kritischer raum

Rauten im Licht

Neubau der Kirche St. Peter und Paul im Erzbischöflichen Priesterseminar Paderborn von Bieling Architekten, Kassel, 2017

Das Priesterseminar und die unmittelbar benachbarte katholische Hochschule in der Bischofsstadt Paderborn waren bis vor kurzem Ausbildungsstätten, denen man am baulichen Bestand anmerken konnte, dass eine Reform nottut. Immerhin müssen hier Seelsorger mitunter acht Jahre Ausbildung, darunter ein zehnsemestriges Theologiestudium hinter sich bringen.

Mit Thomas Bieling fand die Diözese einen Architekten, der sowohl die Hochschule wie auch die Ausbildungsstätte der Geistlichen nicht nur räumlich erweitern konnte, sondern die neuen Räume in beiden Institutionen auch mit einer anderen, frischer wirkenden Atmosphäre zu beseelen wusste. Den Rest jenes altväterlichen Muffs hat der Kasseler Architekt mit dem Neubau der Seminarkapelle ausgekehrt, deren Offenheit und Helligkeit einen ganz anderen Geist atmet als die Vorgängerkirche im Altbau, der 1931 als Leokonvikt nach Plänen des damaligen Diözesanbaumeisters Kurt Matern gebaut wurde.

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Der Bau liegt als längs den Baufluchten gelagerter Quader zwischen Bielings neuem Trakt und dem südlichen Altbauflügel des Seminargebäudes. Schon der Zugang über eine flache Treppenanlage, die zu einem verglasten, hellen Foyer in einem Flachbau zwischen den bis auf fünf Geschosse ansteigenden Backsteinbauten der Nachbargebäude führt, erscheint als Verbesserung. Das Foyer bildet mit einer steinernen Bank und einer mittig davor platzierten kubischen Weihwasserschale, die aus einem steinernen Quader herausgearbeitet ist, den Auftakt eines Wegraums. Er führt von hier durch die Kapelle bis zum jenseits des Gotteshauses gelegenen Gartenhof. Markiert wird dieser Weg durch einen breiten Streifen sorgfältig gebeilter Bodenplatten aus Dietfurter Sandstein. Die Struktur dieser Fläche hebt sich mit seiner Struktur wie ein Teppich von den seitlichen geschliffenen Platten in Foyer und Kapelle ab.

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Sechs hohe, in hellem Eschenholz ausgeführte Portaltüren eröffnen den eigentlichen Kirchenraum. Die Portale können parallel zur Erstreckung des Raums um 90 Grad gedreht werden, um gegebenenfalls den sakralen Raum ins Foyer zu erweitern. Der Eintritt in den hohen Kirchenraum überrascht. Vom Niedrigen des Entree und unter der Orgelempore hindurch gelangt man hier ins Hohe, fast Offene, von der noch etwas diffusen Zone des Eingangs in einen Raum der gleißenden Helligkeit, vom Einfachen ins Schlichte und zugleich Reiche. Der Blick fällt zunächst auf den hohen hochrecht­eckigen Einbau, der wie die Paraphrase einer Ikonostase den westlichen Raumabschluss des Gottesdienstraums bildet. Mittig sind in einer Linie zum Weihwasserbecken Ambo und Altar im Raum aufgestellt. Das Allerheiligste befindet sich in einer mit Metalltüren verschlossenen Nische in der hoch aufragenden steinernen Wand, die sich direkt hinter dem Altar in gleicher Materialität aus dem scharrierten Steinteppich entwickelt.

Die vertikale Aufreihung der Prinzipalstücke wird begleitet durch zwei hellhölzerne Sitzbankreihen an den Seitenwänden, denen Reihen von Stühlen mit geflochtenen Sitzflächen und Kniebänke vorgelagert sind. Die weiß geputzte Sockelzone der Wände geht in etwas weniger als halber Höhe in filigrane Lamellenflächen aus Esche über, die so mit Balken hinterfangen sind, dass ein Rautenmuster schwach durch die Lattung sichtbar wird. Dieses Motiv setzt sich bei der Gestaltung der Decke und dem rückwärtigen Raumanschluss fort. Im Osten verbirgt es die Orgel, deren Spieltisch neben dem Eingang in eine verschließbare Nische eingebaut ist.

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Beim Nähertreten erweist sich die hochrechteckige Wand als seitlich offener Quader. Zwei hohe Türen öffnen sich zu beiden Seiten in die Gänge des Konvikts und ermöglichen einen diskreten Zugang zum Raum im Innern des Quaders. Hier nimmt eine Nische auf der östlichen Seite eine Christusfigur mit Segensgestus auf. Zwei hölzerne Sessel, wie das gesamte Mobiliar nach Entwürfen der Architekten gefertigt, zeigen an, dass hier ein stilles Gebet oder eine Beichte stattfinden kann. Licht erhält der Raum durch die unregelmäßig im Westen in die Altarwand eingetragenen Lichtschlitze und durch die ganz ähnlich gestaltete Decke des hohen, schalldicht verschließbaren Gevierts. Auf der Rückseite des Einbaus ist eine weitere Nische eingebracht, die eine spätgotische Pietá birgt. Ihr steht eine hochgeschlossene Sitzbank für Vier für Andacht und Gebet gegenüber. Dahinter öffnet sich der Raum mit Tür und Fenster auf einen Gartenhof, der die gleiche Fläche wie die Kapelle hat. Der Hof wiederum ist mit einer Reihe von steinernen Quadern belegt, die ähnlich frei wie die Lichtschlitze des Quaders im Innern zufällig, aber harmonisch komponiert wirken. Sie laden zum Sitzen oder mit ihrem fast buddhistischen Elementarismus zur Kontemplation ein.

Die originelle räumliche Sequenz reicht vom gemeinsamen Gottesdienstraum über die Beichtgelegenheit im Innern des wandbildenden Quaders, über den Andachtsraum bis zur Möglichkeit zum Aufenthalt im Freien am Ende der Raumfolge. Diese Raumfolge bietet verschiedenen, unterschiedlich öffentlichen oder privaten Formen von Andacht und Glaubensausübung Platz und ist sicherlich eine der interessantesten und sinnreichsten Entwicklungen im Kirchenbau der letzten Jahre.

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Bieling Architekten, Kirche St. Peter und Paul, Erzbischöfliches Priesterseminar, Paderborn 2017, Foto: Benjamin Zweig

Neben der räumlichen Konzeption überzeugt der bis ins Detail präzise Umgang der Architekten mit dem Material: Im Rückblick auf die Hoffassade der Kapelle sieht man durch die vollständig verglaste Front das rautenförmige Muster der Balken, die die Holzspaliere tragen. Deren gestalterische Wirkung ist jedoch vor allem im Innenraum wirksam, wo sie bei Sonnenschein den gesamten Raum vereinnahmt: Dann werfen die rautenförmigen Balkenlagen hinter der Decken- und Oberlichtlattung ihre Schatten auf Boden, Wände, Bänke und Prinzipalien. Das sinnreiche ornamentale Lichtspiel, das durch eine rückwärtige LED-Beleuchtung auch bei Dunkelheit erlebt werden kann, ist das vielleicht Berührendste dieses hellen Ortes. In dem intim wirkenden öffentlichen Raum ist es das entscheidende Ingrediens, das der homogenen Wirkung des hellen Holzes und des fast gleichfarbigen Kalksteins eine außergewöhnliche Atmosphäre gibt.
Andreas Denk

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