Buch der Woche: Bernhard Hermkes. Die Konstruktion der Form

Verflechtungen

Bernhard Hermkes ist als Architekt des Hamburger Großmarkts, als Planer des Berliner Ernst-Reuter-Platzes und zahlreicher weiterer Projekte ohne Zweifel einer der wichtigen Architekten der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Sein Einfluss auch auf heutige Architektengenerationen ist dabei auch wegen des von ihm entworfenen Hauses für die Architekturfakultät der TU Berlin nicht nur von theoretischer Natur.

Im Rahmen der Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs haben Hartmut Frank und Ullrich Schwarz im Verlag Dölling und Galitz nun das üppige Buch des Hamburger Architekturhistoriker Giacomo Calandra di Roccolino herausgegeben, das sich unter dem Titel „Bernhard Hermkes. Die Konstruktion der Form“ dem Werk des im Taunus geborenen Architekten annimmt.

Bernhard Hermkes und Gerhart Becker, HEW-Kraftwerk, Wedel 1958-1966, Maschinenhalle um 1965, Foto: Ursula Becker-Mosbach

Giacomo Calandra di Roccolino beleuchtet dezidiert alle Stationen des Architekten von Kindheit und Jugend an über Ausbildung hin zur beruflichen Praxis. So auch die Jahre zwischen 1935 und 1945, in denen Hermkes die Selbständigkeit an den Nagel hängt und sich – nach vergeblichen Wettbewerbsteilnahmen – an unterschiedlichen Stellen als angestellter Architekt bewirbt, so beispielsweise bei der Frankfurter I.G. Farben oder dem Heeresbauamt Oppeln in Schlesien. Aus dieser Zeit ist Hermkes Mitarbeit an mindestens drei Fabriken verbrieft, die für die Forstsetzung des Krieges von strategischer Bedeutung waren. Für Herbert Rimpl arbeitet er Teile der Heinkel-Werke in Oranienburg bei Berlin aus, im Büro von Wilhelm Wichtendahl war er an den Bayrischen Flugzeugwerken in Augsburg und Regensburg, sowie dem MAN-Motorenwerk nebst Vorfertigung in Hamburg beteiligt. Der Autor weist hier dezidiert die konkreten – und für das Gelingen der Projekte relevanten – Beteiligungen Hermkes nach, zeigt auch formale Parallelen zu anderen Bauten des Architekten bei gleichzeitiger Nicht-Verifizierbarkeit der Autorenschaft auf.

Bernhard Hermkes, IGA 1963, Farnhaus, Hamburg 1963, Foto: Ursula Becker-Mosbach

Da Bernhard Hermkes während des Regimes der Nationalsozialisten nicht selbständig tätig und nicht Mitglied der NSDAP war, fiel ihm der Wiedereinstieg ins Leben als freier Architekt nach Kriegsende relativ leicht, er wurde zudem von den britischen Besatzungskräften mit der Reorganisation des BDA Hamburg betraut. Bereits im Sommer 1945 wird der Architekt aus US-amerikanischer Gefangenschaft wieder freigelassen – auch wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen. Dem Autor gelingt hier der Spagat zwischen der Vermeidung einer moralischen Wertung des Handelns des Architekten bei gleichzeitiger Nennung der Faktenlage. So hat Hermkes in den 1980er Jahren zwar einige Interviews zu seiner Tätigkeit im sogenannten „Dritten Reich“ gegeben, eine Verantwortung für sein fraglos relevantes Mittun an Industriebauten für die Kriegsproduktion nie wirklich übernommen. Das Zitat „Wenn der eine davor zurückschreckt, solche Bauten durchzuführen, dann macht es ein anderer“ zeugt von der Haltung Hermkes und wird auch im Buch angeführt. Bernhard Hermkes hatte es im Gespräch mit Ulrich Höhns und Olaf Bartels auf die Frage, ob es Aufträge gebe, die Architekten aus politischen Gründen ablehnen sollten, fallen lassen.

Bernhard Hermkes, Grindel-Hochhäuser (Block 1 und 4) nach der Fertigstellung, Hamburg 1950, Foto: Ernst Scheel, © Petra Vorreiter

So bleibt die Einordnung in ein moralisches Koordinatensystem den Leserinnen und Lesern vorbehalten. Auch die Verflechtungen in der Nachkriegszeit benennt Giacomo Calandra di Roccolino, fokussiert schließlich aber auf die architektonische Tätigkeit beim Wiederaufbau Hamburgs. Hier fungierte Hermkes als Sprecher der Architektengruppe, die die Bebauung am Grindelberg entwarf, realisierte selbst zwei der Hochhäuser und die Wäscherei.

Das Buch wartet hier – wie eigentlich bei allen anderen Projekten auch – mit einer Vielzahl von Abbildungen auf, die in der Tat bemerkenswert ist. Historische Aufnahmen werden wahlweise aktuellen Fotos gegenüber gestellt oder mit Planzeichnungen kombiniert. Gerade die teils großformatigen Planabbildungen entwickeln einen eigenen Reiz, zumal die gezeigte Spanne von städtebaulichen Planungen über Entwurfszeichnungen und Grundrissen bis hin zu Details reicht.

Bernhard Hermkes, Auditorium Maximum der Universität Hamburg, Hamburg 1959-1959, Foto: Ernst Scheel, © Petra Vorreiter

Die Stärke der Publikation liegt dabei darin, dass sie sich nicht einfach nur auf die bekannten Hauptwerke stützt, sondern auch kleinere und weniger bekannte Bauten ins rechte Licht rückt. Etwa die wunderbaren Pflanzenschauhäuser der Internationalen Gartenausstellung 1963 in Hamburg mit ihrer außenliegenden Tragstruktur. Oder das eigene Wohn- und Atelierhaus in Klein Flottbek mit detaillierter Gartenplanung und eigenen Entwürfen bis hin zum Sofatisch.

Doch auch die sogenannten Hauptwerke kommen nicht zu kurz. Die Bauten am Ernst-Reuter-Platz, der Hamburger Großmarkt, die Grindel-Hochhäuser, diverse Brückenbauten oder das Audimax der Hamburger Universität bekommen den Platz eingeräumt, der ihnen zusteht. Ein umfangreiches Werkverzeichnis schließlich rundet das Buch neben dem üblichen Apparat aus Quellen, Literatur- und Personenverzeichnis ab. Dafür hat Calandra di Roccolino den Nachlass von Bernhard Hermkes um von ihm benannte Werke, die in dessen Zeit als angestellter Architekt entstanden– beispielsweise während des Zweiten Weltkriegs –, ergänzt.

David Kasparek

Giacomo Calandra di Roccolino: Bernhard Hermkes. Die Konstruktion der Form, Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, Bd. 36, hrsgg. von Hartmut Frank und Ullrich Schwarz, 400 S., 500 Abb., 49,90 Euro, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2018, ISBN 978-3-86218-095-0

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