Editorial

Mobile Wohnzimmer

„Woodstock im öffentlichen Nahverkehr“, „Die Angst grassiert“, „Sylt für alle!“ Jenseits der Prognosen zu Fluch und Segen des Neun-Euro-Tickets ist klar: Es entlastet die breite Bevölkerung angesichts gestiegener Lebenshaltungskosten, ermöglicht von Armut betroffenen Menschen eine neue Mobilität und der besonders Corona-gebeutelten Jugend ein bisschen Interrail-Flair in Regionalzügen und S-Bahnen quer durch die Republik.

Gleichzeitig steht hinter dem Ticket auch die Hoffnung, einige für den ÖPNV zu gewinnen, die bislang das Auto bevorzugten. Doch dass es nicht vorrangig ein niedriger Preis ist, der Autofahrende langfristig zum Wechsel bewegen kann, zeigen die Erfahrungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen. Entscheidend ist das Angebot. Daher muss stärker die Frage in den Fokus rücken, wieso der Wunsch nach dem eigenen Auto weiterhin so groß ist und wie sich dieses Bedürfnis auf anderen Wegen erfüllen lässt. Im Auto kann der Mensch wie in einem mobilen Wohnzimmer bequem sowie privat zurückgezogen im öffentlichen Raum unterwegs sein. Mit diesem Komfort kann es der Nahverkehr – wenn er überhaupt ausreichend vorhanden ist – noch nicht ohne weiteres aufnehmen. Ebenso wie das Einfamilienhaus, das – zumindest als Neubau – in Fachkreisen einhellig als Auslaufmodell gilt, ist das Auto für viele ein bedeutsamer Ausdruck persönlicher Freiheit und individueller Lebensgestaltung. Und so wie eine Wohnung in einem plump gestalteten Mehrfamilienhaus in einem öden Quartier kein Alternativszenario darstellen dürfte für eine Person, die ihr Lebensglück im Einfamilienhaus sieht, kann auch die Verkehrswende nicht auf dem bisherigen bescheidenen Niveau weitergeführt werden.

Realität ist, dass die Anzahl der in der Bundesrepublik gemeldeten Pkw am 1. Januar 2022 mit rund 48,54 Millionen Fahrzeugen den höchsten Wert aller Zeiten erreicht hat. Die öffentlichen Flächen, die von Autos – und damit letztlich von privatem Besitz – in Anspruch genommen werden, sind damit ebenfalls auf einem Höchststand, zumal die Automodelle bekanntermaßen nicht kleiner werden.

Bern 1958, Foto: Jack Metzger, Hans Gerber / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv (CC BY-SA 4.0)

Bus und Bahn (genauso wie die Bedingungen zum Fahrradfahren und Zu-Fuß-Gehen) müssen bei den Menschen Lust und Freude erzeugen, damit sie die traute Fahrkapsel verlassen. Der entscheidende Unterschied wird voraussichtlich darin liegen, dass die Angebote nicht bloß „okay“ oder „besser als vorher“, sondern herausragend gut sind. Während dies insbesondere in Stadt und Land unterschiedlich aussehen kann, ist eine Herausforderung allgegenwärtig: Verstärkt noch durch die Corona-Pandemie ist der ÖPNV zum Verkehrsmittel vor allem derjenigen geworden, die keine Wahl haben. Um die Klimaziele realistisch verfolgen zu können und auch einer Segregation entgegenzuwirken, müssen ihn also alle Bevölkerungsgruppen nutzen wollen.

Vor diesem Hintergrund erscheint der kürzlich von Verkehrsforscherin Meike Jipp in einem ZEIT-Interview geäußerte und auf den ersten Blick zynische Vorschlag, auch in Bus und Bahn die erste Klasse einzuführen, nicht mehr ganz abwegig. Wenn sich das hehre Ideal eines demokratischen Verkehrsmittels für alle offenbar nicht einlöst, muss man vielleicht tatsächlich jenen, die ihrem sozialen Status bislang durch ihr(e) Auto(s) Ausdruck verleihen, größere Annehmlichkeiten und Vorzüge offerieren. Pendlerinnen und Pendler möchten außerdem auf ihren täglichen Strecken entspannen, konzentriert arbeiten oder ungestört telefonieren. Für all diese Bedürfnisse gäbe es räumliche Lösungen – und wenn sie erfüllt werden, kann der ÖPNV, in dem darüber hinaus das Unfallrisiko deutlich niedriger ist, das Auto durchaus überholen.

Dass der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen allerdings damit rechnet, nach Auslaufen des Neun-Euro-Tickets die regulären Fahrpreise sogar erhöhen zu müssen, wenn der Bund die gestiegenen Energiekosten nicht ausgleicht, dämpft die Euphorie. Denn auch wenn ein niedriger Preis allein nicht die Verkehrswende bewirkt, heißt das noch lange nicht, dass ein hoher Preis sie nicht hemmt.
Elina Potratz & Maximilian Liesner

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