Wohnbauten von zanderrotharchitekten in Berlin

Sixpack mit Schubladen

Die Liebigstraße im Berliner Stadtteil Friedrichshain ist insofern interessant, als sie eine Art Hintereingang auf der Rückseite des stalinistischen Prachtboulevards der ehemaligen Stalin- und heutigen Karl-Marx-Allee bildet. Hier, wo die Repräsentationsmeile  an ihrem östlichen Ende noch Frankfurter Allee heißt, ehe sie am Frankfurter Tor zur Karl-Marx-Allee wird, haben zanderroth architekten (siehe der architekt 1/14, S. 90-93) sechs Wohnhäuser auf einem leicht aus der Nord-Süd-Achse kippenden Baufeld entworfen und diese mit der eigenen Projektentwicklungsgesellschaft SmartHoming entwickelt und realisiert. Zwischen Rigaer Straße im Norden und Liebigstraße im Süden schließt das Areal unmittelbar an die von Hans Hopp in der damaligen Stalinallee zwischen 1951 und 1958 entworfenen und gebauten Bauten an. Friedrichshain ist hier geprägt von der typischen Berliner Blockrandbebauung der sogenannten Gründerzeit, die unmittelbare Umgebung des Baufeldes aber bildet hier eine – nicht nur wegen seiner Schnittstellenfunktion zur Frankfurter Allee – heterogene Ausnahme.

Und so fallen Sascha Zander, Christian Roth und ihr Team erst gar nicht auf ein vermeintlich existierendes Planwerk der Umgebung herein, sondern setzen souverän sechs Punkthäuser auf das Gelände. Dafür haben die Architekten zwei unterschiedliche Gebäudetypologien entwickelt: zwei sechsgeschossige und vier siebengeschossige Häuser nehmen jeweils sechs bis sieben verschiedene Wohnungstypen auf. Insgesamt umfasst das Projekt 144 Wohneinheiten, die in den kleinen Türmen um ein Treppenhaus rotieren, das sich in zwei Läufen um einen Aufzugkern legt. Da jeder Treppenlauf genau ein halbes Geschoss überwindet, entsteht im Schnitt der Häuser eine Art Splitlevel. In den unterschiedlich konfektionierten Wohnungen ist dies weder spür- noch ablesbar, für die Fassaden und die Gebäudekubatur aber von entscheidender Wirkung, entfacht doch dieser planerische Winkelzug ein erstaunlich lebendiges Oberflächenspiel.

Durch ein modulares Prinzip der Einzelhäuser lassen sich Wohnungen innerhalb der freien Grundrisse flexibel zusammenschließen: Wo addiert wurde, kann später auch wieder geteilt werden. Diese Flexibilität ermöglicht innerhalb der Konstruktion eine individuelle Raumaufteilung, die sowohl kleine Einheiten für Singles und Senioren sowie – nach einer Fusion – große Wohneinheiten für Familien zulässt. Alle Wohnungen ab dem ersten Stock sind mit einem eigenen Balkon ausgestattet, der streng den Linien folgt, die sich aus der Rotationslogik des Grundrisses ergibt. Sowohl Bodenplatte als auch Teile der Brüstung sind dabei im gleichen Material verputzt wie der Rest der Gebäudekörper, wodurch die Balkone wie aus dem Haus herausgezogen wirken und an Schubfächer erinnern. Da sich die Kubatur in den oberen beiden Stockwerken zugunsten von Terrassen zusätzlich zurückstaffelt, entwickeln die in eine schlüssige Landschaftsgestaltung von herrburg Landschaftsarchitektur gestellten Bauten einen Facettenreichtum, der dem Ensemble in der Lageplanansicht nicht zuzutrauen gewesen wäre.

Dka

zanderrotharchitekten, li01, Berlin 2010–2015
Projektstandort: Liebigstraße 1–1E, 10247 Berlin
Team Architekten:
Christian Roth, Sascha Zander, Elisa Gersdorf, Tilman Heiring, Anne Kaiser, Dirk Müller, Anne Müller-Reitz, Ann-Sofie Paternoster, Nils Schülke, Michael Spieler
Projektentwicklung:
Smart Homing GmbH, Berlin
Auftraggeber:
Baugemeinschaft Liebigstraße 1 GbR
Leistungsphasen:
1–8
Wohneinheiten:
144
Geschosse:
8
Stellplätze:
76
GF:
6.691 qm
Wohnfläche:
9.431 qm
GRZ/GFZ:
0,24 / 1,78
Kosten (KG 100–700):
2.690 Euro inkl. MwSt.
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Andreas Leipold, Berlin
Technische Gebäudeausrüstung: Ingenieurbüro Lüttgens, Berlin
Landschaftsarchitektur: herrburg Landschaftsarchitektur
Fotos: Simon Menges

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