Buch der Woche: Die Industriearchitektur Albert Kahns

Architektonischer Fordismus

Geschichte wird gemacht. Darauf haben in der Vergangenheit viele hingewiesen. Dinge passieren zwar mehr oder minder einfach so, ob und wie sie rezipiert werden, darüber entscheiden jedoch Einzelpersonen oder schlicht der Zufall. Der Architekt Albert Kahn ist in diesem Kontext eine Art Paradebeispiel für die Wirkmächtigkeit Einzelner. In den 1920er-Jahren wird seine Industriearchitektur von den Apologeten des Neuen Bauens in Europa auf dem alten Kontinent verbreitet. Walter Gropius druckt Abbildungen von Kahn-Bauten bereits im Jahrbuch des deutschen Werkbundes 1913 ab, Adolf Behne widmet dem Detroiter „General Motors Building“ 1925 eine Doppelseite in Blick über die Grenze – Baukunst des Auslands und zeigt die „Seamless Steal Tubes“ in Detroit im gleichen Jahr in seinem zum Standardwerk werdenden Der moderne Zweckbau. Kahns Architektur ist für sie vorbildlich in ihrem Sinne einer neuen, rationalen Bauweise.

Vor allem aber Henry-Russell Hitchcock ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert. Der US-amerikanische Architekturhistoriker und -theoretiker nennt in seinem (unveröffentlichten) Aufsatz Industrial Architecture das Ford River Rouge-Werk von Kahn „einen größeren Beitrag zur Architektur (…) als das Empire State Building“. Außerdem sei es „ein sehr frühes Beispiel einer Gruppe bedeutender Industriebauten“. Auch im Ausstellungskatalog zur Schau Modern Architecture: International Exhibition, die 1932 im Museum of Modern Art zu sehen ist, bringt Hitchcock seine Anerkennung für das Werk Kahns zum Ausdruck.

Das aber ändert sich ab etwa 1942 – erneut vor allem wegen der Rezeption durch Henry-Russell Hitchcock. 1947 unterscheidet er Albert Kahn explizit vom „Genie“ Frank Lloyd Wright und nennt ihn einen „bürokratischen Architekten“, rückt ihn gar die Nähe jener Architekten, die für „nationalsozialistische und hegemoniale Regime“ arbeiten, wie Claire Zimmerman in ihrem Beitrag zum Buch Albert Kahns Industriearchitektur. Form Follows Performance“ der beiden Herausgeber Thorsten Bürklin und Jürgen Reichardt eindrücklich herausarbeitet. Zimmerman ist es auch, die darauf hinweist, dass Kahn in Hitchcocks Built in USA: Post-war Architecture schließlich gar nicht mehr auftaucht. Ein Eindruck, der sich im Laufe der Zeit durch eine Vielzahl anderer Publikationen verfestigt.

Der Schwerpunkt von „Albert Kahns Industriearchitektur“ liegt auf acht Projekten seines kaum zu überblickenden Werks. Der Packard Forge Shop (Detroit, 1910), das Ford Motor Company Eagle Shipbuilding (Detroit, 1919), die Ford Glass Plant (River Rouge, 1922/23), das Export Building und das Assembly Building der Chrysler Half-Ton Truck Plant (beide Detroit, 1937/38), das Glenn Martin Assembly Building (Middle River, 1937), das Chrysler Tank Arsenal (Warren Township, 1940-42) und die Willow Run Bomber Plant (Ypsilanti, 1941). Jedes dieser Projekte ist umfangreich aufgearbeitet und wird in Texten, historischen Planzeichnungen, Fotos sowie Abbildungen digitaler wie analoger Modelle erläutert. Die Modelle wurden von einer Gruppe Studierender der Münster School of Architecture angefertigt, die sich im Rahmen eines Seminars und vor Ort in Michigan mit den Bauten Kahns auseinandergesetzt hat.

Die Konfliktlinien, die das Werk des Architekten aufwirft, werden aufgezeigt, ohne sie jedoch in Gänze auszudiskutieren. Dass das unterbleibt, liegt zum einen am aktuellen Stand der Forschung, zum anderen daran, dass das Œuvre schlicht überwältigend groß ist. Allein in der Sowjetunion entstanden im Rahmen des ersten Fünfjahresplans rund 500 Fabriken nach Entwürfen von Kahn Associates. Das im Birkhäuser Verlag vorgelegte Buch zeigt eine Karte aus dem Jahr 1939, auf der alle zum damaligen Zeitpunkt realisierten Projekte verzeichnet sind: Kein Kontinent bleibt dabei ausgespart. Im Kern ließ sich ein solcher Output nur durch eine strikte „Industrialisierung“ der Planung realisieren: die Firma, die die Fabrik für Fords T-Modell entwarf, setzte selbst auf streng getaktete Massenfertigung. Wie rational man dabei bei Kahn Associates vorging, zeigt sich auch daran, dass man alle Planunterlagen, Dokumente und Fotos zu Projekten, die abgerissen oder anderweitig zerstört wurden, in den Archiven der Firma vernichtete.

Im Hier und Jetzt schließlich wird diese Werkschau durch eine Fotoserie verankert, die zeigt, wie es um einige der beeindruckenden Bauten heute bestellt ist. Und so ist das nun vorliegende Buch tatsächlich eine bis dato konkurrenzlose Monographie über einen der bedeutendsten Industriearchitekten des 20. Jahrhunderts. Passend vorgelegt zum 150. Geburtstag des Architekten in diesem Jahr – in dem sich auch die Gründung des Bauhaus zum 100. Mal jährt.

David Kasparek

Thorsten Bürklin, Jürgen Reichardt (Hrsg.): Albert Kahns Industriearchitektur. Form Follows Performance, 240 S., 50 Abb., Birkhäuser, Basel 2019, 69,95 Euro, ISBN 978-3-0356-1808-2

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