kritischer raum

Vier Elemente, veredelt

Die James-Simon-Galerie in Berlin von David Chipperfield Architects Berlin, 1994 – 2019

Berliner Projekte dauern lange. Auch die Planungsgeschichte des Eingangsbauwerks des Neuen Museums und des Pergamonmuseums ist ein eigenes Kapitel der hauptstädtischen Architekturgeschichte. David Chipperfield hatte im Wettbewerb um die Erneuerung des Neuen Museums und dem Entwurf einer Verbindung der beiden Museen 1994 den zweiten Rang hinter Giorgio Grassi errungen. Im weiteren Verlauf der Planung erlangte Chipperfield durch mehrere Überarbeitungen 1997 die Oberhand. In den folgenden Jahren entwickelte das Büro die Auf- und Ausbaupläne für das Neue Museum, federführend einen Masterplan für die Museumsinsel und den Entwurf für ein Eingangsbauwerk im Zwickel der beiden Museen.

Der Entwurf des Büros geriet allerdings ab 2006 unter die Räder der denkmalpflegerischen und der veröffentlichten Meinung. Insbesondere fürchtete man angesichts des massiv wirkenden Baukörpers um die Wirkung der historischen Nachbarschaften, die seit 1999 zum Weltkulturerbe gehören. Chipperfield musste seinen Entwurf revidieren. Mitte 2007 legte das Büro mit Alexander Schwarz als Projektleiter einen neuen Entwurf vor, der ab 2009 ausgeführt wurde. Im Juli 2019 schließlich wurde die nach dem Berliner Mäzen James Simon benannte Galerie eröffnet.

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

Im Gegensatz zum ersten Entwurf, der sich aus eigenständigen, durchsichtigen Glaskuben zusammensetzte, veränderte Chipperfield beim zweiten Entwurf die Konzeption des Baus, der von nun an nicht mehr eigenständig war, sondern sich den Museen anordnen sollte. Nach dem Wunsch des Generaldirektors der Staatlichen Museen Berlin, Klaus-Peter Schuster, bekam das Gebäude zudem eine tempelhafte Anmutung, wie es der preußische König Friedrich Wilhelm IV. um 1840 in einer Zeichnung für eine „Freistatt der Künste und Wissenschaften“ an dieser Stelle skizziert hatte.

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

Diese Anmutung nimmt das Bauwerk am eindrücklichsten an seiner Eingangsseite auf. Sockel, Kolonnade, Freitreppe und Portikus – diese vier konstruktiv-funktionalen Elemente haben Chipperfield und Schwarz verwendet, um die Funktionen eines Besucherzentrums und eines Verteilers durch eine komplexe räumliche Komposition zu verbinden. Von Schinkels Altem Museum gelangt man über mehrere Stufen auf das Niveau der Eisernen Brücke an der Bodestraße, an der das Neue Museum liegt. Eine breite Freitreppe führt hier auf den als großes Betonportal gebildeten Eingang zu. Links wird die erhaben wirkende Treppenflucht durch den auf hohem Sockel vorspringenden, mit einer filigranen, eng gestellten Stützenfolge gegliederten Restaurantteil des Gebäudes gerahmt. Rechts löst sich die Treppenwange in eine niedrigere Kolonnade auf, die zu Stülers Neuem Museum und dessen straßenseitiger Kolonnade überleitet. Zugleich eröffnet sie den Zugang zum Hof, den die Architekten mit dem Neubau und den angrenzenden Fassaden von Neuem Museum und Pergamonmuseum gebildet haben. Die parallel zum Pergamonmuseum geführte Kolonnade, die vom Hof aus den Einblick in die Tiefgeschosse des Bauwerks ermöglicht, zieht sich hinter dem Stüler-Bau bis zu dessen spreeseitig vorgelagerten Stützengängen und spannt den Raum des neuen Hofes so in das architektonisch-räumliche Geflecht der Museumsinsel ein. Dennoch ist der rückwärtige Teil des Hofs der schwächste der Anlage, weil hier die Brücke, die die Besucher zum Pergamonmuseum transportiert, mehr oder weniger in der Luft hängt und zudem der Lastenaufzug untergebracht werden musste. Der Eindruck des Hinterhofs war offensichtlich nicht ganz zu vermeiden.

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

Vom Kupfergraben aus baut sich das Gebäude auf einem hohen Sockel auf, der sich mit zwei großen Belichtungsöffnungen zum Kanal hin öffnet. Auf dem Sockel setzt die umlaufende hohe Kolonnade auf, die sich auf dieser Seite über die gesamte Länge des Gebäudes bis zur Bodestraße zieht. Eine der Sockelwand einbeschriebene Treppe ermöglicht einen Zugang von der Terrasse, die der Kolonnade ein- und vorgelegt ist, zu einem knapp oberhalb der Wasserlinie gelegenen Steg. Die Kupfergrabenfassade ist vielleicht das größte Problem des Neubaus. Statt einer tiefenräumlich wirksamen Inszenierung der beiden benachbarten Museen haben die Architekten die Situation mit einem langen Riegel verstellt, der zwar zweifelsohne die Kategorie des Erhabenen erfüllt, aber mit einer größeren Unterteilung in der Längserstreckung und einem weniger flächig wirkenden Sockelgeschoss zugunsten größerer stadträumlich Tiefe weniger monumental hätte ausfallen dürfen.

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

Die Kupfergraben-Kolonnaden säumen die eindrucksvollste Raumflucht des Bauwerks, die sich beim Aufstieg über die Freitreppe an der Eisernen Brücke ergibt: Nach dem Durchschreiten des großen Windfangs des Haupteingangs gelangt man zum großen Foyer und zum Informationsschalter, dessen kubischer Raum fast monumentale Wirkung erzielt. Längs der Kupfergrabenseite liegt das Restaurant mit einer Terrasse unter den Kolonnaden, die den Übergang zum Pergamon-Museum begleiten, dessen Sammlungsräume schon vom Chipperfield-Bau aus enfiladenartig einsehbar sind.
Räumlich wirkungsvoll eingesetzte Treppenläufe führen in die Geschosse darunter: Ins Geschoss zu ebener Erde gelangt man vom unteren Foyer, das auch vom Hof aus zugänglich ist und zum großen Auditorium. Parallel zum Restaurant erstreckt sich der wie alle Funktionsräume gänzlich in Nussbaum ausgestattete, kostbar wirkende Museumsshop und die Garderoben. Ein Geschoss tiefer sind Technikräume und ein Sonderausstellungssaal eingebaut. Besucher können hier die archäologische Promenade beschreiten, die die während der Bauzeit ausgegrabenen Befunde und Funde ausstellt und die Verbindung zum Neuen Museum herstellt.

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

David Chipperfield Architects Berlin, James-Simon-Galerie, Berlin 1994 – 2019, Foto: Simon Menges, Ute Zscharnt

Die sehr präzise Ausführung des Baus in hellgrauem Beton, der nur im Eingangsbereich durch die Verwendung von weißem Marmor variiert wird, überhöht die Wirkung des Gebäudes im Zusammenklang mit den engen Pfeilerstellungen fast ins Ephemere – mit einer Eleganz, die Messels massiv-steinernes Pergamonmuseum auch nach seiner Restaurierung nie haben wird. Selbst Stülers leichter wirkender Bau kommt da nicht mit. Vielleicht ist es dieser Bruch mit dem Milieu, was zum Schluss irritiert: Die James-Simon-Galerie ist in sich stimmig und schön, ein Bau, der trotz seiner historischen Anleihen seine unbedingte Zeitgenossenschaft kundtut. Aber er ist für seine burschikoseren Nachbarn, für seine Umgebung, ist für Berlin vielleicht eine Spur zu edel.
Andreas Denk

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