Buch der Woche: Rudolf Schwarz

Monumentale Ordnung

Wie lässt sich christliche Sakralität und Spiritualität in moderne Architektur übersetzen? Der Architekt Rudolf Schwarz (1897-1961) lieferte mit seinen zahlreichen Kirchenbauten der 1930er bis 1960er Jahre einige maßgebliche Antworten zu dieser Frage. Unter dem Titel „Rudolf Schwarz and the Monumental Order of Things“, herausgegeben von Adam Caruso und Helen Thomas, ist eine englischsprachige, neue große Publikation zu dem wegweisenden Kirchenbaumeister erschienen, die sowohl eine Auswahl an Bauten als auch sein theoretisches Werk beleuchtet. Neben Beiträgen der Herausgeber enthält der Band Texte von Maria Conen, Wolfgang Pehnt, Maria Schwarz sowie Rudolf Schwarz.

Der in Straßburg aufgewachsene Sohn eines Gymnasialdirektors studierte während des Ersten Weltkriegs an der TH Berlin Architektur und war anschließend von 1919-1923 Meisterschüler von Hans Poelzig an der Berliner Akademie der Künste. In dieser Zeit lernte Schwarz zudem den zwölf Jahre älteren Theologen und Religionsphilosophen Romano Guardini kennen, der Zeit seines Lebens großen Einfluss auf sein Denken haben sollte. Verbunden waren die beiden dabei auch in ihrer Zugehörigkeit zu der katholischen Jugendbewegung Quickborn, für die Guardini eine Art geistlicher Anführer war und für die Schwarz die Innenräume im Hauptsitz Burg Rothenfels gestaltete.

Ab Ende der 1920er Jahre baute Schwarz Sakralbauten, unter anderem die im Buch besprochenen Kirchen St. Fronleichnam in Aachen (1928-1930) und St. Albertus Magnus in Kreuzau (1932). Die beiden, unter dem ersten Kapitel „Interwar Churches“ eingeordneten Bauten, deuten in gewisser Weise schon die ästhetische Bandbreite an, innerhalb derer Schwarz entwarf. St. Fronleichnam zeigt sich im Innern als gewaltige weiß-leuchtende Halle mit nackten glatten Wänden, die im Kontrast zum edlen Schwarz der Marmorausstattung steht. St. Albertus Magnus dagegen, eine kleine Dorfkapelle in der Nähe von Düren, errichtet aus rötlichem Bruchsteinmauerwerk, wurde im Innern über breite Glasflächen im Altarraum beleuchtet und von einer sichtbaren Holzkonstruktion getragen.

Nach dem Krieg wurde Rudolf Schwarz bis 1952 als Generalplaner für den Wiederaufbau von Köln eingesetzt und baute bis in die 1960er Jahre fast ausnahmslos weiter Kirchen. Zugleich setzte er auch seine theoretische Arbeit fort, im Zuge derer er schon seit Ende der 1920er offensiv gegen das Bauhaus argumentiert hatte. Er erwies sich dabei „als Kritiker an einer einseitig geometrisch-technizistischen Sicht der Moderne“(1), was 1953 in seinem provokanten Artikel „Bilde Künstler, rede nicht“ kulminierte und schließlich zu einem offenen Streit mit Walter Gropius führte (die sogenannte Bauhaus-Debatte 1953). Sein architektonisches Werk zeichnet sich durch ein bemerkenswert reiches Formenrepertoire aus – von den zylindrischen Bauvolumen von St. Andreas (1954-1957) bis hin zu gerasterten Betonstrukturen bei St. Antonius (1956-1959) und St. Franziskus (1954-1957), alle drei in Essen. Zu den im Buch verhandelten Werken gehören auch zwei seiner wenigen profanen Bauten, namentlich der Wiederaufbau der Festhalle Gürzenich in der Kölner Altstadt (1949-1955) sowie der Neubau des Wallraf-Richartz-Museums (heute Museum für Angewandte Kunst) in Köln (1951-1957), die in ihrer eigenwilligen Gestaltung aus ihrer Zeit herauszufallen scheinen. Aufgrund seiner antifunktionalistischen Haltung und der dennoch klaren, reduzierten und ausdrucksstarken Architektursprache wurde Schwarz schließlich die Rolle eines Vertreters einer „anderen Moderne“ zugesprochen. Drei Kapitel des 1997 erschienenen Werks „Rudolf Schwarz 1897-1961: Architekt einer anderen Moderne“ des Architekturhistorikers Wolfgang Pehnt wurden nun als bedeutender Beitrag der Rezeptionsgeschichte im Buch übernommen.

Während die erste Hälfte der Publikation mit Umgebungsplänen und farbigen Fotografien der Bauten von Hélène Binet ausgestattet ist, finden sich im zweiten Teil Auf- und Grundrisse sowie Erläuterungen der Projekte von Rudolf Schwarz selbst. Die Bildauswahl ist bei den meisten Projekten recht groß – nur vereinzelt, wie bei St. Albertus Magnus und St. Anna in Duisburg, vermisst man einen weitschweifenderen Blick in den Innenraum. Die Abbildungen wurden auf ungestrichenem Papier gedruckt, was der Bildqualität zumeist keinen Abbruch tut und mit der insgesamt sehr ansprechenden und zeitgemäßen Buchgestaltung des Designbüros Moiré harmoniert, jedoch einige Bilder mit hohem Schwarzanteil etwas blass erscheinen lässt.

Mit insgesamt neun vorgestellten Bauten stellt die Publikation mitnichten eine umfassende Werkmonographie dar, sondern konzentriert sich auf einige wenige beispielhafte und besonders aussagekräftige Architekturen. Diese Fokussierung scheint angesichts der großen Werkfülle von Schwarz angemessen und wird durch inhaltlichen Tiefgang in Text und Bild aufgewogen. Bedeutsam ist dabei auch, dass mit der neuen Publikation nicht nur ein sehens- und lesenswerter Beitrag zu Rudolf Schwarz entstanden ist, sondern zudem eine seit langem vorhandene Lücke in der englischsprachigen Architekturgeschichtsliteratur geschlossen wird.

Elina Potratz

Adam Caruso, Helen Thomas (Hrsg.): Rudolf Schwarz and the Monumental Order of Things, 334 S., 163 Abb. und Pläne, 85,– Euro, gta Verlag, Zürich 2016, ISBN 978-3-85676-362-6

Anmerkung
Winfried Nerdinger: Das Bauhaus zwischen Mythisierung und Kritik. In: Die Bauhaus-Debatte 1953. Dokumente einer verdrängten Kontroverse, hrsg. von Ulrich Conrads u.a. Braunschweig/Wiesbaden 1994, S.15.

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