Ein Film über einen besonderen Freizeittreff in Leipzig

Bowlen, nicht kegeln

Es gab Ende der 1980er Jahre einen Witz in Leipzig: „Warum ist der Bowlingtreff unterirdisch?“ – „Damit die in Berlin nicht merken, dass in Leipzig noch Bauarbeiter sind.“ Der 1987 eröffnete „Bowlingtreff“ ist ein Bau, den es eigentlich nicht hätte geben dürfen: Zur 750-Jahr Feier Berlins wurden alle verfügbaren Ressourcen und Bauarbeiter des Landes nach Berlin beordert. Dennoch schafften es die Leipziger, quasi am Zentralkomitee vorbei, einen Freizeittreff zu errichten, der es in sich hatte: 14 Bowlingbahnen für 84 Spieler in zwei Hallen (hier wurde gebowlt, wo doch sonst überall gekegelt wurde), Gastronomieeinrichtungen mit 310 Plätzen, fünf Billardtische, sechs Spielautomaten und das erste Fitnesscenter des Landes mit zehn Trainingsplätzen. Beim Material wurde auch nicht gespart: Verbaut wurden Marmor und Eichenparkett. Architekt war Winfried Sziegoleit (zusammen mit Volker Sieg), der auch das formensprachlich verwandte Gewandhaus (1977-1981, Rudolf Skoda, Eberhard Göschel, Volker Sieg, nach einer städtebaulich-architektonischen Konzeption von Horst Siegel und Rudolf Skoda) mit entwarf.

Dem außergewöhnlichen Bau, „einem der wenigen substanziellen Beiträge zur Architektur der Postmoderne in der DDR“ (Thomas Topfstedt), widmen die Architekten Thomas Beyer und Adrian Dorschner einen Dokumentarfilm, der das Lebensgefühl in Leipzig kurz vor der Wende einfängt: Hauptsächlich spielten sich die Bautätigkeiten der Stadt in den großen Wohnsiedlungen ab, die Innenstadt verfiel zunehmend. Der Bowlingtreff sollte auch ein Lichtblick sein, ein besonderer „Gesellschaftsbau“ für das Volk. Im Film kommen auch Denise Scott Brown und Paolo Portoghesi zu Wort, die die Einzigartigkeit des Bowlingtreffs bestätigen.

Der Bowlingtreff liegt zwar direkt am Leipziger Innenstadtring, aber dennoch abseits der Wahrnehmung. Das mag daran liegen, das seine flächenmäßige Ausdehnung von oben nicht zu erahnen ist: Vom Eingangsbau mit Glasdach geht es steil nach unten zu den Bahnen – die unterirdische Anlage stammt noch aus dem Jahr 1925 und diente damals als Umspannwerk. Heute sind die Eingänge vermauert – der Treff musste 1997 schließen, die zukünftige Nutzung des denkmalgeschützten Bauwerks ist derzeit unklar.

Juliane Richter

Bowlingtreff
Regie: Thomas Beyer, Adrian Dorschner, Deutschland 2015, 60 Minuten, deutsch, englisch, italienisch
Sendetermine: 8.11.2015,  23.55 Uhr, MDR; 25.11.2015, 0.00 Uhr, NDR

 

 

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