neu im club

Die Sprache der Menschen

Stefan Schlicht, Architekt BDA, Schlicht Lamprecht Architekten, Schweinfurt

Schrott. Metalle unterschiedlichster Art und Farbe. Blankpoliertes hier, Rostiges dort. Kleinste Teile aus Stanzpressen, riesenhafte Ungetüme aus Stahl, deren Ursprung unergründlich scheint, alte rostige Heizungen, zerbröselnde Badewannen, verbogene Abluftschächte, zerschlissene Metallgewerke türmen sich zu solch hohen Bergen auf, dass es an ein Wunder grenzt, dass die Umfriedungen, die dieses Sammelsurium zusammenhalten, nicht längst in die Grätsche gegangen sind oder vorbeifahrende Lastwagen Lawinen auslösen, die alles in der Umgebung unter einer dicken Schicht metallischem Geröll begraben. Peter Heinlein läuft telefonierend zwischen diesen Bergen umher, gestikuliert, schaut kurz hoch und grüßt lachend. Als sein Telefonat beendet ist, kommt er strahlend auf uns zu. Heinlein ist Rohstoffhändler, Familienvater, Bauherr – und zufrieden. Es ist heiß in Schweinfurt an diesem Nachmittag im Spätsommer, die Sonne brennt. Zwischen den Metallbergen auf dem Asphalt beträgt die Temperatur deutlich über 40 Grad Celsius. „Mir fehlt noch ein Teil für meine Maschine“, erklärt Heinlein mit fränkischem Idiom. „Soll aber morgen kommen. Deswegen siehts hier so aus. Jetzt fahren wir eine Woche Doppelschicht, dann haben wir das wieder im Griff. Aber jetz is scho voll, gell.“

Lachend haut er Stefan Schlicht auf die Schulter: „Und ihr?“ fragt der Rohstoffhändler. Wir wollen mal schauen, erwidert Schlicht – auch er deutlich hörbar ein Kind der Region.
Wir stehen mitten im Gewerbegebiet. Schweinfurt hat hier nichts von der Ruhe und Beschaulichkeit, die die Kleinstadt im fränkischen Maintal sonst ausmachen. Hier sieht man, wo der Wohlstand der Stadt herkommt. Kugellager werden hier produziert, Fahrräder, Inline-Skates und fast alles, was man zu ihrer Herstellung benötigt. Heinlein kümmert sich um das Aufarbeiten der metallischen Reststoffe, die dabei übrig bleiben. Jahrelang saß er mit seinem Familienbetrieb in einem kleinen Lageristenbüro in einer der Hallen auf dem Firmengelände. Im Winter war es zu kalt, im Sommer zu heiß – laut war es immer. Eigentlich sollten nur diese Missstände behoben werden, als Stefan Schlicht und sein Büropartner Christoph Lamprecht mit dem Neubau des Bürogebäudes betraut wurden. Doch die beiden Architekten gingen weiter.

Rau und ruhig“ haben Schlicht Lamprecht Architekten das Haus für die Firma von Peter Heinlein, den Rohstoffhandel Georg Lesch, genannt. Auf dem Firmenareal haben sie zwischen den Lagerhallen einen Bau geschaffen, der diesem Namen gerecht wird: mit seiner Cor-Ten-Stahl-Fassade wirkt er von außen ebenso rau wie an diesem Ort stimmig platziert, die Räume gruppieren sich um einen geschützten Innenhof. Der Bau wurde 2015 mit dem Theodor-Fischer-Preis der Stadt Schweinfurt und dem BDA Preis Bayern 2016 ausgezeichnet, stand auf der Shortlist für die Nike 2016, dem Architekturpreis des BDA-Bundesverbandes, und wurde mehrfach publiziert. Die Bauherrenfamilie freut sich. Auf einem Foto, das sie den Architekten zuschickten, prosten sie nach der Bekanntgabe des Preises allesamt freudestrahlend der Kamera zu. Nicht nur die Publikationen und Preise, vor allem dieses Foto ist eine Bestätigung der eigenen Arbeit, wie es sich wohl jeder Architekt wünscht.

Während Büropartner Christoph Lamprecht Termine wahrnimmt, läuft Stefan Schlicht mit mir durch Schweinfurt. Ständig bleibt er stehen, zeigt auf Details, erläutert Bauten – Volker Staab, Bruno Fioretti Marquez, Erich Schelling haben hier gebaut – und den Stadtgrundriss. Halb Schweinfurt, so scheint es, ächzt unter der Hitze. Die andere Hälfte hat sich dazu entschieden, den Spätsommer zu genießen. Immer wieder werden wir unterbrochen, Schlicht grüßt Passanten, schüttelt Hände. Man kennt sich. „Ist halt doch eine Kleinstadt“, sagt Stefan Schlicht lachend. Der Architekt ist ein offener und kommunikativer Typ. Er kommt aus dem benachbarten Bamberg, war zum Studium in Würzburg und an der Kunstakademie in München, seine Frau kommt von hier. Es gibt diese Menschen, die die Sprache der Leute vor Ort sprechen, ohne sich verstellen zu müssen. Stefan Schlicht ist einer davon.

Zwei Projekte sind in der Stadt in Planung. Ein Kindergarten und ein Wohn- und Geschäftshaus. Vieles hier, so der Architekt später im Hinterhof des Büros bei einer kurzen Pause, funktioniert über Mund-zu-Mund-Propaganda. Hier, am Hintereingang des Hauses, in dem Friedrich Fischer Ende des 19. Jahrhunderts die Schweinfurter Kugellagerindustrie begründete, erzählt Schlicht, dass ausgerechnet das alteingesessene Familienunternehmen Lesch dabei zum Wortführer für moderne Architektur geworden sei. Viele künftige Bauherren würden sich im Vorfeld Informationen bei jenen einholen, für die Schlicht Lamprecht vor Ort schon geplant haben.

Dabei überrascht es ihn nach eigenem Bekunden immer wieder, dass „zwei Jungs mit zwei Laptops im Keller eines Hauses den Start hier so hinbekommen haben.“ Unmittelbar im Anschluss an die Mitarbeit in dem Büro, in dem sich Christoph Lamprecht und Stefan Schlicht kennengelernt haben, begannen die beiden die Planung für ein Wohnbauprojekt mit 27 Stadtwohnungen. Danach ging es Schlag auf Schlag: mehrere kleinere Um- und Ausbauten, eine Schulsanierung, ein Weingut, eine Krippenerweiterung und eben das Büro- und Betriebsgebäude Lesch. Bemerkenswert auch, die Planungen für das Empfangsgebäude eines Wildparks am Rande der Stadt zu übernehmen. Als Spende. Andere ortsansässige Unternehmen übernahmen – ebenfalls als Spenden – die Ausführungen der unterschiedlichen Gewerke. Der Wildpark ist seit 50 Jahren eine Art „soziale Institution in Schweinfurt“, wie Stefan Schlicht betont, und liegt hier vielen am Herzen.

Mit dem erfahrenen Bauleiter Gerhard Schmidt und dem vor wenigen Monaten zum Team gestoßenen jungen Architekten Tobias Ruppert sitzen Stefan Schlicht und ich abends am Main. Serviert wird Silvaner aus einem Weingut – dessen Räumlichkeiten in Sommerach Stefan Schlicht und Christoph Lamprecht entworfen haben – und eine fränkische Wurstplatte, dazu frisches Brot und Obatzda. Alle drei erzählen aus dem Alltag des Büros, das es seit 2011 gibt. Anekdoten von den Baustellen werden ausgetauscht, Schlicht erzählt davon, wie er als angestellter Architekt nach dem Studium „ins kalte Wasser geworfen“ worden sei, sich viel selbst und mit Kollegen erarbeitet habe. Die beste Schule sei das gewesen.

Tobias Ruppert lacht: „Stimmt scho‘. Macht ihr mit mir ja auch so.“ Im Büro sitzen die Architekten alle an einem langen Tisch. Entworfen wird mit Stift und Papier. Viele Details entstehen so auch erst auf der Baustelle – gemeinsam mit den Handwerkern. „Es soll ja am Ende so werden, wie es am besten ist – und nicht so, wie ich mir irgendwas in der Theorie und ohne Praxisbezug ausdenke. Am besten ist es, wenn es technisch funktioniert, das wissen die Handwerker, und wenn es schön ist“, erklärt Schlicht seine Idee von den Arbeitsabläufen des Büros. „Das funktioniert natürlich nicht streng hierarchisch. Das geht nur im Miteinander.“ Der Eindruck eines Miteinanders, eines Teams auf Augenhöhe, bestätigt sich hier unten am Main, wo es endlich ein wenig kühler geworden ist.

David Kasparek

www.schlichtlamprecht.de

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Schlicht Lamprecht Architekten: 10. November 2016
Werkschauprojektion: 11. November 2016 bis 15 Januar 2017
Deutsches Architektur Zentrum
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin

www.neuimclub.de
www.daz.de

neu im club wird unterstützt von Vitra, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

Fotos: Stefan Meyer/dpi visuals Julian Dittert

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