Buch der Woche: Finding Brutalism

Durch die schwarz-weiße Brille

Es ist kaum zu leugnen, dass die Architektur des Brutalismus und das Medium der Fotografie, insbesondere schwarz-weiß-Fotografie, unwahrscheinlich gut zusammenpassen. Die ausdrucksstarken, skulptural anmutenden Formgebilde, die komplexen und starke Kontraste erzeugenden Durchdringungen und Überlagerungen von Baukörpern sowie die vielfältigen Oberflächenqualitäten des witterungsanfälligen rohen Betons lassen sich fabelhaft ins Bild bringen. Der Fotograf Simon Phipps lichtet bereits seit vielen Jahren brutalistische Bauwerke in Großbritannien ab. Die Publikation „Finding Brutalism. Eine fotografische Bestandsaufnahme britischer Nachkriegsarchitektur“ zeigt einen beeindruckenden Einblick in sein Schaffen.

Da es sich schon durch den Buchtitel um die Behauptung eines Stils handelt, stellt sich zunächst die Frage, was die Architektur des Brutalismus für den Fotografen überhaupt ausmacht. Abweichend von der landläufigen Meinung, der Brutalismus zeichne sich vor allem durch die Verwendung von Sichtbeton (béton brut = roher Beton) aus, zeigen Simon Phipps Fotografien auch zahlreiche Bauten mit anderen Fassadenmaterialien wie Klinker oder Keramikfliesen – das Material kann damit nur eingeschränkt als Charakteristikum gesehen werden. Und auch die Offenlegung der Stahlbetonkonstruktion ist durchaus nicht immer gegeben. Einen Hinweis darauf, was hier als Kern des Brutalismus angesehen werden kann, liefert ein Interview mit Kate Macintosh, Entwerferin des Großwohnkomplexes Dawson Heights in London, im hinteren Teil des Buches.

Ihre Motivation, so die Architektin, sei vor allem der Versuch gewesen, einen Gegenentwurf zu der kalten Sterilität und ästhetischen Zurückhaltung der klassischen Moderne und deren rein funktionalistischen Ausläufern im Wohnungsbau zu liefern. Man wollte der „leeren Gleichförmigkeit“ gestalterische Ausdruckskraft entgegensetzen und stürzte sich mit großem Selbstbewusstsein in die Entwicklung von raumgreifend angelegten, skulptural anmutenden Bauten, in denen Funktionalität mit expressiver Präsenz zusammenfließen sollten. Wie die Fotografien in verdichteter Form zeigen, hat dies insbesondere zu einem bis dahin ungekannten Spiel mit Volumina geführt, die gestapelt, auf Stützen gesetzt, verschachtelt und versetzt sind; durchzogen von Schächten, Tunneln, Gängen, Brücken, Unterführungen und geöffnet in Überständen und Loggien.

Während man eine solche formale Komplexität in der heutigen Architektur eher vermeidet, um keine Angsträume und vernachlässigte „Unorte“ zu beschwören, galt sie im Brutalismus als Ausdruck einer Loslösung vom stummen Funktionalismus – was aber durchaus nicht als Abkehr von nutzungsoptimierten Raumkonzepten zu verstehen ist. Vielmehr sprach hieraus der Optimismus und das Selbstvertrauen, allen Ansprüchen einer modernen Gesellschaft an Architektur gleichermaßen gerecht werden zu können und sowohl soziale, funktionale, städtebauliche und baukünstlerische Erwartungen in meist großangelegten Projekten zur Erfüllung zu bringen. Doch gerade mit dem Baustoff des Betons verschätzte man sich hinsichtlich seiner ästhetischen Wirkkraft. Noch heute haftet dem Material – auch wenn es wieder hip ist und oft in neuer, polierter Eleganz daherkommt – das Stigma des seelenlosen Baustoffs an. Zudem erzeugt die „Patina“, die Beton schon nach kurzer Zeit in Form von Schlieren und Moosen ansetzt, für viele Bewohner vermutlich eher den Eindruck von Verwahrlosung. Die ziegelverkleideten Bauten des Brutalismus muten da viel wohnlicher an, wenngleich auch sie teilweise unter der mittlerweile ungepflegten Vielgliedrigkeit leiden.

Es gibt zahlreiche hochambitionierte Bauten des Brutalismus, die wir heute als gescheiterte Architekturen wahrnehmen und die aufgrund ihrer scheinbar unzerstörbaren Massivität mitunter verhasster sind als mancher Plattenbau. Die Frage scheint daher nicht unberechtigt, ob die entwerfenden Architekten nicht nur etwas zu optimistisch waren, sondern ob man ihnen nicht auch eine gewisse ästhetische Überheblichkeit attestieren kann. Ähnliches fragt man sich auch angesichts des seit einigen Jahren andauernden Hypes um die kontroversen Bauwerke: Während wohl eher wenige Fans des Brutalismus tatsächlich in einem solchen Bau wohnen wollten, scheint es ein Leichtes, die Architektur mit Sicherheitsabstand und durch die schwarz-weiße Brille abzufeiern.

Die heutige Verehrung spricht mit großer Selbstverständlichkeit über die Schönheit der Bauten, die zweifellos auch da ist, jedoch vermutlich wenig mit dem wahren Leben in den Bauwerken zu tun hat. Dem Fotografen Simon Phipps ist hier kein Vorwurf zu machen, seine Fotografien sind nicht nur als bildnerische Kompositionen und aufgrund der differenzierten Texturen und Graustufen interessant, sondern aus architektonischer Perspektive, da sie die unleugbaren Qualitäten dieser Architekturform auf den Punkt bringen. Man kann nur hoffen, dass der Hype um die Bauten des Brutalismus auch dazu führt, dass die entsprechenden Bauten neu gedacht werden können und sich den ambitionierten Zielen ihrer Erbauer wieder nähern können. Wenn es bei der leeren Bewunderung der schönen Bilder bleibt, wäre das sehr schade.

Elina Potratz

Simon Phipps: Finding Brutalism. Eine fotografische Bestandsaufnahme britischer Nachkriegsarchitektur. Herausgegeben von Hilar Stadler und Andreas Hertach. Mit einem Gespräch zwischen Kate Macintosh und Stephen Parnell sowie Beiträgen von Catherine Ince und Owen Hatherley. In Zusammenarbeit mit dem Museum im Bellpark, Kriens, Gebunden, 20 x 25.5 cm, 258 S., 10 farbige, 192 Duplex- und 28 s/w Abb., Park Books, Zürich 2017, 38 Euro, ISBN 978-3-03860-064-0

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