Reflexionen und Perspektiven des deutschen Städtebaus II

Stadterfahrungen

Städte prägen Biographien, Biographien prägen Städte – mit Blick auf diese Wechselwirkung haben wir für dieses Heft mit Stadtplanerinnen und Architektinnen gesprochen, die in Deutschland in besonderem Maße Städte mitgestalten. Damit schließen wir an eine vergangene Ausgabe mit dem Titel „Stadterfahrungen. Reflexionen und Perspektiven des deutschen Städtebaus“ (der architekt 2 / 17) an, in der wir Stadtplaner und Stadtplanerinnen, die die Entwicklung des Städtebaus von der Moderne über die Postmoderne bis in die Gegenwart miterlebt und mitgeprägt haben, zu ihrer persönlichen Sicht auf die zurückliegende und zukünftige Entwicklung im Städtebau befragten. Kamen 2017 noch vornehmlich Personen zu Wort, deren stadtplanerische Tätigkeit bereits in der Vergangenheit liegt, so sind es in dieser Ausgabe Personen, die zwar auf viele Jahre Erfahrung zurückblicken können, jedoch noch inmitten ihres beruflichen Schaffens stehen.

Gesucht sind auch in dieser Ausgabe persönliche Einschätzungen zu Herkunft und Zukunft unseres urbanen Lebensraums. Dabei stehen die persönliche Perspektive auf die anstehenden Herausforderungen des Städtebaus im Zeichen der Globalisierung, der Digitalisierung und des Klimawandels im Fokus. Es geht um eine Einschätzung zu städtischen Transformationsprozessen und ihren Entwicklungslinien, und auch darum, Veränderungen – wie wir sie beispielsweise mit der Pandemie erfahren haben – einzuordnen und zukünftige Chancen aufzuzeigen.

Mit der Corona-Pandemie haben sich die Vulnerabilitäten in unserer Stadtgesellschaft in neuem Maß gezeigt und viele Fragen erhalten eine neue Brisanz: Wie können Innenstädte weiterhin identitätsstiftende und lebendige Orte sein, wenn sich der Einzelhandel zurückzieht? Wie können nachhaltige Mobilitätsformen gefördert werden? Und wie müssen öffentliche Räume, Nachbarschaften und auch Wohnräume in resilienten Stadtgefügen gestaltet sein? Zudem haben sich Ungleichgewichte in Bildung und Einkommen deutlich verschärft, besondere Nachteile erleben hierbei oft Frauen und Kinder. Was bedeuten diese Entwicklungen für die Städte?

BeL Sozietät für Architektur / NL Architects, Quartier Spielbudenplatz: Hotel, Hamburg 2016 – 2020, Abb.: BeL / NL

BeL Sozietät für Architektur / NL Architects, Quartier Spielbudenplatz: Hotel, Hamburg 2016 – 2020, Abb.: BeL / NL

Doch es ist nicht nur die Frage nach Teilhabe und Inklusion, die sich in der Diversität der Gesellschaft in verschärfter Form stellt, sondern es sind die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich verändert haben und weiter verändern. Es ist der globale Markt, der die Sphäre des Öffentlichen und Privaten bestimmt und die Politik in die Enge treibt. Die Eigendynamik im Wechselspiel von Politik und Ökonomie macht deutlich, dass unsere gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr mit dem schönen Bild der Polis zu greifen ist. Viel zu gravierend sind die Veränderungen in der öffentlichen und privaten Sphäre. Die Player haben sich verändert und die Spielregeln folgen den formellen Regeln des Marktes. Welche Gestaltungsräume gibt es noch für die Planung und die Architektur auf diesem engen Spielfeld? Ganz grundlegend stellt sich weiterhin die global drängende Frage, wie das Leben – sowohl in Städten aller Größenordnungen als auch im ländlichen Raum – mit einem nachhaltigen Ressourcenumgang und Biodiversität in Einklang gebracht werden kann.

Wer und was bestimmt hinter den Fassaden die Stadt? Was sind die zentralen Herausforderungen für Planung und Architektur, auf die es zu antworten gilt? Wie gestalten wir inklusive, sichere, resiliente und nachhaltige Städte? In diesem Themenheft wird nach den Erfahrungen von Planerinnen und Architektinnen gefragt und das Stadtbild erkundet, das in ihren Überlegungen und Entwürfen gezeichnet wird.
Annette Rudolph-Cleff, Elina Potratz

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