BDA Berlin: Debatte um ein Besucherzentrum für den Bundestag

Moratorium als Chance

Dass die derzeitige Situation unbefriedigend ist, ist nicht zu leugnen: Zwischen den politisch wichtigsten Bauten des Landes klafft eine Lücke. Mitten in Berlin, zwischen Bundeskanzleramt und Paul-Löbe-Haus, gähnt Leere, ergänzt durch einen wirren Wust aus Schildern, die von temporären Aufstellern und Demonstrationsgittern komplettiert werden und sich reichlich unmotiviert um eine Vielzahl von Straßen gruppieren. Gleich nebenan geht es ebenso unansehnlich weiter: Sicherheitsbestimmungen haben in den letzten 15 Jahren dafür gesorgt, dass sich die Besucher des Reichstags nicht mehr in einer langen Schlange die Auffahrt des Parlamentsgebäudes hinauf und direkt ins – „dem Deutschen Volke“ gewidmete – Haus reihen, sondern von einem vorgeschalteten Container-Cluster für die Sicherheitsschleuse in Empfang genommen werden, erst danach werden sie durch eine Phalanx von Absperrgittern in Richtung Reichstag geleitet.

Der Eindruck des Unwürdigen verstärkt sich, denkt man über die Hintergründe nach: hier nimmt eine Demokratie die Besucher ihres Parlaments in Empfang, hier repräsentiert sich eines der einflussreichsten Länder der Europäischen Union. Was sagt das über ein Land, das sich stets rühmt, hervorragende Architekten und Ingenieure hervorgebracht zu haben und bis heute hervorzubringen im Stande ist, wenn es die Besucher seines Parlamentsgebäudes in Containern begrüßt, wenn der wichtigste Teil des von Charlotte Frank und Axel Schultes erdachten „Band des Bundes“ bis heute nicht ausgeführt und an seiner statt nur Leere ist?

Seit geraumer Zeit immerhin sorgen diese Missstände für Diskussionen auch auf politischer Ebene. Prinzipielle Handlungsnotwendigkeit scheint erkannt, ein „BIZ“ tituliertes Besucher- und Informationszentrum soll her – in inoffiziellen Berliner Kreisen werden rund 240 Millionen Euro als Baukosten gehandelt. Neben einem Sicherheitsschleusen-Eingang könnten hier auch grundlegende Informationen zur Bundesrepublik Deutschland, oder gar die Ausstellung zur parlamentarischen Entwicklung des Landes, die derzeit am Gendarmenmarkt ein merkwürdig abseitiges Dasein fristet, einen dauerhaften und besser positionierten Ort finden.

Einigkeit aber besteht deswegen noch lange nicht in der Berliner Politik. Wie sollte es auch anders sein? „Es soll kein Luxusbau sein“, versicherte Wolfgang Thierse im März gegenüber der Berliner Zeitung, Gesine Lötzsch von der Partei Die Linke aber hält einen Neubau per se für zu teuer und plädiert für eine Integration des BIZ ins Paul-Löbe-Haus. Auch  FDP-Kreise werden in der Berliner Zeitung als kritisch zitiert, wo Martin Lindner die potentiellen Ausgaben schon jetzt mit Sorge betrachtet und sagt, er gehe davon aus, dass die Verantwortlichen kostenbewusst prüfen, wie sich das notwendige Besucherzentrum ohne unvertretbaren technischen Aufwand realisieren ließe. Unbegründet sind Ängste bei einem solchen Projekt – und vor dem Hintergrund der Erfahrungen anderer Bauprojekte des Bundes der jüngsten Vergangenheit – sicher nicht, auch weil eine erste Antwort auf die Frage nach dem Standort für das BIZ etwas vorschnell mit einer unterirdischen Lösung aufwartete. Man scheint sich aus verschiedenen Gründen schwer vorstellen zu können, einstmals angedachtes – wie das „Band des Bundes“ – nun nach Jahren doch noch fertig zu denken und schließlich auch umsetzen zu wollen.

Dass der Bund durchaus auch innerhalb von Kostenrahmen arbeiten kann, sei hier erneut erwähnt (siehe der architekt 1/15, S. 70). Derweil werden neben einer eher unwahrscheinlichen „unterirdischen Lösung“ auch weitere mögliche Standorte für das BIZ diskutiert. Neben dem Bereich der aktuellen Container-Notlösung sind auch eine Variante südlich der Scheidemannstraße und nördlich vor dem Reichstag im Gespräch – und damit im Süden des Paul-Löbe-Hauses und tatsächlich auch an der richtigen Stelle des sogenannten Forums zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus. Vorstellbar seien zudem auch Kombinationen aus diesen Varianten.

Vor allem auf Architektenseite ist die Sorge vor schnellen Entscheidungen und daraus resultierenden Festlegungen groß. Folgerichtig hat der BDA Berlin Ende Februar einen offenen Brief an Bundestagspräsident Norbert Lammert, den Ältestenrat des Deutschen Bundestags, an den Kanzleramtsminister Peter Altmeier, den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, und den Vorsitzenden des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt im Berliner Abgeordnetenhaus, Manuel Heide, veröffentlicht, in dem er auf „die gravierenden städtebaulichen Mängel im Umfeld der zentralen Parlaments- und Regierungsbauten im Spreebogen“ hinweist. Als wichtigste Aussage des Schreibens wird ein Moratorium gefordert, „…um die beabsichtigten Investitionen in den Zusammenhang einer öffentlichen Debatte zu stellen.“ Nur die Wiederaufnahme einer gesamtheitlichen Planung könne eine konsensfähige Lösung hervorbringen, konstatieren der BDA Berlin und sein Vorsitzender Thomas Kaup richtig.

Statt weitere Einzelbauten zu errichten, so die Forderung, sollte der Spreebogen in seiner Gesamtheit neu betrachtet und die Bedürfnisse von Kanzleramt, Bundestag und Berliner Bürger diskutiert werden. Es gelte, verloren gegangene Perspektiven einer stadträumlichen Fortentwicklung wieder herzustellen. Bezugnehmend auf Adolf Arndts Manifest zur „Demokratie als Bauherr“  von 1960 weist Thomas Kaup auf die besondere Verantwortung des Staates als Bauherr hin und betont die nationale und internationale Bedeutung der Architektur in der Hauptstadt. Abschließend werden eine transparente Programmdiskussion und die Ausschreibung eines offenen städtebaulichen Wettbewerbs für den Spreebogen gefordert. Sollten sich die verantwortlich Handelnden darauf einlassen, könnte so – im Herzen der Republik – nicht nur eine städtebauliche Wunde geheilt, sondern auch noch ein Lehrstück für Stadt- und Architekturentwicklung geschrieben werden.

David Kasparek

Fotos: David Kasparek

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