persönliches

Peter Conradi 1932–2016

Der Mann mit der Fliege war einer der wenigen Architekten unter den Bundestagsabgeordneten – und unter ihnen sicher der bekannteste. Über ein Vierteljahrhundert, von 1972 bis 1998, saß der gebürtige Westfale und Wahl-Stuttgarter für die SPD im Parlament.

Conradis Werdegang hatte mit einem Studium der Sozialwissenschaften in den Vereinigten Staaten von 1952 bis 1953 begonnen. Nach seiner Rückkehr studierte er an der TH Stuttgart Architektur, wo er 1961 sein Diplom erhielt. Danach arbeitete er bei der Hochbauverwaltung Baden-Württemberg, war mehrere Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart und ab 1967 Leiter des Staatlichen Hochbauamts.

Als entwerfender Architekt ist er nicht hervorgetreten. Musste er auch nicht. Er verstand es, seine öffentliche Position als Abgeordneter zu nutzen, um sich unermüdlich für die Belange der Baukultur und des Berufsstands der Architekten einzusetzen – womit er sich oft genug in die Rolle des einsamen Rufers begab. Conradi kämpfte, streitbar in der Sache und ungemein liebenswürdig im persönlichen Umgang, für den Erhalt der Honorarordnung, für den Bau von Behnischs Plenarsaal in Bonn und Schultes’ Kanzleramt in Berlin.

Nach dem Ende seiner Parlamentarierzeit war er von 1999 bis 2004 Präsident der Bundesarchitektenkammer (BAK). Conradi setzte gegen mancherlei Widerstände den schnellen Umzug der BAK von einer Bonner Villa in die Hauptstadt Berlin ebenso durch wie eine offensive, fröhliche und diskursive Öffentlichkeitsarbeit, die Journalisten ernst nahm und Mechanismen der Medienwelt zu bedienen wusste. Kurzum: Er verordnete der BAK Glasnost und Perestroika.

Mit großem Engagement stritt er noch als Pensionär gegen Stuttgart 21 und für den sozialen Wohnungsbau. Peter Conradi war ein Ausnahmepolitiker alter Schule, der für allerhöchste politische Ämter nicht in Frage gekommen wäre: Sein Anstand bewahrte ihn davor.

Benedikt Hotze

Unser Bild zeigt Peter Conradi beim 3. Schlichtungsgespräch zu „Stuttgart 21“ im Stuttgarter Rathaus, Foto: Landeshauptstadt Stuttgart

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