Andreas Denk

Res Publica

Der öffentliche Raum als demokratisches Ideal

Die Divergenzen und Widersprüche, die die Gesellschaft unserer Zeit prägen, zeigen sich besonders deutlich in der völlig unterschiedlichen Bewertung, die der „öffentliche Raum“ unserer Städte derzeit erfährt. Auf der einen Seite ist insbesondere der mit Konsum verbundene Aufenthalt unter freiem Himmel und in der anregenden Atmosphäre urbaner Geschäftigkeit so beliebt wie niemals zuvor. Die Kommunen können gar nicht genug Möglichkeiten für die „Außengastronomie“ ausweisen. Auf der anderen Seite wird der ungeschützte Aufenthalt im Freien mit Bedrohungsszenarien verbunden: Die Vorstellung von Gefahr- und Angsträumen beeinträchtigt – mehr noch nach den Angriffen islamistischer Extremisten in Paris und nach den Vorfällen der Kölner Silvesternacht 2015 – bei vielen die Unbeschwertheit nach dem Verlassen des eigenen Heims.

Demgegenüber steht die grundlegende, niemals und von niemandem bestrittene Notwendigkeit des öffentlichen Raums als demokratisches Medium. Die Stadt der Gegenwart, deren hohes Maß an Individualisierung enorme, exzentrifugal wirkende Kräfte entwickelt, braucht öffentliche Räume mehr denn je: Wo, wenn nicht zwischen den Häusern soll die Begegnung der Bewohner der Stadt einen Ort finden? Wo, wenn nicht im öffentlichen Raum, kann der Interessenausgleich zwischen den sozialen Schichten, zwischen den Generationen, zwischen den verschiedenen Ethnien besser verhandelt werden als auf den Straßen und den Plätzen der Stadt? Dennoch läuft die urbane Allmende zunehmend Gefahr, ihre ureigene Funktion als Ort sozialer Positionierung, Konfliktmanagement und kulturellem Ausdrucksbedürfnis der Stadtgesellschaft zu verlieren.

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Das Forum als „höchste Kunstaufgabe“
Die Konzeption des öffentlichen Raums, so wie wir ihn verstehen, ist das Ergebnis der formativen Jahre der Demokratie: Der Philosoph Friedrich Theodor Vischer (1807 – 1887) hat die Idee – ohne die Bezeichnung zu verwenden –, in der Zeit um 1850, also im unmittelbaren Anschluss an die revolutionären Ereignisse der Jahre zuvor, aus einer Kulturanalyse des ideal demokratisch gedachten Griechenlands der Antike entwickelt: Aus der Anschauung  der griechischen Geschichte schlägt der Philosoph eine Hierarchie von Bautypen vor, die entsprechend den unterschiedlichen gesellschaftlichen Zwecken angelegt ist, denen sie dienen. Bei Vischer ist die niedrigste Stufe der gesellschaftlichen Ausdrucksmöglichkeiten eines Volkes das Wohnhaus, es folgen die öffentlichen Bauten mit den Anlagen für Erziehung, Wissenschaft und Kunst an der Spitze. Höhepunkt der Baukunst indes sei der Tempelbau.(1)

„Das Gesamtleben“, heißt es dann weiter, „fordert aber noch Räume, welche ausdrücklich der öffentlichen Darstellung des Ganzen als solchen dienen, zunächst noch in praktischem Sinne: dies sind die Plätze und Gebäude für die Volksversammlung, die Volksvertretung; sodann im Sinne des freien, rein darstellenden Selbstgenusses der Gesamtpersönlichkeit: dieß sind die Anlagen für das Volksfest.“(2) Bei den „Alten“ sei, so Vischer, „nun der politische Marktplatz, die Agora, das Forum mit den Rednerbühnen, Hallen der Mittelpunct“ gewesen, „wo das Volksganze zunächst politisch praktisch in der Form der Volksversammlung (…) sich zu öffentlicher Handlung vereinigte.

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Dieß war die lebendige Seele ihres Zusammenlebens in Städten, allerdings nicht selbst ein Gebäude, aber der Centralplatz aller Gebäude, das offene Auge ihrer geschlossenen Einheit. Da die Öffentlichkeit das Element des Staates war, so liefen ihre Adern, eben jene mehr erwähnten Säulenhallen, Stoen, Leschen, Portiken, nach einer Seite mit einer Mauer geschlossen oder nach beiden Seiten offen, auch durch die ganzen Städte hin, fanden aber ihren vereinigenden Mittelpunct im Hauptplatze (…)“(3). Vischer schreibt weiter: „Wie im Dorfe der Kirchthurm idyllisch als Hirte der Heerde erscheint, so ist nun der Tempel auch räumlich zu einem Mittelpuncte geworden, der, mit den wichtigsten öffentlichen Gebäuden vereinigt, die Masse der Privathäuser sich unterordnet, ihnen ihre höchste Idealität, mit dem Markt u.s.w. ihren absoluten Festraum und Festsaal gibt. Dieß muß das Haupt-Augenmerk für die höchste, cyklische Aufgabe, den Städtebau, sein.“(4)

Der mit Vischer sehr gut bekannte Architekt und Theoretiker Gottfried Semper, dem die Klärung des Verhältnisses des menschlichen Individuums zur Gesellschaft immer das wichtigste Anliegen seines Tuns war, formulierte im Anschluss an die gesellschaftsgebundenen Typenhierarchie Vischers und einer architektonisch-räumlichen Präzisierung der ästhetischen Betrachtung die städtebauliche Idee eines großstädtischen Forums, wie er in den 1860er Jahren formulierte, als „höchste Kunstaufgabe“, bei der sich das „Menschtum, das Menschenideal“ zu öffentlicher Versammlung und Verhandlung trifft.(5) In dieser historisch-philosophisch-stadtbaulichen Konstruktion Vischers und Sempers liegt die Grundlage unseres heutigen Verständnisses des öffentlichen Lebens und seiner Räume.

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Korruption und Revision des öffentlichen Raums
Doch die idealistische Vorstellung, dass der öffentliche Raum so etwas wie ein freier, szenographisch durch öffentliche Gebäude gefasster Theaterraum sei, in dem Menschen aller Schichten, Charaktere und Meinungen aufeinander stoßen könnten, um zu einem Austausch und Ausgleich zu finden, ist – Richard Sennett dokumentierte es in „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ 1977(6) – auch gedanklich mitunter verloren gegangen. Die meisten theoretischen Annäherungen erfolgen phänomenologisch und allzu pragmatischen Handlungsanweisungen zum weiteren Verfahren. Es dominieren zeitgeistige Annäherungen an das Thema, die wahlweise als „alte Stadt“, „moderner Boulevard“, „Mall“ oder als Teil umfassenderer Planungsansätze wie der „post-oil city“ Agglomerationen von Parametern bilden, denen mancher Gestaltungsplan zu entsprechen versucht. Die Figur des öffentlichen Raums muss jedoch völlig unterschiedlichen Weisen der Raumaneignung, also schlichtweg das Ertragen der Anderen im Öffentlichen ermöglichen und aushalten. Deshalb ist und bleibt sie ein sehr schwer zu kalkulierender, weil höchst individueller und sich ständig verändernder Faktor des Gemeinwesens, der sich nur bedingt durch ein festes Regelwerk ordnen, regeln oder bestimmen lässt.

Allerdings hat Hannah Arendt im Rahmen ihrer philosophischen Betrachtung des Handelns des Einzelnen und der Gesamtheit der Gesellschaft in ihrer „Vita Activa“ 1958 eine gesellschaftspolitisch heute noch gültige Theorie für den Raum des Öffentlichen entworfen.(7) Für sie erwächst die „Wirklichkeit des öffentlichen Raums aus der gleichzeitigen Anwesenheit zahlloser Aspekte und Perspektiven, in denen ein Gemeinsames sich präsentiert, und für die es keinen gemeinsamen Maßstab und keinen Generalnenner je geben kann.“ Alle, die in der Welt zusammenkämen, nähmen verschiedene Plätze in ihr ein. Dabei könne die Position eines Individuums niemals mit der eines anderen zusammenfallen. Das Ureigene des Öffentlichen, „das von Anderen Gesehen- und Gehörtwerden, erhält seine Bedeutsamkeit von der Tatsache, dass ein jeder von einer anderen Position aus sieht und hört. Dies eben ist der Sinn eines öffentlichen Beisammenseins…“.

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Auch Arendt knüpft mit ihrer Argumentation an die politische Kultur des antiken Griechenland an: Die griechische Gesellschaft sei von der Dualität von oikos und polis, von Haus und Stadt, von Familie und Öffentlichkeit geprägt gewesen. Den Gang ins Freie habe man damals als eine Frage des Muts verstanden, und so sei der Aufenthalt im Öffentlichen eine  „Kardinaltugend des Politischen“ geworden: Wer das geschützte Haus verließ, riskierte etwas.(8) Allein dieses Bekenntnis zum Handeln, so Arendt, habe die polis ermöglicht, die wiederum Basis und Ziel und gleichzeitig Schauplatz für dieses Handeln wurde. Demgegenüber sieht Arendt entweder die Isolierung des Einzelnen durch ein totalitäres System oder die Massengesellschaft, in der „alle sich plötzlich benehmen, als seien sie die Glieder einer ungeheuren, in sich einstimmigen Familie, und wo die Hysterie dadurch entsteht, dass ein einziger Aspekt ins Gigantische übersteigert wird.“ In beiden Fällen handele es sich um krasse Fälle einer Privatisierung, also „mit Zuständen, in denen keiner mehr sehen und hören oder gesehen und gehört werden kann.“ Ein jeder sei dann „eingesperrt in seine Subjektivität wie in eine Isolierzelle (…). Eine gemeinsame Welt verschwindet, wenn sie nur noch unter einem Aspekt gesehen wird; sie existiert überhaupt nur in der Vielfalt ihrer Perspektiven.“(9)

Die gemeinsame Welt vergleicht Hannah Arendt mit einem Tisch, um den herum Menschen sitzen: eine Welt von Dingen, die ihnen ein gemeinsamer Wohnort sind. Ein Phänomen der Massengesellschaft sei es, dass die Welt, dieser „Tisch“, die Kraft verloren habe, zu versammeln, also zu trennen und zu verbinden. Wenn aber eine Gemeinschaft das Interesse an einer ihnen gemeinsamen Welt verloren habe, helfe nur die Hoffnung auf Transzendenz durch Dauerhaftigkeit. „Eine Welt, die Platz für die Öffentlichkeit haben soll, kann nicht nur für eine Generation errichtet oder nur für die Lebenden geplant sein; sie muss die Lebensspanne sterblicher Menschen übersteigen.“(10)

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Die Stadt als Wohnung
Aus heutiger Sicht ließe sich aus Arendts hell- und weitsichtigen Überlegungen eine durchaus pragmatisch geeignete Handlungs- und Gestaltungspraxis ableiten, die die Sozialität der Stadt bewahren und ihr Verantwortungsgefüge erkennbar machen  könnten: Dazu gehört zuallererst das Bekenntnis, dass der öffentliche Raum im Interesse aller Bewohner einer Stadt ist: Dafür muß er Figuren und Formen annehmen, die das Wesen einer Stadt und ihrer Gesellschaft anschaulich macht.(11) Er muss durch seine räumliche Erscheinung eine Koexistenz der unterschiedlichen sozialen und ethnischen Gruppen möglich machen, ihnen eine erkennbare Identität geben und sie zugleich anleiten, wie sie den Raum gemeinsam nutzen können. Deshalb muss der öffentliche Raum gleichermaßen eine gewisse Robustheit und Autonomie besitzen, um verschiedene Aneignungspraktiken unabhängig von partikulären Interessen zu ermöglichen. Aber er muss auch eine wahrnehmbare eigene Schönheit und Empfindlichkeit besitzen, um durch seinen feinen formalen und symbolischen Ausdruck zu suggerieren, dass zu deren Erhalt die Übernahme von Verantwortung durch die Bürger gehört. Dabei kann er eine besondere Qualität bekommen, wenn er die Phänomene der Stadt, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind, räumlich und architektonisch fasst und erfahrbar macht und wiederum durch seine eigene Gestalt Stadtbild und Lebensraum bereichert.(12) Dafür dürfen jedoch seine Gestaltung und Materialität das Milieu des jeweiligen Ortes nicht überfordern, um Segregation und Verdrängung zu verhindern.

Um dem öffentlichen Raum solche Eigenschaften zu geben, bedarf es hoher Kunst, für die die Besten gerade gut genug sind. Vielleicht können neue Umgangsformen und neue Verfahren die Grundlage legen für ein gesteigertes Verständnis für die Notwendigkeit des öffentlichen Raums, für seine gute  Gestaltung und das hohe Maß der Sorgfalt und Sensibilität, die dafür nötig ist. Nur dann wird sich ein allgemeines Gefühl der Verantwortung für den Raum der Stadt als Teil der eigenen „Wohnung“, als Raum des freien Handelns, als Ort des freien Menschseins einstellen können.

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Juan Roig, Place Gambetta, Amiens, Zustand Sommer 2016, Foto: Andreas Denk

Prof. Andreas Denk (*1959) studierte Kunstgeschichte, Städtebau, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg i. Brsg. und in Bonn. Er ist Architekturhistoriker und Chefredakteur dieser Zeitschrift und lehrt Architekturtheorie an der Technischen Hochschule Köln. Er lebt und arbeitet in Bonn und Berlin.

Anmerkungen
1 Vischer, Friedrich Theodor: Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Dritter Theil: Die Kunstlehre. Erster Abschnitt: Die Kunst überhaupt und ihre Theilung in Künste, Reutlingen 1851, S. 255 f.
2 Ebda., S. 262.
3 Ebda.
4 Ebda., S. 264.
5 Semper, Gottfried: Ueber Baustile, in: Semper, Hans/Semper, Manfred (Hrsg.): Gottfried Semper. Kleine Schriften, Berlin 1884, S. 395-426, hier S. 422.
6 Sennett, Richard: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Tyrannei der Intimität, Frankfurt/Main 1985 (1977).
7 Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom Tätigen Leben, München 41985 (1958), bsds. S. 49-75; s. a. Bajohr, Hannes: Dimensionen der Öffentlichkeit. Politik und Erkenntnis bei Hannah Arendt, Berlin 2011, bsds. S. 27-77.
8 Arendt, Vita activa (wie Anm. 7), S. 37.
9 Ebda., S. 57.
10 Ebda., S. 54.
11 Für das folgende s.: Verf.: Die Stadt als Resterampe? Zehn Gesetze des öffentlichen Raums, in: Ambach, Markus/von Keitz, Kay: Der urbane Kongress. Kunst und Stadt im Kontext, Köln 2015, S. 62-69; sowie: Verf.; Am gedeckten Tisch. Von der Notwendigkeit des öffentlichen Raums, in: Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Verkehr mit dem Haus der Architektur (Hrsg.): Kölner Perspektiven. Städtebau. Architektur. Öffentlicher Raum. Texte von Uta Winterhager u.a., Köln 2016, S. 120 f.
12 Vgl. hierzu: Endell, August: Die Schönheit der großen Stadt, Stuttgart 1908; sowie: Verf.:  Die goldene Regel der Stadt. Überlegungen zu einer Theorie des städtischen Raums, in: der architekt. Zeitschrift des Bundes Deutscher Architekten BDA.

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