editorial

die architektin

Vertreterinnen zweier Generationen aus der Redaktion von der architekt, Elina Potratz und Alice Sàrosi, unterhalten sich über Frauen in der Architektur.

Elina Potratz: Liebe Alice, Du bist seit 1979 in der Redaktion von der architekt tätig. Zuvor hast Du bei der „Emma“ mit Alice Schwarzer zusammengearbeitet. Du bist also mit einem feministischen Hintergrund in die Welt der Architektur hineingekommen. Wie hat sich die Situation von Frauen in der Architektur seitdem gewandelt?

Alice Sàrosi: Insofern, als mehr Frauen als Architektin sichtbar geworden sind. Als ich Ende 1979 zu Ingeborg Flagge und dem „Architekten“ wechselte, gab es ja auch schon Architektinnen, die kleinere oder größere Büros gemeinsam mit ihren Ehemännern führten. Ich erinnere mich im BDA-Kontext der frühen achtziger Jahre gut an Bea Betz oder Brigitte Parade, starke Frauen, gute Architektinnen, mit großen Büros, die auch im BDA-Präsidium aktiv waren. Das waren aber eher die Ausnahmen. Die Architektur in den siebziger und achtziger Jahren war männlich geprägt, obwohl es auch da schon viele Architekturstudentinnen gab. Es änderte sich in den mittleren neunziger Jahren, als eine neue Generation am Start war und Frauen sowohl in den Büros wie auch drumherum, in den Gremien, Symposien oder in der Lehre präsenter wurden. Es fallen mir spontan Inken Baller, Mirjana Markovic, Hilde Léon oder auch Brigitte Holz ein, noch etwas später Architektinnen und Hochschullehrerinnen wie Jórunn Ragnarsdóttir oder Gesine Weinmüller. Um nur einige wenige zu nennen. Singuläre Lichtgestalten wie Zaha Hadid, die bereits in den achtziger Jahren mit ihren ersten Arbeiten bekannt wurde, waren die Ausnahme. In den letzten zehn bis 20 Jahren sind Frauen in der Architektur, auch in der Stadtplanung, sehr viel präsenter – und das ist auch gut so. Endlich.

Elina Potratz: Vorurteile, bewusst und unbewusst, und benachteiligende Mechanismen gegenüber Mädchen und Frauen sitzen immer noch tief und sind vielleicht subtiler als früher, führen aber immer noch dazu, dass Frauen sich tendenziell weniger zutrauen. Zudem ist auch die Arbeitsteilung im familiären Kontext immer noch nicht ganz paritätisch. Worin siehst Du die Gründe für die Ungleichheit in der Architekturwelt?

Alice Sàrosi: Es sind die gleichen Gründe wie im täglichen Leben auch, seit hunderten von Jahren schon, zumindest seit Männer durch Religion und Kirche den Umgang mit Frauen gesteuert und geprägt haben. Das betrifft alle Religionen, nicht nur die christlichen. Von der fundamentalistischen Ausrichtung des Islams und der Auswirkung auf Frauen und Mädchen ganz zu schweigen. Das ist ein historisch langer Zeitraum von Ungerechtigkeit, die unsere Gesellschaften geprägt haben und noch prägen, und in heutiger Zeit unter anderem am sichtbarsten dadurch, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, bei gleicher Qualifikation. Ein Unding.

Elina Potratz: Viele Menschen aus meiner Generation empfinden den Titel der Zeitschrift der architekt nicht mehr als zeitgemäß. Die Entstehung des Titels ist zwar komplex – er beruft sich auf die Zeitschrift gleichen Namens der Wiener Sezession –, jedoch reproduziert er das Bild des männlichen, vorwiegend allein agierenden Architekten-Genies. Wir haben uns daher entschieden – nach der einmaligen Umbenennung in „die architektin“ – eine langfristige Anpassung des Titels der Zeitschrift anzugehen. Welches Verhältnis hast Du zu dem Namen unserer Zeitschrift?

Alice Sàrosi: In der Redaktion haben wir über Jahrzehnte hinweg immer wieder den Titel diskutiert, sind dann aber aus traditionellen und Titelschutzgründen heraus nicht in die Gänge einer Veränderung gekommen (lacht). Es ist mir natürlich persönlich sehr recht und wirklich an der Zeit, dass das Weibliche im Titel der Zeitschrift auftaucht und die vielen Architektinnen, die es heute gibt, widerspiegelt.

Elina Potratz: Im Rahmen des Festivals Women in Architecture Berlin 2021 veranstalten wir im Juni ein Seminar für Architekturstudentinnen zum Thema Selbständigkeit, in dem BDA-Architektinnen über ihre Erfahrungen berichten. Was müssen wir den kommenden Generationen mitgeben? Und reicht es, junge Architektinnen zu bestärken oder muss noch mehr geschehen?

Foto: Elina Potratz

Foto: Elina Potratz

Alice Sàrosi: Die Frage sprengt unseren kleinen publizistischen Rahmen. Es gilt, junge Mädchen und Frauen auf jeden Fall kontinuierlich darin zu bestärken, dass sie alles lernen und wissen können, sie alle Berufe ergreifen und überhaupt, alles machen und leben können, wie sie wollen – wie die männliche Spezies auch. Und diese Vermittlung muss dringend bereits in der Familie, im Kindergarten, der Schule, in Studium und Ausbildung Eingang finden. Ich bin sehr hoffnungsfroh, wenn ich mir die jungen Frauen heutzutage anschaue oder anhöre, sie wissen oft sehr genau, was sie wollen und vor allem, was sie nicht wollen. Bei Fridays for Future zum Beispiel sind sehr viele Mädchen und junge Frauen sichtbar engagiert, das ist fein. Natürlich gibt es auch immer wieder kurzzeitig rückläufige Entwicklungen, wellenartig, wo plötzlich viele junge Frauen partout gleich und möglichst dünn aussehen wollen, oder plötzlich wieder sehr jung heiraten und so weiter, aber die Frauen sind definitiv auf dem Vormarsch – im politischen Spektrum weltweit sichtbar – und fordern auf unterschiedlichste und kluge Weise ihre Rechte ein.

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