kritischer raum

Aussicht auf Arbeit

Das Spenner-Forum in Erwitte von Schilling Architekten, Köln, 2014 – 2016

Erwitte liegt in der Hellwegbörde der südöstlichen Westfälischen Bucht. Die größere Kleinstadt liegt im Dreieck von Soest, Lippstadt und Paderborn. Das größte Glück des flachen Landes ist der hier anstehende Kalkmergel, der gleich mehreren Zementwerken als Grundlage für ihre Produktion dient. Dirk Spenner, einer dieser Hersteller, plante in unmittelbarer Nachbarschaft seines beeindruckenden Zementwerks einen neuen Verwaltungsbau. Im Rahmen eines auf wenige Büros beschränkten Wettbewerbs stellte sich 2011 der Vorschlag des Kölners Johannes Schilling als am besten geeignet heraus.

Schilling Architekten, Spenner Forum, Erwitte 2014 – 2016, Fotos: Christian Richters, Veit Landwehr

Das Grundstück, auf dem der Neubau entstehen sollte, liegt am Rande eines aufgelassenen, renaturierten und danach zum „Schwarzen See“ gewordenen Teil eines Steinbruchs, aus dem die Zementwerke, die sich südlich der Stadt Erwitte hintereinander aufreihen, ihr Material beziehen. Schilling schlug vor, das geforderte Raumvolumen in einem zweigeschossigen, horizontal orientierten Gebäude unterzubringen, das sich der flachen Landschaft einordnet.

Schilling Architekten, Spenner Forum, Erwitte 2014 – 2016, Fotos: Christian Richters, Veit Landwehr

Die horizontale Lagerung erschließt sich am besten bei der Annäherung an das Gebäude. An einer großen Freifläche vorbei, die – trotz einer Tiefgarage unter dem Neubau – als Parkplatz dient, schreitet der Besucher auf das an der Nordseite im Erdgeschoss offene, an der Ecke zurückgesetzte Gebäude zu, dessen Seiten durch Fensterbänder gegliedert sind, die dem Sichtbetonbau eine gewisse kühle Eleganz verleihen. Drei niedrige Stufen und eine flankierende flache Rampe führen auf die Terrasse, die unter dem Obergeschoss hindurch zum Haupteingang des Gebäudes leitet, das im Hof ebenfalls durch rundumlaufende Fensterbänder in beiden Geschossen geöffnet und rhythmisiert wird. Der Blick auf diese sorgfältig gestaltete Räumlichkeit mit ihren perspektivisch wirksam hintereinander gelegten Wandebenen gibt den würdigen Auftakt zum Eintritt in das Gebäude. Dieser Eindruck gedanklicher Sorgfalt setzt sich im Atrium fort: Der Architekt hat bei der Terrassengestaltung im Bodenbelag auf große gegossene Betonplatten zurückgegriffen, wie sie im benachbarten Zementwerk für die Erschließungsstraßen verwendet werden, auf denen große LKWs kursieren. Felsfragmente und ein naturähnlicher Bewuchs im Hof verweisen weiterhin auf den hinter dem Gebäude liegenden Steinbruch und damit auf den Ursprung des Werkstoffs, der hier zur Anwendung gekommen ist.

Schilling Architekten, Spenner Forum, Erwitte 2014 – 2016, Fotos: Christian Richters, Veit Landwehr

Am Ende des offenen Atriums erschließt ein gläserner Windfang die Raumfolge des Gebäudes. Vor einem Panoramafenster, das den Bau nach Süden zum „Schwarzen See“ öffnet, liegt der größte Raum des Verwaltungsbaus, der den Empfangstresen und einen großzügig gestalteten Warte- und Ruhebereich aufnimmt. Ihm schließt sich rechter Hand ein zweigeschossiger Vortragssaal an, der vermittels variabler Wände auch als Erweiterung des Entrées dienen

Schilling Architekten, Spenner Forum, Erwitte 2014 – 2016, Fotos: Christian Richters, Veit Landwehr

kann, das durch freistehende Stützen im Raster sinnfällig strukturiert wird. Im anschließenden Westflügel sind ein Sanitärblock, ein kleiner Konferenzraum und die Garderobe untergebracht. Zwei weitere Konferenzräume leiten auf der anderen Seite des Empfangstresens zum Ostflügel über, in dem die Büroräume der Vertriebsabteilung untergebracht sind, die den größten Publikumsverkehr haben. Ein Treppenhaus im Zwickel zwischen Flügel und Hauptraum führt zum ersten Obergeschoss, das ringförmig erschlossen ist. Die Nachteile der Erschließung durch einen Mittelgang wiegt die fast durchgehende Verglasung der Büros wieder auf, die manchen Mitarbeiterwünschen zum Trotz einen Durchblick von einer Seite zur anderen und damit größtmögliche Transparenz und Helligkeit bewirkt. Auch hier fällt die einfache, aber sehr sorgfältige Ausstattung der Räumlichkeiten auf, die durch das „Clean-Desk“-Gebot, das in den Arbeitsräumen gilt, zweifellos unterstützt wird. Statt des Parketts im Erdgeschoss ist im Bürogeschoss ein grauer Teppichboden zum Einsatz gekommen, der mit den sorgfältig gearbeiteten Betonoberflächen einen subtilen Farbkontrast erzielt. Im Südosten liegt – angrenzend an das Chefbüro – eine offene Loggia, von der aus ein Rundumblick nach Süden möglich wird.

Schilling Architekten, Spenner Forum, Erwitte 2014 – 2016, Fotos: Christian Richters, Veit Landwehr

Diese Blickbeziehungen geben dem Spenner-Forum seine eigentliche Bedeutung. Die sorgfältige, bis ins Detail stimmige Ausführung des Baus, die Anordnung der Räume, die trotz immer gleichen oder ähnlichen Größen abwechslungsreich und freundlich erscheinen, sind die gestalterischen Vorzüge, die der Architekt der Bauaufgabe abringen konnte. Zu mehr als zum schönen Gebrauch eignet sich der Bau jedoch durch seine genau definierten Beziehungen der Innenräume zu ihrer Umgebung. So liegt der Effekt der Erweiterung des Foyers durch den Vortragssaal nicht nur in der funktionalen binnenräumlichen Erweiterung: Vielmehr erweitert sich damit das Panorama des Entrées auf die gesamte Silhouette des gesamten Zementwerks. Ähnliche Doppelfunktion hat auch das große Fenster des Vortragsaals, das als Bildfenster den großen Drehofen des Zementwerks rahmt. Auf den anderen Seiten werden – insbesondere vom Obergeschoss aus – die Silhouette der Stadt Erwitte und die umgebende Landschaft mit einem weiteren Zementwerk im Hintergrund sichtbar. Der Höhepunkt dieser ikonographischen Orientierung des Baus, die ihn in seiner Umgebung verankert, ist sicherlich der Blick von der Loggia, der den „Schwarzen See“, die Abbruchkante des Steinbruchs und die Anlagen der Spenner-Werke erfasst. Industrielle Landschaft und Werksanlagen ergänzen sich hier zu einem nahezu surrealistischen Gemälde mit der pittoresken Wirkung des ruinösen Hügels von Pompeji. Dirk Spenner bekundet, dass ihm ein authentisches Gebäude am Herzen lag, in dem sich Kunden, Mitarbeiter der Verwaltung und des Zementwerks gleichermaßen wohl fühlen können. Johannes Schilling und seinem Büro ist mit einigen wenigen rhetorischen Mitteln ein Bau geglückt, der den Wunsch des Bauherrn auch auf einer symbolischen Ebene einlöst, indem er Bilder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ins Bewusstsein rückt.

Andreas Denk

Das Spenner-Forum hat bei der Auszeichnung Guter Bauten des BDA-Landesverbandes NRW 2018 eine Auszeichnung erhalten (siehe S. 74-75)

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