.

Konkrete Vorbilder spielen dabei weniger eine Rolle?
Thomas Steimle: Nein. Abstrakte Typologien sind wichtiger. Konkrete Vorbilder engen schnell ein und führen dann vielleicht zu einem Formalismus, dem man folgt, nur um einem Vorbild gerecht zu werden.

Blenden Sie mögliche Vorbilder bewusst aus?
Thomas Steimle: Jein. Irgendwo sind ja immer Bilder in einem: durch Bauten und Projekte, die uns in der Vergangenheit berührt haben, oder durch die Vielzahl von Informationen, die täglich im E-Mail-Postfach landen. Das alles kann man im Kopf gar nicht immer wegschalten.
Christine Steimle: Wichtiger aber sind die Typologien: wird es ein Punkthaus, ein Riegel oder ein Atriumhaus? Das an anderer Stelle Gesehene passt in aller Regel ohnehin nicht an den konkreten Ort, an dem gerade geplant wird.
Thomas Steimle: Es würde auch der Vielschichtigkeit einer Aufgabe nicht gerecht, wenn man sich in ein vorgefundenes Beispiel einzwängen würde. Aber: Durch das Durchdenken von anderen Einflüssen entstehen wiederum Synergien, die sich für die jeweilige Aufgabe nutzen lassen – und dann über eine Vielzahl von Varianten zur individuellen Lösung führen.

Diese Varianten erarbeiten Sie im Modell. Wie erfolgt die Überprüfung – beispielsweise aus Perspektive der Fußgänger?
Christine Steimle: Das Überprüfen in der Zeichnung ist aus mehreren Gründen wichtig. Zunächst, um zu sehen, ob sich alle Funktionen und Flächen in den Bau ‚einräumen‘ lassen. Da gibt es bei uns immer wieder lange Gesichter, weil wir oft ‚zu klein’ entwerfen (lacht).

Was folgt dann daraus für den Entwurf?
Christine Steimle: Ein Umdenken – durch den einfachen Fakt, dass die Variante, die wir gewählt hatten, so noch nicht funktioniert und die Typologie weiterzuentwickeln ist.
Thomas Steimle: Nach dem Strukturmodell gehen wir sehr schnell und dann sehr tief in die 3D-Zeichnung. Für Wettbewerbe wahrscheinlich sogar zu tief (lacht). Aber so lassen sich eben sehr gut alle Maßstäbe und unterschiedliche Betrachtungsperspektiven durchspielen.

Führt eine intensive und frühe dreidimensionale Ausbildung des Baus zu anderen Entwurfsprozessen?
Thomas Steimle: Ich denke schon, dass die veränderten Darstellungsmethoden auch zu anderen Prozessen und schlussendlich auch zu anderen Entwürfen führen. Wenn ich das mit den doch deutlich zweidimensionaler gedachten Baukörpern und Fassaden von vor 15 Jahren vergleiche, wird durch die zusätzliche Tiefe viel früher und intensiver über die räumliche Modellierung der Fassade nachgedacht. Das merke ich in unserer eigenen Arbeit.

Das Transportieren von Stimmung und Atmosphäre birgt zwar die Gefahr des trügerischen, ist aber in 3D leichter…
Thomas Steimle: Ja, das ist sicherlich so. Es besteht generell die Gefahr, dass man sich, und womöglich auch andere, damit hinters Licht führt, aber es ist eben über dieses Medium für einfacher zu vermitteln, was man mit dem Entwurf wirklich sagen möchte. Das fängt schon beim Modellbauer an, der uns immer sagt, dass ihm unsere Visualisierungen sehr wichtig sind, weil es so für ihn einfacher zu lesen ist, was die ins Modell zu transportierende Kernaussage des Entwurfs ist.

Das Rendering bleibt aber Mittel zum Zweck und wird keine eigene Kunstform?
Thomas Steimle: In erster Linie ist es ein Mittel zum Zweck. Der Zweck ist, alle Beteiligten abzuholen und mitzunehmen, sie für den Entwurf zu begeistern – nichtsdestotrotz machen wir gerade solche Bilder mit sehr hoher Leidenschaft, Akribie und künstlerischem Anspruch, so wie man früher eben Präsentationszeichnungen gemacht hat.

Hat das Rendering letztlich die Modelle ab dem Maßstab 1:50 abgelöst, in denen man Fassadentiefen oder Materialien überprüft hat?
Thomas Steimle: Das trifft es ganz gut, ja. In der Tat bauen wir solch großen Modelle eigentlich gar nicht mehr, oder?
Christine Steimle: …stimmt. Da ist das Rendering schon Arbeitswerkzeug und nicht mehr nur Präsentationstool. Aber wie früher mit einem großmaßstäblichen Modell zum Bauherrn fahren, machen wir tatsächlich nicht mehr. Das geht alles über Visualisierungen.

Das klingt so, als sei die Forderung nach BIM von Bauherren- oder Ausloberseite für Sie  auch keine allzu große Hürde mehr.
Thomas Steimle:
Wir arbeiten tatsächlich schon jetzt bei einigen Projekten mit BIM-ähnlichen Strukturen – mit BIM in letzter Konsequenz und Tiefe bisher aber noch nicht. Dennoch darf man sich dem Thema nicht verwehren, denn es wird unweigerlich auf uns zukommen.

Sehen Sie beim Thema BIM Gefahren?
Thomas Steimle: Ja. Es gibt nicht nur die propagierten und zum Teil existierenden Vorteile. Die Gefahren fangen bei Urheberrechtsproblemen an und teilweise widerspricht es auch unserer Arbeitsweise. Wir planen sehr individualisiert. Mit BIM ist die Gefahr gegeben, diese individuellen Lösungen nicht mehr so eingeben zu können, wie gewünscht, oder – und das ist derzeit problematischer – die Handwerker, die wir für solche Einzellösungen brauchen, verfügen nicht über die Infrastrukturen, um sich in BIM-Prozesse einzugliedern. Da ist vielfach das gute alte Fax noch ein echtes Arbeitsgerät, mit dem die Pläne nach eingezeichneten Änderungen hin und hergeschickt werden.

Wie kann man diesen Gefahren begegnen?
Thomas Steimle: BIM wird unsere Arbeitsprozesse ähnlich verändern wie die Einführung von CAD. Die Eingabe kann nicht mehr nur allein von den ganz jungen Mitarbeitern erfolgen, weil jeder Strich weitreichendere Konsequenzen hat. Es werden die Kenntnisse von älteren und erfahrenen Architekten wieder ganz anders zum Tragen kommen. Vielleicht müsste die Eingabe dann wieder von spezialisierten Mitarbeitern vorgenommen werden – vergleichbar dem Bauzeichner früher.

Sie haben Bau-Erfahrung in Stuttgarter Büros gesammelt. Wie wichtig war es, dort  auch ins kalte Wasser geworfen worden zu sein?
Christine Steimle: Die Zeit war prägend für uns. Ich war 14 Jahre als angestellte Architektin tätig und habe immens viel auch für das eigene Büro jetzt und hier gelernt. Vieles, was mich damals als angestellte Architektin an den Partnern oder Projektleitern genervt hat, mache ich jetzt genauso (lacht).
Thomas Steimle:
Das betrifft vor allem strukturelle Dinge, aber auch im Vorfeld von Wettbewerben das Abhaken bestimmter Fragestellungen, die man als junger Architekt so  nicht auf dem Schirm hatte oder denen man keine allzu große Bedeutung beigemessen hat.

Wie wichtig war es für Ihre eigene Entwicklung, auch einmal schräge Ideen an den Start gebracht zu haben?
Christine Steimle: Wichtig. Nach der Uni, wo man sich austoben konnte, war das unabdingbar für die eigene Kreativität und ihre Bewahrung: die Ideen, die man hat, erst einmal ohne Angst zu Papier zu bringen. Das ist auch heute bedeutend für unsere Mitarbeiter. Das sollen sie unbedingt machen – denn damit wird immer wieder frischer Wind ins Büro gebracht.
Thomas Steimle: Die Vorgaben, die von Bauherren oder im Wettbewerb gemacht werden, sind auch immer Herausforderungen für einen selbst. Abzuwägen, welche es zu hinterfragen, umzudeuten, neu zu interpretieren oder banal umzusetzen gilt, ist dabei eine Art sportliche Herausforderung für mich.
Christine Steimle: Durch ein „Über-das-Ziel-Hinausschießen“ kommen oft Gedanken und Varianten in den Entwurf, die in Teilen das Projekt bis zum Ende maßgeblich beeinflussen können und sich sogar am fertigen Gebäude wiederfinden…
Thomas Steimle: …ja, die Sichtweise auf manche Dinge wird so erweitert.

Dennoch bleibt es Abwägungssache, wann man Vorgaben folgt?
Thomas Steimle:
  Es gibt bei uns eine Art Hierarchisierung. Bei bestimmten Parametern macht es einfach keinen Sinn, sie infrage zu stellen. Da ist das Risiko, in der Vorprüfung heraus zu fallen, weil man sich nun ausgerechnet daran nicht gehalten hat, einfach zu groß.
Christine Steimle: Unser Ziel ist es ja, am Ende das Gebäude bauen zu dürfen und nicht nur den Sonderpreis abzuholen.

Gibt es eigentlich genug Wettbewerbe?
Christine Steimle: Im Moment haben wir allein in den ersten neun Wochen des Jahres vier Wettbewerbe gemacht, und es stehen aktuell vier weitere an…
Thomas Steimle: …eigentlich sollte alles über Wettbewerbe entschieden werden, weil das Ergebnis in der Regel um ein Vielfaches besser ist als bei Direktbeauftragungen. Allein weil die Konkurrenz eben das Geschäft belebt und – im besten Fall – eine fachkompetente Jury darüber entscheidet, welcher Beitrag der beste ist und nicht irgendein Firmenvorstand, der zwar viel von Geldflüssen, aber wenig von guter Gestaltung versteht.
Christine Steimle: Das große Problem sind aber oft die nachzuweisenden Referenzen.

Wenn diese Referenzen fehlen, wie kamen Sie an die Wettbewerbe?
Thomas Steimle: Wir haben uns mit den Referenzen beworben, die wir haben – und sind dann trotzdem dazu gelost worden.
Christine Steimle: An anderen Wettbewerben konnten wir teilnehmen, weil wir Preis- oder andere Wettbewerbsgewinne nachweisen konnten. Ein Preis – in unserem Fall der Hugo-Häring-Preis – hilft also auch. Mehr Wettbewerbe mit weniger Auswahlkriterien wären toll. Nicht nur für uns, sondern für alle jungen Büros.

www.steimle-architekten.com

neu im club: im Glashaus des DAZ
Gespräch mit Christine und Thomas Steimle: 6. Mai, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion:
7. Mai – 19. Juni
Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin
www.daz.de

neu im club wird unterstützt von Republic of Fritz Hansen, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

Fotos: Brigida González/Steimle

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