Buch der Woche: Sigurd Lewerentz. Architect of Death and Life

Vom Wert der Institutionen und Referenzen

Sigurd Lewerentz ist einer jener Protagonisten europäischer Architekturgeschichte, der immer wieder und von den unterschiedlichsten Architektinnen und Architekten als Referenzpunkt genannt wird. Ein breites Oeuvre, immer am Puls der Zeit. Vom Historismus früher Projekte wie der Auferstehungskapelle auf dem Stockholmer Friedhof Skogskyrkogården (1925) über poetische Backsteinbauten, wie die Markuskirche in Stockholm (1960) oder St. Peter in Klippan (1966), hat er es mit dem Blumenkiosk am Malmöer Friedhof Östra kyrkogården (1969) zuletzt gar in den Reigen jener Bauten gebracht, die unter dem Label SOS Brutalismus diskutiert wurden. Nimmt man noch das Gebäude für die nationale Versicherungsbehörde in Stockholm (1932) dazu, scheinen diese vier Bauten allein wie die Keime eines weit über Europa verästelten Stammbaums architektonischer Referenzen.

St Mark's Church, Björkhagen. © Johan Dehlin

St Mark’s Church, Björkhagen. © Johan Dehlin

Das schwedische Zentrum für Architektur und Design ArkDes hat nun als Vorgriff auf eine Ausstellung im Oktober das bis dato umfänglichste Buch über Lewerentz vorgelegt. Kieran Long, Direktor von ArkDes, Johan Örn, Kurator ebendort, und der Architekturhistoriker Mikael Andersson steuern Texte zu diesem gut 700 Seiten umfassenden Mammutwerk bei: „Sigurd Lewerentz. Architect of Death and Life“. Durchweg in englischer Sprache sind diese Essays ebenso gut lesbar wie erhellend, zeigen sie doch nicht nur den Architekten Lewerentz, sondern zeichnen auch seine Entwicklung nach. Durch intensives Studium der Archive und eine Vielzahl von Gesprächen, die die drei gemeinsam mit einem Team geführt haben, gelingt so eine gebührende Aktualisierung von Werk und Autor. Untermalt wird das durch eine Vielzahl von historischen Fotos, Skizzen und Plänen, die Lewerentz in seinem Studio zeigen, bei Ausflügen und in Gesprächssituationen.

Meditation grove Almhöjden. The Woodland Cemetery, Stockholm. © Johan Dehlin

Der Architekt und Fotograf Johan Dehlin hat ergänzend dazu ausgewählte Projekte wie die Villa Edstrand, die Kirche St. Peter und verschiedene Bauten auf den von Lewerentz teilweise über Jahrzehnte betreuten, beplanten und bebauten Friedhöfen in Malmö und Stockholm, neu aufgenommen. Mehr als die Hälfte des Buchs nimmt eine von Mikael Andersson kommentierend eingeordnete Werkschau ein. Hier finden sich nicht nur alle gebauten Häuser und Ensembles, sondern auch eigene Fotografien, Entwürfe, Interieurs, Möbel und studentische Arbeiten aus der Feder Sigurd Lewerentz´. Allein in diesem Teil des Buchs mag man sich aufgrund der Vielschichtigkeit und der teilweise wunderschönen Collagen direkt verlieren. Wahrlich eine Schatzkiste der Architekturgeschichte.

Sigurd Lewerentz. Architect of Death and Life, hrsgg. von Kieran Long, Johan Örn und Mikael Andersson.

Kieran Long macht in seinem Vorwort genau darauf aufmerksam. Dass solche Bücher heutzutage noch entstehen können, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Vor allem sei es die finanzielle und politische Unabhängigkeit schwedischer Institutionen – wie auch das ArkDes eine ist –, die ein solch umfängliches Projekt möglich machten. Jahrelange Forschung, Quellenstudium und -aufarbeitung, Interviews und die abschließende Präsentation als Ausstellung und Buch, all das haben Long und sein Team bereits 2017 angestoßen. So ist das ebenso schöne wie lehrreiche Buch auch ein Beweis für die Notwendigkeit staatlicher Institutionen, die sich auf inhaltliche und monetäre Unabhängigkeit berufen können. Nur so, das zeigt diese Publikation, können notwendige Grundlagenarbeit und kulturelle Mehrwerte geschaffen werden.

David Kasparek

Sigurd Lewerentz. Architect of Death and Life, hrsgg. von Kieran Long, Johan Örn und Mikael Andersson, 712 S., 492 farb. und 264 s/w Abb., englisch, ArkDes/Park Books, Stockholm/Zürich 2021, 120,– Euro, ISBN 978-3-03860-232-3

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