kritischer raum

Ein Herz für Eltern

Das Ronald-Mc-Donald-Elternhaus in Sankt Augustin von GRAFT, 2012–2014

Ein Krankenhausareal wie viele andere auch. Zwischen neuen Mehrfamilienhausquartieren von der Stange, ausdruckslosen Bürobauten einer Hochschule, im Übergang zu einer von allen Seiten attackierten Auenlandschaft: Hier, in Sankt Augustin bei Bonn liegt die Asklepius-Kinderklinik mit dem deutschen Kinderherzzentrum. Im Krankenhaus werden Kinder mit schweren und pflegeintensiven Leiden behandelt: Herzkrankheiten, Krebs, orthopädische Erkrankungen, Keim- und Viruserkrankungen und Frühgeburten gehören dazu. Gerade bei langwierigen Behandlungen ist es unabdingbar, dass die Eltern des kranken Kindes intensiv in die Betreuung einbezogen werden. Der familienzentrierte Ansatz schafft Linderung: Nichts gibt den kleinen Patienten mehr Vertrauen und Sicherheit als die Gegenwart der Mutter und des Vaters. Den Eltern wiederum gibt die Nähe zu ihrem kranken Kind auch in schweren Fällen das Gefühl, etwas tun zu können, da zu sein, wenn es nötig ist. Damit das möglich ist, gibt es eine gesetzliche Vorschrift, die bestimmt, dass Krankenhäuser mindestens einer Person die kontinuierliche Anwesenheit beim Kind ermöglichen müssen. Meistens bieten die Hospitäler Unterbringungsmöglichkeiten im Hause selber an.

Jenseits des Krankenhauses liegt an einem kleinen Hang eine riesige gebogene Skulptur, deren verglaste und durch Sonnenlamellen horizontal gegliederte Ansichtsseite schräg in die Luft ragt und dann mit einer bodennahen Biegung in ein hohes blockartiges Gebäude übergeht, das dem schräg ansteigenden Glaskörper wie eine Kulisse hinterlegt ist. Die Metallverkleidung des Dings reflektiert jetzt, am frühen Morgen, mit silbrigem Glanz das milchige Sonnenlicht des Winters. Unter die aufsteigende Front duckt sich ein gedrungenes Entrée, dessen Klingeltafel verrät, dass hier 24 Appartements besucht werden können.

Die Ronald-McDonald-Stiftung der bekannten Burger-Restaurantkette fördert ein anderes Modell der Elternunterbringung: Sie hat in deutschen Städten inzwischen 22 sogenannte Elternhäuser über Spendengelder finanziert, die so ähnlich wie boardinghouses funktionieren und auch bei Langzeitaufenthalten von Eltern einen angemessenen Aufenthalt ermöglichen. Das „Elternhaus“ in Sankt Augustin, das Thomas Willemeit, Wolfram Putz und Lars Krückeberg von GRAFT entworfen haben, ist eines der spektakulärsten der völlig unterschiedlichen Gästehäuser in Deutschland, deren Entwürfe unter anderem von Frank O. Gehry, Hadi Teherani und Friedensreich Hundertwasser stammen. Die Entscheidung für Standort und Unterstützung trifft die Stiftung nach Notwendigkeit: Wenn eine Klinik Bedarf für eine solches Haus hat, entscheidet eine Machbarkeitsstudie über den Bau, die unter anderem Fallzahlen und Einzugsbereich des Krankenhauses, Verweildauer der Patienten und die Verfügbarkeit eines Grundstücks prüft.

Der Entwurf eines „Ronald-McDonald-Elternhauses“ ist wahrscheinlich kein Projekt, dass man unternimmt, um viel Geld zu verdienen. Der charity-Gedanke der Stiftung gilt auch für den Entwurf. Das merkt man dem spektakulären Äußeren des Bauwerks allerdings nicht an, das GRAFT hier zwischen peripherer Provinz und rheinischem Landschaftsrest geplant haben. Die horizontal orientierten Fensterschlitze, die die sechsgeschossige Landschaftsseite des Baus perforieren, haben eine ordnende und strukturierende Wirkung. Sie erlauben keine Einsicht in die innere Einteilung, sondern geben dieser Seite der merkwürdigen Figur am Hang ein reliefartiges all-over. Seitlich und auf der anderen Seite des Baus verlassen die Schlitze die Horizontale und folgen à la Libeskind der schräg ansteigenden Dachlinie des vorgelagerten Glaskörpers.

Die „Elternhäuser“ der Stiftung sollen den Angehörigen der kranken Kinder einen preiswerten Aufenthalt ermöglichen: 22,50 Euro kostet eine Nacht in einem der Apartments in denen bis zu vier Personen unterkommen. Im Gegensatz zur Unterbringung in der Klinik sollen die Eltern in den Gästehäusern gezielt Abstand vom Krankenhausalltag finden: Das soll vor allem architektonisch bewirkt werden. Den Häusern fehlt alles Klinische, vielmehr wird hier Wert auf Gemeinschaft, Entspannung und die Möglichkeit zum Rückzug gelegt.

Der flache und wenig akzentuierte Eingang ins „Elternhaus“ von GRAFT ist wie ein Mauseloch. Hat man das Gebäude jedoch betreten, eröffnet sich neben dem Empfang zur Linken rechts eine große, hohe Halle, das Herzstück der Anlage. In der Mitte des Saals steht eine lange imposante Tischreihe – fraglos der Mittelpunkt des Raums –, links zieht sich ein genauso langer Tresen die Wand entlang, an dem mehrere Kochgelegenheiten und, links anschließend, Wasch-saal, Vorratsräume und Kühlräume die Möglichkeit zur Selbstversorgung der Familien sicherstellen. Rechts erhebt sich längs der verglasten Fassade eine terrassierte Rampe, die bis ins erste Obergeschoss geführt und durch die entsprechenden Utensilien unübersehbar als Spielzone gedacht ist. Hier finden sich trotz aller Kargheit der Mittel die von GRAFT gewohnte Raumdynamik, der typische Materialwechsel und der offensive Umgang mit dem Licht, der der Speisehalle als einem neuen, fast symbolisch gegliederten Raumtyp Helligkeit und Weite gibt.

Der Betrieb des Hauses wird durch einige hauptamtliche und fast zwanzig ehrenamtliche Mitarbeiter aus der Umgebung in Gang gehalten. Immer dienstags gibt es für die bis zu 24 Familien ein gemeinsames Frühstück, immer donnerstags wird abends ein dreigängiges Menu gekocht. Einmal im Jahr feiert das Haus ein großes Sommerfest mit Spielen und Barbecue. Ansonsten können sich die Angehörigen fast wie zu Hause fühlen und ihren eigenen Lebensgewohnheiten nachgehen. Viele Eltern befreunden sich untereinander, manche bleiben mehrere Monate, manche sogar Jahre und beschreiben ihre Erfahrungen von Mitgefühl, Solidarität und Gemeinsamkeit im „Elternhaus“ als durchweg positiv.

Die Spielterrassen führen zu einem Gang, an dem ein Raum für die Ehrenamtlichen und ihre Fortbildung und zwei Wohnzimmer für die Gastfamilien mit TVs, Kicker und Literatur liegen. Von hier aus kann man ebenerdig auf eine höher gelegene, begrünte Spiel- und Sonnenterrasse treten, die sich – stellenweise beeinträchtig durch die Umgebungsarchitektur – in die Landschaft öffnet. Schließlich führt ein schlichtes Treppenhaus in die oberen Geschosse: Jeweils vier Appartements kleineren Zuschnitts und ein weiteres größeres Wohnkompartiment mit barrierefreier Erschließung sind einhüftig an den Stockwerksgängen angelegt. Die Einrichtung erscheint zweckmäßig, freundlich und ausreichend für das nötige Maß an Behaglichkeit, dass man braucht, um sich an einem Ort zuhause zu fühlen. Ob die Lichtschlitze der Landschaftsfassade den Wohnräumen die richtige Belichtung zu geben vermögen und ob die großflächig geöffnete Speisehalle nicht auf dieser Seite hätte liegen können, mag dahingestellt sein. So wie vieles andere der Ausstattung und der teilweise nachlässigen Detailbehandlung auch, was dem geringen Budget und den Anforderungen einer kontinuierlichen und intensiven Nutzung geschuldet ist.

Einzig stellt sich bei einer kritischen Betrachtung nämlich nur die Frage, ob die skulpturale Großform des „Elternhauses“ der Berliner Architekten eine Entsprechung zu seinem Zweck hat. Der Mauseloch-Eingang, die große, zeichenhafte Öffnung der Halle, die Spielterrassen erweisen sich trotz ersten Zweifels als Elemente einer Raumfolge, die die Biegefigur des Baukörpers erklärt. Diese räumliche Geste, umschließt die Bewegung der Gäste vom Eingang durch die Koch- und Speisehalle und die Spielterrassen zum Zimmertrakt. Die Skulptur stellt ihre formale Sonderung äußerlich ostentativ gegen die alltäglichen und banalen Formen der Umgebung, Die Raumkonzeption mit ihren neuen typologischen Ideen löst die Familien aus der mitunter bitteren Realität des Krankenhauses zugunsten der Erfahrung von Gemeinschaft und Trost und eröffnet ihnen die Möglichkeit zum Erlebnis anderer Facetten des Lebens. Das ist die große Hilfestellung, die GRAFTs Entwurf des „Elternhauses“ in Sankt Augustin gibt und die formale Fragestellungen in den Hintergrund treten lässt.

Andreas Denk

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