Buch der Woche: Architekturreiseführer Istanbul

Istanbul, wandelbar

Architekturreiseführer legen gemeinhin ihren Fokus auf feste Strukturen, auf Gebautes, Stabiles, Unverrückbares – seien es Gebäude berühmter Architekten, mit einer besonders weit zurückreichenden Geschichte, oder außergewöhnliche, besondere Bauten. Hendrik Bohle und Jan Dimog haben ihrem Architekturreiseführer zu Istanbul (DOM publishers) ein etwas anderes Kapitel angefügt: „Die Stadt als Bühne“ ist es betitelt und behandelt das Flüchtige, Ephemere, Fluide der Stadt. Die Istanbuler, erläutern die Autoren, haben schon immer ganz selbstverständlich ihre Stadt als Aktionsfläche genutzt und sich auf vielfältige Art und Weise angeeignet: Lücken zwischen zwei Gebäuden werden zu improvisierten Verkaufsständen, an den Straßenrändern stehen mobile Strukturen, aus denen heraus Pilav (ein Reisgericht), Sandwiches oder Simit (Sesamkringel) verkauft werden. Schuhputzer bauen ihre Bänkchen auf, Müllsammler reisen mit großen Sackkarren durch die Straßen. Daraus sind eine Reihe von informellen Strukturen und Räumen entstanden, die in dem Reiseführer mit Fotos und erläuternden Zeichnungen (es handelt sich um Ergebnisse eines Forschungsprojekts im Rahmen des Manzara Architektur-Stipendiums) vorgestellt werden und die untermauern, dass es sich um „ernstzunehmende städtebauliche, soziale und ökonomische Komponenten der Stadt“ handele. Inhaltlich logisch fügt sich in dieses Kapitel auch die „Protestarchitektur“ auf dem Gezipark-Gelände ein.

Istanbul, Architekturreiseführer, DOM publishers, Schuster, Foto: Hendrik Bohle und Jan Dimog

Solcherart vorbereitet, entdeckt man auf der Reise durch die Stadt tatsächlich viel kreatives Aneignungspotential. Oft sind es temporäre Strukturen und Ästhetiken, für deren Benennung wir in Deutschland (oder anderen westlichen Kulturen) andere Vokabeln nutzen würden, die aber das gleiche beschreiben: Pop-Up-Märkte, Zwischennutzung, DIY. Darüber sollte man nicht vergessen, dass dahinter in Istanbul schlichtweg Not(wendigkeit) steht und viele Leute nicht einmal von einem Job allein leben, geschweige denn die immens hohen Mieten bezahlen können. Die Stadt ist keine Stadt für alle. Und auch darauf gehen die Autoren ein: Sie erläutern die generelle Baupolitik der Stadt im Zeitalter des Neoliberalismus, deren Investoren- und Bauboom der letzten dreißig Jahre teils absurde Blüten trägt. Istanbul befindet sich inmitten eines gewaltigen Wandlungsprozesses, mit all seinen positiven (Wirtschaftswachstum, Liberalisierung der Gesellschaft) und negativen (Gentrifizierung, Umsiedlung, Ausfransung der Stadtränder, Umweltprobleme) Begleit- und Folgeerscheinungen. Glänzende Moderne, Verfall und Armut knallen räumlich recht unmittelbar aufeinander. Wer einmal in Tarlabasi war, dem Viertel direkt am Taksim-Platz und fünf Minuten Fußweg von der kilometerlangen Einkaufsstraße İstiklal Caddesi entfernt, wird dies merken: Das Viertel wurde bereits vor einiger Zeit leergezogen, in den teils verfallenden Gebäuden wohnen aber nach wie vor Menschen, meist Zugezogene aus anderen Ländern. Dazwischen sind riesige Areale umzäunt, worin die Abrissbagger ganze Häuserblocks niederreißen. Und direkt davor befinden sich große Banner, die die Luxuswohnungen, die hier bald entstehen werden, aufwendig anpreisen.

Der Reiseführer macht aus seiner kritischen Haltung keinen Hehl, beleuchtet aber auch die positiven Seiten: Durch den Bauboom konnte qualitativ hochwertige Architektur entstehen, etwa die wegweisende Neuformulierung eines Moscheentypus, die Sancaklar-Moschee von Emre Arolat, oder Kulturbauten des Büros NSMH. Jedoch eine sie „eine Avantgarde, ohne dass die Massenproduktion ihr folge“.

In weiteren Kapiteln des Reiseführers gehen die Autoren klassisch vor: Chronologisch reihen sie Epochen aneinander, wobei sie das weitaus größte Augenmerk auf das 20. Jahrhundert legen und die Zeit zwischen 200 und 1890 gar in einem einzigen schmalen Kapitel abhandeln. Wen das nicht stört, der wird Freude an dem informativen Band haben, der ausführlich auf die Moderne sowie zeitgenössische Bauten eingeht. Zahlreiche Architektenportraits und Interviews mit Bauschaffenden, Aktivisten und Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt ergänzen den Reiseführer und collagieren das Portrait einer Metropole, die in einem beständig ist: ihrer Transformation.

Juliane Richter

Hendrik Bohle, Jan Dimog: Architekturführer Istanbul, 352 Seiten, DOM publishers, Berlin 2014, 600 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-292-9 (deutsch), 38,- Euro

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