Florian Heilmeyer

Orte des Eigensinns

urban gardening – eine politische Bewegung?

Spätestens seit die Prinzessinnengärten am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg 2009 eröffnet haben und man dort im sanften Schatten der Spontanvegetation das zu Mittag essen kann, was in den mobilen Beeten um einen herum so angebaut wird, kommt man in ganz Berlin um das Thema urban gardening nicht mehr herum. Hier ist alles genau so, wie man es seit einigen Jahren in Berlin erwarten kann: flüchtig improvisierte Gemütlichkeit, die morgen schon ab- und woanders wieder aufgebaut werden könnte. Alle Setzlinge und Pflanzen, die aus der 6000 Quadratmeter großen Brache eine Mischung aus Park und Gärtnerei gemacht haben, sind in recycelten Reissäcken, Obstkisten und alten Tetrapaks verpackt. Morgen könnten die Prinzessinnengärten umziehen – und müssen das vielleicht auch, der Mietvertrag für das städtische Grundstück geht jeweils nur für ein Jahr.

Der Beliebtheit tut das natürlich keinen Abbruch: junge und mitteljunge Menschen sitzen mit ihren Apfelrechnern unter Apfelbäumen und trinken Bionade zwischen Bio-Gemüse. Und alle dürfen mitmachen: man kann Pflanzen- oder Beetpate werden, es gibt Kurse über Gartenarbeit, und Berliner Stadtkinder können lernen, was eine Zucchini ist und wie sie zubereitet werden kann. Drum herum summen die Bio-Bienen. Es ist das perfekte Bild, denn hier kommt alles zusammen: Jugend und Verantwortung, Verwurzelung und Kreativität, Eigeninitiative und Individualität, ökologisches und soziales Bewusstsein.

Das alles nicht irgendwo „jwd“, wie der Berliner das un-urbane Umland nennt, sondern mit U-Bahnanschluss: „urban“ eben. Natürlich finden das alle gut, die Nachbarn, die Stadt, die Medien, die Hipster. Und so ist aus urban gardening rasch ein Trend geworden, überall greifen Jungkreative und Bürgerinitiativen zur Gartenschere. Auf dem ehemaligen Flugfeld in Tempelhof sind es sogar 7.000 Quadratmeter, die vom Allmende-Kontor und vom Rübezahlgarten bepflanzt werden.

Was soll die Aufregung?

Ein Berliner Phänomen ist das allerdings nicht und neu ist am urban gardening auch nur die englische Terminologie. Im Hochmittelalter war das die „Allmende“, die gemeinschaftlich bewirtschaftete Parzelle. Die gewaltige Ausstellung „Hands-On Urbanism 1850 – 2012“ im Architekturzentrum Wien hat Anfang 2012 die Geschichte des gemeinschaftlich genutzten städtischen Gartens bis in die Industrialisierung zurückverfolgt.

Vom „Schrebergarten“ in Leipzig über die „Siedlerbewegung“ in Wien und die Community Gardens in New York bis nach Kuba und Detroit, Hongkong und Mexiko und schließlich nach London und zu den besagten Prinzessinnengärten. Natürlich ging es damals weniger um Selbstverwirklichung als um tatsächliche Selbstversorgung. Es geht den urbanen Gärtnern ja nicht darum, die Stadt künftig vollständig mit Selbstangebautem zu versorgen. Dafür wäre auch viel zu viel Fläche notwendig.

Die Gemeinschaftsgärten sind eher sichtbare Zeichen des sowieso stattfindenden Bewusstseinswandels der Städter. Bio-Supermärkte mit regionalen und saisonalen Angeboten sind ohnehin „in“, aber auch Selbstgemachtes ist ganz Allgemein ein großes Ding. Da wird gestrickt und gehäkelt, gebastelt und gewerkelt, Grafiker machen wieder echte Collagen, statt diese am Computer zu simulieren. Da passt die Lust am eigenen Radieschen ganz gut dazu.

Der Stadtgärtner – revolutionär oder reaktionär?

Es ist also sicher keinem Menschen abzusprechen, wenn er Lust hat, mit den eigenen Händen in feuchter Erde zu wühlen, um seine eigenen, vielleicht sogar seltenen Kräuter zu ziehen. Etwas irritierend ist dann allerdings der revolutionäre Gestus, mit dem sich einige dieser Initiativen versehen. Eventuell ist dieser aber auch ironisch – das ist in der zweiten oder dritten Hipsterwelle schwer zu unterscheiden. „Urban Gardening ist auch ein Kampf um Boden,“ lässt sich Elisabeth Meyer-Renschhausen vom Allmende-Kontor in der taz zitieren und die Soziologin Christa Müller macht aus dem urban gardening eine Gegenbewegung zur sonst vorherrschenden, neo-liberalen Stadtplanungspolitik – nicht nur in Berlin: „Die Menschen reklamieren den öffentlichen Raum für das Gemeinwohl, und sie setzen der Ökonomisierung der Gesellschaft Orte des Eigensinns und des selbstbestimmten Tuns entgegen.“

An manchen Gärten hängen Spruchbanner, die linke Parolen aufgreifen: „Keine Pflanze ist illegal“ oder „Widerstand ist fruchtbar“. Grün gegen Grau? Macht ein Spruchbanner aus den urbanen Gärtnern grüne Rebellen? Christa Müller sieht hier Hinweise, „dass wir in Zeiten des Umbruchs leben“. Weil urban gardening sich bewusst vom Mehrproduzieren der Nahrungsmittelindustrie absetzt. Weil es nicht um Rationalität, Effizienz und ständiges Wachstum geht, sondern um Erhalt, um nachhaltige Bewirtschaftung und Gemeinschaft, versteht sie das fröhliche Gärtnern als „Suche nach postmateriellen Wohlstandsmodellen“.

Aber ist denn das gemeinsame Gemüsepflanzen wirklich ein urban-rebellischer Akt? Oder geht es dabei nicht doch eher um eine gewisse Imagepflege, mit der man sich vor allem von der als spießig verschrienen Muffigkeit des Schrebergartens der Elterngeneration absetzen möchte?

Dabei wäre das eigentlich nicht nötig: Steht man am Neuköllner Rand des Tempelhofer Feldes und lässt den Blick einmal über das Allmende-Kontor schweifen mit all seinen aus Betten, Schränken und anderen Holzresten zusammengebastelten, knapp 300 Hochbeeten, dann kommt hier keine Assoziation mit einem Schrebergarten auf. Es ist ja gerade der erfreuliche Dilettantismus, das fröhliche Drauflosexperimentieren, das diese Gartenform erstens sympathisch und zweitens tatsächlich für alle zugänglich macht. „Das kann ich auch“ ist immer noch der beste Mitmachimpuls, gerade in Berlin.

Prinzessinnengärten, Berlin; Foto: Adriana Böhm

Prinzessinnengärten, Berlin; Foto: Adriana Böhm

Für alle zugänglich

Ja, die Gemeinschaftsgärten in Berlin pochen darauf, dass nicht jede Brache Bauland ist und machen insofern zu Recht darauf aufmerksam, dass „Urbanität“ aus mehr als nur Gebäuden besteht und dass nicht alles, was Menschen gemeinsam produzieren, dem Profit untergeordnet werden muss. Allerdings stellen weder die Gemeinschaftsgärten auf dem Tempelhofer Feld noch die Prinzessinnengärten in irgendeiner Form bestehende Eigentumsverhältnisse in Frage – sie sind keine „grünen Besetzer“, sie haben Pachtverträge. Wogegen auch wiederum nichts einzuwenden ist. Es unterminiert nur den rebellischen Anspruch. Aber wie gesagt: vielleicht ist der ja ohnehin nur ironisch?

Im Grunde genommen ist ein speziell rebellischer Anspruch auch gar nicht erforderlich. Auch Christa Müller stellt letztlich fest, dass sich die „Generation Garten (…) weniger durch Forderungskataloge als durch Performanz, durch punktuelle und symbolische Interventionen im öffentlichen Raum“ auszeichnet. Das Fehlen eines solchen Katalogs macht diese neuen Gemeinschaftsgärten in unseren Städten zugänglich für alle, und man muss ja nicht immer aus allem eine Bewegung machen. Dass sich die Menschen für die Zyklen der Natur und für den Eigenanbau interessieren, ist auch so ganz schlicht begrüßenswert – und wenn dabei auch noch ein neues Miteinander beim gemeinsamen Verzehr der Feldfrüchte entsteht, umso besser. Das braucht keine zusätzliche Spektakularisierung.

Literatur
Prinzessinnengärten – Anders gärtnern in der Stadt, Dumont Verlag, Köln 2012
Richard Reynolds (Hrsg.): Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest, Orange Press, Freiburg 2010
Christa Müller (Hrsg.): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, oekom Verlag, München 2011
Elke Krasny / AzW Wien (Hrsg.): Hands-On Urbanism 1850 – 2012. Vom Recht auf Grün, Turia & Kant, Wien 2012

Florian Heilmeyer (*1974) lebt seit 1978 überwiegend in Berlin. In seiner Arbeit als Autor, Kurator und Journalist interessiert er sich für die Prozesse, die (manchmal) zu Gebäuden führen. Er ist Hochbeetpate im Rübezahlgarten, hat sich allerdings um „sein“ Hochbeet noch nie regelmäßig gekümmert und hofft, dass es diesem gut geht.

Interkultureller Rosenduftgarten im Park am Gleisdreieck, Berlin; Foto: Adriana Böhm

Interkultureller Rosenduftgarten im Park am Gleisdreieck, Berlin; Foto: Adriana Böhm

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