Jörg H. Gleiter

Spur der Steine

Architektur als Dokument

Es gibt keine Gesellschaft, die ohne Formen der Erinnerung und des Gedächtnisses ist, so wie es keine Architektur gibt, die nicht Dokument ist. Das wurde 2019 beim Brand von Notre Dame in Paris wieder schmerzhaft sichtbar. Die Tragödie war ja, dass nicht ein Gebäude, sondern ein vielfältiges Dokument der französischen und europäischen Geschichte von der Zerstörung bedroht war. Die Ereignisse haben wieder die Frage nach der Architektur als Dokument aufgeworfen, gerade in einer Zeit, in der durch die digitalen Codes und der auf Festplatten gespeicherten Daten, fast unmerklich, sich der Dokumentcharakter der Architektur zu verändern beginnt.

Die digitale Speicherung von Daten ist etwas anderes als die von Hand gezogene Linie, die Figuren einer Zeichnung oder die materiellen Spuren, die der Alltag auf und in den Dingen hinterlässt. Vor der Frage, was sich verändert, ist aber die Frage zu stellen, was es denn heißt, dass die Architektur Dokument ist und nicht bloß Träger von Bedeutung oder Information. Was unterscheidet das „Dokumentsein“ der Architektur vom bloßen „Bedeutunghaben“?

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Dokumente haben immer etwas mit dem Material und seiner Oberfläche zu tun, auf die etwas gezeichnet wird, in die etwas eingeritzt oder die, wie die Schuhe auf den Treppenstufen, erst unmerklich, dann immer mehr verbraucht wird. Dokumentcharakter haben, da besteht kein Zweifel, die großen symbolischen Gebäude wie Kirchen, Theater, Museen oder Schlösser, vor allem aber auch Ruinen, antike oder selbst moderne Ruinen wie der Atombombendom in Hiroshima oder die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Es dominiert in ihnen das Dokumentsein über das Gebrauchtwerden. An den Ruinen fasziniert uns, dass sie Dokumente der Kräfte von Kultur und Natur sind. Sie dokumentieren ihre Entstehungszeit, aber auch die Verfallszeit, das gilt für eine Burg an der hessischen Bergstraße wie auch für die verwitterte Klinkerfassade eines Industriebaus des frühen 20. Jahrhunderts.

Wie aber halten wir es mit den Architekturen des Alltags wie Wohnhäuser, Plattenbauten, Tankstellen, Bushaltestellen oder Verkehrskanzeln wie die von Werner Düttmann am Kurfürstendamm in Berlin, mit Gebäuden also, die nicht von vornherein mit großen Gesten und hehren Bedeutungen aufgeladen sind. Auch sie sind Dokumente, vielleicht nicht sofort, aber werden dazu mit der Zeit. Das zeigt sich zum Beispiel an den lange ungeliebten Zeilenbauten des Wiederaufbauprogramms der 1950er Jahre. Denn je länger je mehr werden sie zu Dokumenten der Vorgeschichte von heute und der aktuellen Zeit, ohne die diese nicht verständlich würde. Dokumente haben nicht nur etwas mit der Dokumentation des Vergangenen zu tun, sondern sind traditionsbildend. Wo er sich an der Oberfläche festmacht, ist der Dokumentcharakter soviel wie das Kleid der Tradition, vielleicht auch die Verkleidung der Tradition.

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Müsste man aber nicht eher von einer dreifachen Konstellation des Dokumentcharakters der Architektur ausgehen, von (a) der symbolischen Dimension und (b) der Dimension der vergehenden Zeit, aber auch von (c) der persönlichen Dimension. Nämlich immer dort, wo der individuelle Gebrauch sich ins Material einschreibt wie bei den blank gewetzten Handläufen und Türknöpfen aus Messing und selbst bei den Graffitis der Soldaten der Roten Armee auf den Wänden des Reichstagsgebäudes. Die Gebrauchsspuren dokumentieren den Alltag, den Umgang und die lebensweltliche Aneignung der Architektur, während wiederum Schweißnähte, Schrauben und Nägel oder die Muster, die Schalbretter auf einer Betonwand hinterlassen, Dokumente dafür sind, wie das Gebäude gemacht ist. Jedes Gebäude dokumentiert quasi seine eigene Gebrauchs- und Entstehungsgeschichte.

Hier wird dann eine interessante Sache sichtbar. Je nachdem, wie der Architekt mit dem Dokumentcharakter des Bauprozesses umgeht – mit der Figur der Schalbretter, der Art des Verbundmauerwerks, dem Muster der Schrauben und der Fließen –, zeigt sich im Dokument die Sprache und das individuelle Ausdrucksvermögen des Architekten, man kann dazu auch Stil sagen. Stil ist Arbeit am Dokument. Denn man kann so oder so dokumentieren, es geht nicht nur darum, was, sondern auch wie man dokumentiert. Man kann einen Vertrag von Hand in Schreib- oder Sütterlinschrift oder Druckbuchstaben schreiben oder mit dem Computer in verschiedenen Fonts. Der Inhalt bleibt derselbe, aber was für einen Eindruck es macht, was darüber hinaus mit der sinnlichen Erscheinungsweise des Dokuments assoziiert werden kann, ist dann verschieden und keineswegs nebensächlich.

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Aber Dokumente sind nicht nur Resultate der Aufzeichnung von Handlungen und Bearbeitung von Material, sie haben selbst eine aktive und mobilisierende Seite. Von ihnen gehen Impulse aus, sie fordern uns auf, aktiv zu werden, wie zum Beispiel ein Vertrag zwischen Bauherr und Architekt, die beide nach der Unterzeichnung aktiv werden, anfangen zu entwerfen und Aufträge zu vergeben. Der italienische Philosoph Maurizio Ferraris hat für den aktiven Anteil an den Dokumenten den Begriff der Dokumentalität eingeführt. Dokumentalität heißt, wenn „die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit von Dokumenten abhängig (ist), sowohl von äußeren als auch von inneren“(1) (siehe S. 28-29). Die Dokumentalität beschreibt die Architektur als soziales und damit aktiv auf die Menschen wirkendes Objekt. Macht es nicht tatsächlich den Dokumentcharakter der großen Kathedralen und ihrer Freskenzyklen aus, dass sie über die Dokumentation einer Geschichte hinaus – biblische oder historische Geschichte – Impulsgeber sind und zu Handlung im Alltag auffordern, vielleicht gar dazu auffordern, das Leben zu ändern.

Was den Dokumentcharakter der Architektur betrifft, darauf gab Walter Benjamin einen wertvollen Hinweis, als er feststellte, dass das Glas „überhaupt der Feind des Geheimnisses“(2) sei (siehe S. 42-43). Wo es so hart ist und keine Spuren zu hinterlassen erlaubt, verweigert sich das Glas dem Dokumentcharakter, es verliert die Architektur ihre Aura. Erinnerungslos und ohne Bewusstsein für sich selbst, so Benjamin, zieht in der Glasarchitektur glitzernd und schimmernd das Leben spurlos vorbei, in seiner Transparenz ist es ohne Erinnerung. Heißt das im Umkehrschluss, dass die Aura Teil des Dokumentcharakters ist, dass also das Dokument nicht nur aus sichtbaren Spuren besteht sondern auch aus Wirkungen? Heißt das, dass immer dann, wenn sich die Architektur dem Dokumentcharakter verweigert, sie sich dem Leben entzieht?

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

Die Frage nach dem Dokumentcharakter stellt sich heute, nicht zuletzt auch angesichts der Flüchtigkeit der digitalen Zeichnungen. Andererseits bringen Dokumente nicht nur etwas zur Sichtbarkeit, sie verstecken auch etwas. Dokumente sind Teil des Rätselcharakters der kulturellen Artefakte. Das macht sie geheimnisvoll. Was also ist die Architektur als Dokument? Kann man es so definieren, dass im Dokument Material und Bedeutung oder, mit Ferraris, lebensweltlicher Realismus und Idealismus zu einer Einheit zusammengeschlossen sind? Viele Fragen drängen sich auf, nach der materiellen Seite, nach den Prozessen des Einschreibens ins Material, nach dem Dokument als Gedächtnis. Die aktuelle Ausgabe von der architekt möchte einige der Fragen beleuchten, dabei weniger Antworten geben als Zusammenhänge aufzeigen mit dem Ziel, das Bewusstsein für die Architektur als Dokument zu schärfen, besonders unter den Herausforderungen des Zeitalters der flüchtigen Zeichen. Der Architekt als Archivar der Kultur? Architektur als Archiv und Entwerfen als Archivarbeit, das ist keineswegs so abwegig, es ist mehr als einen Gedanken wert.

Prof. Dr.-Ing. habil., M. S. Jörg H. Gleiter, Mitglied des BDA, war von 2005 bis 2012 Professor für Ästhetik an der Fakultät für Design und Künste an der Freien Universität Bozen. Seit 2012 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Architekturtheorie an der TU Berlin. Jörg H. Gleiter ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, Herausgeber der Buchreihe Architektur-Denken im Transcript Verlag und Mitherausgeber der Internetzeitschrift für Theorie der Architektur Wolkenkuckucksheim.

Anmerkungen
1 Ferraris, Maurizio: Die Seele – ein iPad? Basel 2014, S. 110.
2 Benjamin, Walter: Erfahrung und Armut, in: Ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt / M. 1977, S. 294.

Titelbild: Adalbert Kelm / Kieler Kunst-Keramik AG, Marineviertel, Kiel 1926–1933, Foto: Rüdiger Stehn (via Wikimedia / CC BY-SA 2.0)

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