Reflexionen und Perspektiven des deutschen Städtebaus

Stadterfahrungen

Eine ganze Generation von Stadtplanern hat die Entwicklung des Städtebaus von der Moderne über die Postmoderne bis in die Gegenwart miterlebt und mitgestaltet. Persönlichkeiten wie Tom Sieverts, Christiane Thalgott, Christian Farenholtz, Albert Speer, Uta Boockhoff-Gries, Hans Stimmann, Günther Uhlig oder Andreas Feldtkeller haben nicht nur mehrere Jahrzehnte städtebaulicher Entwicklung begleitet. Aus ihren historischen Erfahrungen, die sie im Gespräch mitteilen, entwickeln sie Perspektiven und Prognosen für die kommende Epoche des Städtebaus im Zeichen von Globalisierung und Klimawandel. Tom Sieverts beispielsweise hat mit seinem Buch „50 Jahre Städtebau“ (Weinsberg 2001) erfolgreich gezeigt, dass es lohnend ist, die Zeitgeschichte des Städtebaus im Kontext der eigenen biografischen Erfahrungen zu beschreiben.

Es entsteht dabei kein historisches Zeugnis, sondern ein spannendes Bild der jungen Geschichte der Stadtplanung und des Städtebaus als Disziplin. Es gelingt ihm präzise, die Aufbruchstimmung der Moderne einzufangen, mit der der Städtebau in die Nachkriegszeit gestartet ist, und zu beschreiben, wie schrittweise die unterschiedlichen Ebenen städtischen Lebens und ihre Komplexität aufgedeckt werden. Unser Blick auf die Stadt ist immer subjektiv. Genau das macht es auch so schwer, die städtischen Entwicklungen zu erfassen. Wir können Stadt weder in empirische Daten fassen, wie dies in Bereichen der Naturwissenschaften der Fall ist, noch aus ihrer Analyse Handlungsansätze und Ziele ableiten.

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Foto: David Kasparek

Planung ist eine Handlungslehre. Der Glaube, dass man nur genug über Stadt und ihre Beziehungsgeflechte wissen muss, um städtischen Krisen auf die Spur zu kommen und daraus Lösungswege zu finden, ist wissenschaftstheoretisch naiv. Diese Vorstellung ist zwar vielen Planungsleitbildern bis weit in die 1960er Jahre hinterlegt, aber sie beruht auf einem kausal deterministischen Weltbild und kann für uns heute nicht mehr gelten. In unserer heutigen Stadterfahrung sind die Grenzen von innen und außen längst verwischt: sie werden ständig neu gezogen. Die Stadt ist räumlich nicht mehr definierbar und auch geschichtlich nicht mehr zu erkennen. Ihre einstigen Formgeber fallen weg und damit verbunden auch der Abbildzwang. Es gibt keine allmächtigen, normativen Grundlagen mehr, keine Megatheorien, sondern es gilt, nachzudenken darüber, was (neue) minimale Ebenen für solidarisches Handeln (Habermas) sein könnten.

Annette Rudolph-Cleff

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