Buch der Woche: Critical Care

Anschlussfähig

Der Klimawandel ist lange bekannt. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es von John Tyndall erste Berechnungen zu Treibhauseffekten, in den 1960er- und 1970er-Jahren verdichten sich die Warnungen, etwa von Michail Iwanowitsch Budyko und Wallace Broecker, der Mensch trage einen gewichtigen Teil zu diesen Effekten bei. Fanden Forscher in dem 1990 veröffentlichten ersten Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschuss über den Klimawandel (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) nur „geringe wissenschaftliche Beweise“ auf die Veränderung des Klimas, sprach der zweite IPCC-Bericht bereits von einem „merklichen Einfluss auf das globale Klima des 20. Jahrhunderts“, den die Menschheit ausübe. Inzwischen kann in Anbetracht der Faktenlage von Zweifeln am menschengemachten Klimawandel keine Rede mehr sein. Der Planet Erde befindet sich in kritischem Zustand, sollte das im Pariser Klimaabkommen fixierte „Zwei-Grad-Ziel“ nicht eingehalten werden, drohen weitere irreversible Schäden.

Xu Tiantian/DNA_Design and Architecture: Tofu Factory, Caizhai Village, Songyang, China 2018, Foto: Wang Ziling

Klimafolgenforscher wie Hans Joachim Schellnhuber rechnen etwa damit, dass das Great Barrier Reef vor Australien nicht mehr zu retten sein wird. Schuld sind wir. Sollte die „Zwei-Grad-Schwelle“ der Erderwärmung überschritten werden, drohen die Eisschilde Grönlands und der Antarktis abzuschmelzen, die borealen Wälder abzusterben, die Meeresströmungen wie der Golfstrom zu versiegen. Bereits die jetzige Erwärmung des Klimas hat beträchtliche Auswirkungen auf den Jetstream, wie Schellnhuber in einem ausführlichen Interview für die am 14. Juni erscheinende Ausgabe 3/19 von der architekt schildert: der Luftstrom, der in rund zwölf Kilometern Höhe mit einer Geschwindigkeit von etwa 200  Kilometern in der Stunde von Ost nach West fließt, hat sich deutlich verlangsamt, aus dem schmalen Luftband ist eine breitere Masse geworden. Den Grund machen Klimafolgenforscher in der Reduzierung des Temperaturunterschieds zwischen arktischen Luftmassen und denen der gemäßigten Breiten aus. Die Folgen sehen wir beispielsweise in trägerem Wetter – wenn Wettersysteme länger als gewöhnlich an einem Ort verharren und damit zu wochenlangem Regen oder Hitze in einer Region führen. Stark verkürzt: Die Systeme werden nicht mehr so schnell abtransportiert, da sich die Luftmassen an den Kontinentalgrenzen gegenseitig blockieren.

Architecten de vylder vinck taillieu: PC Caritas, Melle, Belgien 2016, Foto: Filip Dujardin

Diese Krise haben wir heraufbeschworen. Dem Planet wird das ziemlich sicher egal sein. Uns jedoch, wie vielen anderen Arten auch, aber nicht. Wir müssen uns ums Überleben Sorgen machen. Lange Zeit wurde diese Untergangsstimmung mit einer Art Schutzhaltung kombiniert, dass die zugrundeliegenden Phänomene zu komplex seien, als das der Mensch mit individuellen Entscheidungen Einfluss darauf nehmen könnte. Seit einigen Jahren aber zeigt sich, dass sich mehr und mehr Menschen aus dieser Lethargie lösen. Der Planet sei zwar „gebrochen“, wie die Publikation „Critical Care“ und die dazugehörige Ausstellung im Architekturzentrum Wien, konstatieren, es gibt aber eine Vielzahl von Beispielen, die zeigen, dass der Mensch sehr wohl in der Lage ist, sich und sein Verhalten zu ändern und unseren Lebensraum die dringend notwendige Pflege zukommen zu lassen. Die Herausgeberinnen und Kuratorinnen von Katalog und Ausstellung, Angelika Fitz und Elke Krasny, konstatieren zwar, dass die Erde sich in „lebensbedrohlichem Zustand“ befinde, haben aber auch zusammengetragen, wie sich dieser mittels „Intensivpflege“ ändern lässt.

Corporación del Proyecto ENLACE del Caño Martín Peña (ENLACE) und G-8 Grupo de las Ocho Comunidades Aledañas al Caño Martín Peña, Inc.: Caño Martín Peña Community Land Trust, San Juan, Puerto Rico, 2014, © Fideicomiso de la Tierra del Cano Martín Peña/ Proyecto Enlace/ G-8, Foto: Ernesto Robles

Die stattliche Anzahl von zwölf englischsprachigen Texten gliedert sich in die Kapitel „Pflege“, „Ökologie“, „Labor“ und „Ökonomie“. Diesem detailreich aufgearbeiteten theoretischen Unterbau satteln Krasny und Fitz insgesamt 21 Fallstudien auf, die an konkreten Beispielen zeigen, wo sich Handlungsspielräume für Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner auftun. Dabei ist nicht nur schön anzusehen, welche Lösungen in Städten und ländlichen Gebieten in Afrika, Asien, Europa, dem Nahen Osten sowie Nord- und Südamerika bereits umgesetzt wurden, sondern wie einfach Akteure aus Zivilgesellschaft, Institutionen und Lokalpolitik hier in die Proaktivität und ins Handeln kommen. Manches ist sehr einfach, anderes komplex, gemeinsam ist den Projekten, dass hier „Leute machen“ – und nicht länger abwarten. Sie arbeiten sich am Bestand ab, entwickeln ihn weiter, setzen auf gemeinschaftliches Arbeiten, Ressourcenschonung, regenerative Energien, einfache Bautechniken oder natürliche Materialien (eine Liste mit allen beteiligten Büros am Ende dieses Textes).

Lacaton & Vassal, Frédéric Druot und Christophe Hutin: Transformation von 530 Wohnungen, Cité du Grand Parc, Bordeaux, Frankreich 2016, Foto: Philippe Ruault

Diese Zusammenschau zeigt, dass es nicht die eine große Lösung gibt. Architekten aber haben mit den ihnen zur Verfügung stehenden Werkzeugen gleich mehrere Trümpfe auf der Hand, die sie im Kampf um das Erreichen des „Zwei-Grad-Ziels“ ausspielen können. Das Pflegen beginnt beim Individuum, dieser Ausstellungskatalog zeigt, dass es anschlussfähige Handlungsweisen gibt – die Zeit für resigniertes Abwarten ist endgültig vorbei.

David Kasparek

Angelika Fitz, Elke Krasny, Architekturzentrum Wien (Hrsg.): Critical Care. Architecture and Urbanism for a Broken Planet, mit Texten von Mauro Baracco, Sara Brolund de Carvalho, Jane Da Mosto, Angelika Fitz, Hélène Frichot, Katherine Gibson, Mauro Gil-Fournier Esquerra, Valeria Graziano, Gabu Heindl, Elke Krasny, Lisa Law, Ligia Nobre, Meike Schalk, Linda Tegg, Ana Carolina Tonetti, Kim Trogal, Joan C. Tronto, Theresa Williamson und Louise Wright, 304 S., 180 Abb., engl., Paperback, MIT Press, Cambridge 2019, $40,-, ISBN: 9780262536837 

Kounkuey Design Initiative: Kibera Public Space Projekt, Nairobi, Kenia, seit 2006, © Kounkuey Design Initiative, Foto: Jesús Porras

Mit Beispielen von
aaa atelier d’architecture autogérée, Ayuntamiento BCN, Kashef Mahboob Chowdhury/Urbana, Cíclica [Space.Community.Ecology] + CAVAA arquitectes, Care+Repair Tandems Vienna (Gabu Heindl, Zissis Kotionis, Phoebe Giannisi, rotor, Meike Schalk, Sara Brolund de Carvalho, Cristian Stefanescu, Rosario Talevi und vielen anderen), Colectivo 720, Estudio Teddy Cruz + Fonna Forman, EAHR Emergency Architecture & Human Rights, Fideicomiso de la Tierra del Caño Martín Peña CLT, Anna Heringer, Anupama Kundoo, KDI Kounkuey Design Initiative, Lacaton & Vassal, Yasmeen Lari, muf architecture/art, Paulo Mendes da Rocha + MMBB, RUF Rural Urban Framework, Studio Vlay Streeruwitz, De Vylder Vinck Taillieu, Xu Tiantian/DnA_Design and Architecture, ZUsammenKUNFT Berlin

Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise
Ausstellung bis 9. September 2019
Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1 im MQ
1070 Wien
täglich 10:00-19:00 Uhr
Eintritt: 9,– Euro (ermäßigt 7,– Euro)

www.azw.at/de

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