Buch der Woche: Neue Architekturfotografie

Dicht dran

Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch fotografieren leere Schaufenster im Fichtelgbierge, Rufina Wu und Stefan Canham lichten informelle Dachsiedlungen in Hongkong ab; Simona Rota zeigt ausgestorbene Feriensiedlungen und Nicoló Degiorgis versteckte Moscheen in Norditalien. So unterschiedlich die Sujets der zwanzig Fotografen, die in ZOOM! Architektur und Stadt im Bild im Münchner Architekturmuseum ausstellten, so sehr eint sie ihre Haltung: Sie alle widmen sich einer „Architektur ohne Architekten“ und sind einem sozialdokumentarischen Ansatz verpflichtet. Im reich bebilderten, klar gestalteten Katalog werden sie noch einmal einzeln vorgestellt und durch Texte zur Beziehung zwischen Fotografie und Gesellschaft ergänzt.

Es gebe eine neue Art es Involviert-Seins der Fotografen, so die These der Kuratoren. Sie handeln aus einem sozialkritischen Gestus heraus: Ihnen geht es nicht um das Abbilden eines Bauwerks als „aufregend gestaltetes Designobjekt“, stattdessen zeigen sie die sozialen Dimensionen der Architektur. Dafür gibt es in der Street Photography und der Fotografie der FSA im Amerika der 1930er Jahre schon frühe und bekannte Vorbilder. Doch neue Zeiten beschwören neue Krisen herauf: Die Wohnungsfrage ist nach wie vor ungelöst, Verteilungskämpfe um Land und Fragen nationaler Identitäten flammen aktuell wieder auf. Im Grunde lässt sich auch bei den vorgestellten Fotografen keine eindeutige Einordnung vornehmen: So ist etwa Iwan Baan mit dokumentarischen Aufnahmen der Lebensbedingungen der Zabbaleen, der Müllsammler in Cairo, vertreten. Derselbe Fotograf ist gleichzeitig für die großen Architekturbüros dieser Welt unterwegs, um genau jene Hochglanzfotos zu schießen, die sich jene zur Inszenierung ihrer Bauten wünschen. Ein wenig Slum-Porn zur Abwechslung von der Auftragsarbeit? Die Verdächtigung wäre zu kurz gegriffen, schließlich stellen die Fotografien immer die Frage nach der Würde der Abgebildeten – es gibt einen schmalen Grat zwischen aufklärerischem Impuls und „visueller Ghettoisierung“ (Jutta von Zitzewitz). Letztlich sollen die Bilder auch den Betrachter bewegen und ihn hineinziehen: „vom Dabeigewesensein des Fotografen zum Dabeisein des Betrachters“. Karthasis durch Kunst – auch ein altes Thema, dass neu zur Disposition gestellt wird.

Juliane Richter

ZOOM! Architektur und Stadt im Bild. Katalog hrsg. von Andres Lepik und Hilde Strobl, 208 S. mit 225 Abb., broschiert, Verlag der Buchhandlung Walther König, München 2015, dt./engl., 29,80 Euro, ISBN 978-3- 86335-735-1

ZOOM! - MÜNCHEN, ARCHITEKTURMUSEUM - Architektur und Stadt im Bild. Katalog, Cover

ZOOM! Architektur und Stadt im Bild, Katalog 2015, Cover

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