Obdachlosigkeit in der Stadt

Mittendrin außen vor

Obdachlosigkeit ist fester Teil der urbanen Realität, die sich Tag für Tag und in den Herzen der Städte abspielt. In Diskursen von Architektur und Stadt ist das Thema jedoch unterrepräsentiert – dass Menschen auf der Straße leben müssen, wird weitgehend als bedauerlicher, jedoch unüberwindbarer Umstand angesehen. Außerdem fehlt es an Wissen über die Lebensrealitäten obdachloser Menschen und ihre spezifischen Bedürfnisse – auch in Hinblick auf architektonische und städtische Räume. Diese Unkenntnis droht, bestehende Vorurteile fortzuschreiben.

Die nähere Beschäftigung mit dem Thema zeigt deutlich: Obdachlose Menschen erfahren einen Alltag, der von existentiellen Nöten und großer Isolation bestimmt ist; dieser Situation mit eigener Kraft zu entkommen, ist oft enorm schwierig. Doch zugleich bilden obdachlose Menschen mit ihren vielfältigen Hintergründen keine homogene Gruppe und benötigen unterschiedliche Formen der Unterstützung. Um dem notwendigen Perspektivwechsel auch in diesem Heft Ausdruck zu verleihen, sind im gesamten Thementeil Aussagen von Personen eingestreut, die obdachlos waren oder es noch immer sind. Es handelt sich um Auszüge aus Gesprächen, die die Redaktion und Studierende der Akademie der Bildenden Künste München im Vorfeld geführt haben.

„Bei vielen Menschen, die auf der Straße leben, ist die Vorstufe eine Depression. Und dann erst greifen sie meistens zu Suchtmitteln. So habe ich das damals auch gemacht. Du betäubst dein Leben und irgendwann glaubst du den Mist, den du dir vormachst: dass es schön ist, auf der Straße zu leben. Aber auf der Straße leben ist der letzte Mist. Von tausend Leuten sind vielleicht zwei dabei, die freiwillig auf die Straße gehen.“

Zwar wurde 1969 der sogenannte „Landstreicherparagraph” in der Bundesrepublik abgeschafft, der eine Person strafrechtlich verfolgte, wenn sie sich „mittellos und ohne festes Unterkommen in einer Weise umhertreibt, die geeignet ist, die Allgemeinheit oder einzelne andere zu beunruhigen oder zu belästigen”. Allerdings haben sich seitdem subtilere Formen des Ausschlusses herausgebildet, etwa Stadtmöbel und Objekte, die ein längeres Verweilen oder Übernachten in öffentlichen Räumen verhindern. Mit solchen Mitteln zielen Stadt, Architektur und Design bislang vornehmlich auf die Bekämpfung von Symptomen der Obdachlosigkeit. Das vorliegende Heft hingegen fragt nach systemischen Veränderungen und konkreten Maßnahmen, um denjenigen eine Chance zu geben, die durch alle Netze gefallen sind.

Leonie Gaiser / Jonas Rall, Installation „[un]sichtbar“, Außenbereich der Neuen Pinakothek, München 2020, Podest mit Nachbildung einer obdachlosen Person, ergänzt durch Soundinstallation mit Zitaten von Obdachlosen, Studierendenprojekt der Akademie der Bildenden Künste München, Leitung: Katja Knaus und Georg Brennecke, Foto: G. Brennecke

Denn eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Thema zeigt auch: Es gibt vielversprechende Ideen und Ansätze, obdachlosen Menschen Wohnraum bereitzustellen, in dem sie in Würde und Selbstbestimmung leben können. Architektur allein kann sicherlich das Problem der Obdachlosigkeit nicht lösen, doch sie kann dazu beitragen, mit Blick auf individuelle und gesamtgesellschaftliche Interessen gut funktionierende und bereichernde räumliche Lösungen zu entwickeln.

Vor kurzem wurden im EU-Parlament die europäischen Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden. Das Parlament betont, dass Wohnen ein grundlegendes Menschenrecht ist. Um jedoch dieses ambitionierte Ziel zu erreichen und Obdachlosigkeit tatsächlich zu überwinden, müssen unterschiedlichste Disziplinen mit vereinten Kräften an der Entwicklung und Umsetzung guter Konzepte arbeiten.
Elina Potratz, Maximilian Liesner

Dieser Text ist erschienen als Einleitung zu der architekt 2/21mittendrin außen vor. obdachlosigkeit in der stadt“.

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